Hermine Heusler-Edenhuizen  Auf den Spuren der berühmten Ururgroßmutter aus Pewsum

| | 20.08.2024 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hannah, Ole, Kerstin und Heide Petretto zu Besuch in der Manningaburg in Pewsum. Die Puppe am Schreibtisch stellt ihre Vorfahrin, Hermine Heusler-Edenhuizen, dar. Foto: Ortgies
Hannah, Ole, Kerstin und Heide Petretto zu Besuch in der Manningaburg in Pewsum. Die Puppe am Schreibtisch stellt ihre Vorfahrin, Hermine Heusler-Edenhuizen, dar. Foto: Ortgies
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Hermine Heusler-Edenhuizen war Deutschlands erste Frauenärztin und setzte sich unter anderem für Frauenrechte ein. Jetzt hat sich ihre Familie aus Berlin und Ulm auf Spurensuche nach Pewsum begeben.

Pewsum - Neugierig sehen sich Ole und Hannah in der Manningaburg in Pewsum um. Die beiden Geschwister sind gemeinsam mit ihrer Mutter Kerstin Petretto aus Berlin und ihrer Großmutter Heide Petretto aus Ulm angereist, um ein bisschen mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren. Die Puppe, die in einem der Ausstellungsräume am Schreibtisch sitzt, stellt ihre Ururgroßmutter dar, Hermine Heusler-Edenhuizen. Sie war die erste offiziell anerkannte und niedergelassene Frauenärztin Deutschlands.

Hannah und Ole schauen sich die alten Instrumente ihrer Ururgroßmutter an. Foto: Ortgies
Hannah und Ole schauen sich die alten Instrumente ihrer Ururgroßmutter an. Foto: Ortgies

In der Manningaburg hat der Krummhörner Heimatverein ihr einen eigenen Ausstellungsraum gewidmet, in dem sich neben alten Untersuchungsinstrumenten auch private Gegenstände wie Fotos oder Einrichtungsgegenstände befinden. Heusler-Edenhuizen wurde vor knapp 150 Jahren in der Neuen Burg in Pewsum geboren. Die benachbarte Manningaburg war zu dieser Zeit ebenfalls in Familienbesitz.

Gästeführerin Heike Niebuhr-Barfs hat Familie Petretto in der Rolle ihrer Vorfahrin Hermine Heusler-Edenhuizen in der Manningaburg in Pewsum begrüßt. Foto: Ortgies
Gästeführerin Heike Niebuhr-Barfs hat Familie Petretto in der Rolle ihrer Vorfahrin Hermine Heusler-Edenhuizen in der Manningaburg in Pewsum begrüßt. Foto: Ortgies

Erste Ärztin der Frauenheilkunde im Kaiserreich

Grundsätzlich hatten Frauen zu dieser Zeit zwar die Möglichkeit, zu studieren, das galt aber als gesellschaftlich unüblich und war mit vielen Hindernissen verbunden. Per Zufall stieß Hermine Heusler-Edenhuizen 1893 in einer Emder Buchhandlung auf eine Zeitschrift der Frauenrechtlerin Helene Lange. Die gebürtige Oldenburgerin war eine der zentralen Symbolfiguren der damaligen Frauenbewegung in Deutschland, die sich besonders im Bereich Bildung für mehr Chancengleichheit einsetzte.

Der Vorsitzende des Krummhörner Heimatvereins, Menno Müller, zeigt der Familie Ausstellungsstücke über ihre Vorfahrin. Foto: Ortgies
Der Vorsitzende des Krummhörner Heimatvereins, Menno Müller, zeigt der Familie Ausstellungsstücke über ihre Vorfahrin. Foto: Ortgies

Davon inspiriert entschloss sie sich, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Ärztin zu werden. Sie rang ihm das Einverständnis ab, in Berlin den Vorbereitungskursus besuchen und ihr Abitur machen zu dürfen. Dort begann sie auch ihr Medizinstudium und ließ sich später als erste Ärztin im Kaiserreich zur Frauenheilkunde ausbilden. In ihrer Autobiografie schrieb sie über die Zeit, dass sie stets das Gefühl hatte, als Frau in ihren Leistungen kritischer beurteilt zu werden und daher immer härter und besser arbeiten musste als ihre männlichen Kollegen.

