Ostfriesin war „Sportlerin des Jahres 1949“  Leeraner Athletin stellte einst einen Weltrekord auf

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 25.08.2024 10:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Von 1949 bis 1951 startete Lena Stumpf im Trikot von Werder Bremen. Davor und danach war sie für Germania Leer und den TV Leer im Einsatz. Foto: privat
Von 1949 bis 1951 startete Lena Stumpf im Trikot von Werder Bremen. Davor und danach war sie für Germania Leer und den TV Leer im Einsatz. Foto: privat
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Lena Stumpf war schon als Jugendliche eine erfolgreiche Leichtathletin. Dann zwang eine Krankheit sie in den Rollstuhl. Doch sie kämpfte sich zurück und stellte 1949 sogar einen Weltrekord auf.

Leer - Eine Medaille bei den Olympischen Spielen blieb ihr zwar verwehrt – Dennoch zählt Helene „Lena“ Stumpf zu den herausragendsten Leichtathletinnen ihrer Generation. Nicht von ungefähr wurde sie 1949 zur Sportlerin des Jahres gekürt und steht damit in einer Reihe mit Legenden wie Steffi Graf, Ulrike Meyfarth oder Malaika Mihambo. Im April 2024 wäre die Leeranerin 100 Jahre alt geworden.

Schon als Schülerin erfolgreich – und das ohne Trainer

Ihr Talent stellte Lena Stumpf bereits in jungen Jahren eindrucksvoll unter Beweis. 1938 belegte sie als 14-Jährige mit einer Weite von 5,21 Metern den dritten Platz bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Breslau. Einen Trainer hatte sie damals nicht, und auch die Anreise geschah auf Eigeninitiative. „Ich bin von Leer aus ganz alleine mit dem Zug zu den Titelkämpfen gefahren“ verriet sie in einem 2004 veröffentlichten Zeitungsinterview.

Von 1942 bis 1944 studierte die Ostfriesin in Leipzig und schaffte es gerade noch rechtzeitig, bevor die Bomben fielen, zurück in ihre Heimatstadt Leer. Dort fing sie sich eine schwere Diphtherie ein, die fälschlicherweise als Mandelentzündung diagnostiziert und deshalb nicht vernünftig behandelt wurde. Daraufhin litt Lena Stumpf mehr als zwei Jahre an Lähmungserscheinungen, die sie lange ans Bett fesselten und zum Fortbewegen in einen Rollstuhl zwangen.

Deutsche Meisterin im Weitsprung – nicht nur einmal

Dafür schwang sie sich nach überstandener Krankheit wie der berühmt-berüchtigte Phönix aus der Asche zu neuerlichen Höchstleistungen auf. „Ich war wie befreit und hatte einfach Spaß daran, mich wieder bewegen zu können“, meinte die Sportlerin später rückblickend.

Sie startete zunächst für Germania Leer, wechselte zwischen 1949 und 1951 zu Werder Bremen und kehrte nach einer zweijährigen Wettkampfpause wieder nach Leer zurück. 1950, 1954 und 1955 wurde die Ostfriesin jeweils die Deutsche Meisterin im Weitsprung. Mit der 4x100-Meter-Staffel von Werder Bremen holte sie 1949 und 1951 ebenfalls den nationalen Titel.

„Meine Stärke war die Ausgeglichenheit“, erzählte Lena Stumpf in dem Interview. „Ich war schnell und hatte eine kolossale Sprungkraft.“

Lena Stumpfs Königsdisziplin war der Mehrkampf

Folgerichtig erzielte sie ihre besten Resultate im damals bei den Frauen in fünf Disziplinen ausgetragenen Mehrkampf, wo sie nach einem dritten Platz 1947 im Jahr darauf ihren ersten Deutschen Meistertitel errang. Dabei schrammte sie denkbar knapp am Weltrekord vorbei. „Lena Stumpf, Sportlehrerin aus Ostfriesland, ist nicht mehr gut auf das Hamburger Wetter zu sprechen“, stand seinerzeit im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nachzulesen. „Sturmböen und Regen waren schuld daran, daß sie am letzten Sonntag bei den deutschen Frauen-Fünfkampfmeisterschaften um 8 Punkte den Weltrekord von Gisela Mauermayer verfehlte. Vor zwei Jahren musste sie nach einem Diphterie-Anfall noch halbgelähmt im Rollstuhl fahren.“

Der Wettkampf ihres Lebens

1949 sollte es dann deutlich besser laufen. Am 23. und 24. Juli lieferte Lena Stumpf den Wettkampf ihres Lebens und stellte mit 12,5 Sekunden auf 100 Meter, 1,60 Meter im Hochsprung, 42,60 Meter im Speerwerfen, 12,04 Meter im Kugelstoßen und 5,91 im Weitsprung einen neuen Fünfkampf-Weltrekord auf.

Welchen hohen internationalen Stellenwert diese Marke damals hatte, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass man selbst in der DDR hellauf begeistert reagierte. Die deutsche Fünfkampfmeisterin Lena Stumpf (Werder Bremen) ist die erste deutsche Sportlerin, die nach dem Kriege einen Weltrekord erzielte!“, berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ in seiner Ausgabe vom 29. Juli 1949. „Sie erreichte im Fünfkampf 447 Punkte. Diese Leistung ist um 23 Punkte besser als der noch nicht anerkannte Rekord von Alexandra Tschudina (UdSSR).“

Die Wahl zur „Sportlerin des Jahres“

Angesichts ihrer Erfolge wurde Lena Stumpf Ende 1949 fast erwartungsgemäß von den Fachjournalisten zur Sportlerin des Jahres gewählt. Außerdem erhielt sie 1950 das kurz zuvor von Bundespräsident Theodor Heuss gestiftete „Silberne Lorbeerblatt“, das sie im Rahmen der Deutschen Meisterschaften in Stuttgart in Empfang nehmen durfte. „Vor 50.000 Zuschauern tönte auf einmal mein Name aus den Lautsprechern“, erinnerte sie sich in dem Interview. „Ich musste dann auf ein Podest steigen. Es war fantastisch.“

Die Nachricht ging in etlichen Ländern durch die Presse, so dass bald Glückwünsche aus aller Welt in Ostfriesland eintrudelten. „Ich bekam sogar Post aus Kanada“, so die Sportlerin. „Da stand nur drauf: ‚Lena Stumpf: Deutschland‘. Aber die Post kam in Leer an.“ Hätte sie 1950 zu den Europameisterschaften nach Brüssel fahren dürfen, wäre sie gewiss im Fünfkampf die Top-Favoritin gewesen. Allerdings war Deutschland zu dem Zeitpunkt von den internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen.

Verletzungspech vor den Olympischen Spielen 1952

1951 bestätigte die Ostfriesin ihre exzellente Form, indem sie ihren Mehrkampf-Rekord sogar noch einmal steigerte. Lediglich ein etwas zu starker Rückwind beim Sprint verhinderte, dass diese Bestmarke offiziell anerkannt wurde.

Als 1952 die Olympischen Spiele in Helsinki anstanden, galt Lena Stumpf als aussichtsreiche Gold-Kandidatin. Doch eine Verletzung machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Nachdem sie kurz zuvor während der