Ein Blick in das Fotoalbum von Hermine Heusler-Edenhuizen. Foto: Ortgies
Ein Blick in das Fotoalbum von Hermine Heusler-Edenhuizen. Foto: Ortgies

Kritik am Abtreibungsverbot

Auch engagierte sie sich im Kampf gegen den bis heute diskutierten Abtreibungsparagrafen 218. Den lehnte Hermine Heusler-Edenhuizen ab und plädierte in Zeitungsartikeln und auf Veranstaltungen auch öffentlich für die Abschaffung. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Paragraf nichts brachte und Frauen stattdessen in die Illegalität trieb. Dieses Argument gilt heute noch. Zudem war sie Gründungsmitglied des Verbandes Deutscher Ärztinnen, dem sie in den Jahren 1924 bis 1928 vorstand.

1912 heiratete sie Otto Heusler - ihre Beziehung galt als Skandal, weil sich Heusler ihretwegen scheiden ließ und die beiden außerdem einen Heiratsvertrag auferlegten. Das Paar selbst bekam keine biologischen Kinder, adoptierte aber einen Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen, Hella, ist später Mutter von Heide Petretto geworden, die die Burg in Pewsum nun gemeinsam mit ihrer Tochter und ihren Enkelkindern besuchte.

Kinder hatten sich bei Besuch der Oma gut zu benehmen

Heide Petretto war zwölf Jahre alt als ihre Großmutter verstarb. Entsprechend gut kann sie sich noch an „Frau Mama aus Berlin“ erinnern, wie Hermine Heusler-Edenhuizen im Kreise ihrer Familie genannt wurde. „Sie war eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit und Respektperson mit ihren langen Kleidern. Meine Schwester und ich hatten immer eine gewisse Scheu vor ihr“, sagt Heide Petretto. „Meine Mutter hat sie teilweise sogar gesiezt.“ Wenn Heusler-Edenhuizen zu Besuch kam, hatten sich die Kinder immer gut zu benehmen und wurden von den Eltern auch gerne mal ins Kino geschickt, damit sie zuhause keinen Unfug treiben konnten.

Heide Petretto ist die Enkelin von Hermine Heusler-Edenhuizen. Ihre Großmutter starb, als sie zwölf Jahre alt war. Foto: Ortgies
Heide Petretto ist die Enkelin von Hermine Heusler-Edenhuizen. Ihre Großmutter starb, als sie zwölf Jahre alt war. Foto: Ortgies

Die Sommerferien hat die heute 80-Jährige oft in Pewsum verbracht - der Sohn von Hermine Heusler-Edenhuizen lebte in Pewsum und arbeitete als Gärtner bei der Manningaburg. Dass ihre Großmutter prominent ist, wurde ihr aber erst später klar. Damals hatte sie sich, wie ihre Enkelkinder jetzt, für die Familiengeschichte interessiert und Nachforschungen betrieben.

Ururenkel wollen in der Schule vom Besuch in Pewsum erzählen

Ihre Tochter Kerstin Petretto, arbeitet heute - wie ihre Urgroßmutter - in einer Männer-Domäne. Die studierte Politikwissenschaftlerin arbeitet in Berlin als Referentin. „Es gibt ja immer noch viele Bereiche, in denen Frauen unterrepräsentiert sind“, sagt sie. Einige Male sei sie ihrer Urgroßmutter schon zufällig begegnet, als etwa Berufskolleginnen und Kollegen zum Weltfrauentag etwas über bedeutsame Frauen aus der Geschichte teilten. „Das ist schon schön, dass man dann sagen kann, dass Hermine Familie ist.“

Die Idee zur Reise nach Ostfriesland hatten ihre Kinder, Hannah und Ole. „Wir haben dann gesagt, dass wir das alle gemeinsam machen wollen“, sagt Kerstin Petretto. Weil in Berlin die Schule erst Anfang September wieder losgeht, konnte der Besuch der Ururgroßmutter zudem mit ein paar Tagen am Meer in Norddeich verbunden werden. Das, was sie in Ostfriesland erlebt haben, wollen Hannah und Ole auf jeden Fall mit nach Berlin nehmen und in der Schule davon erzählen. Eine solch prominente Ururgroßmutter zu haben, kann wohl auch nicht jeder von sich behaupten.

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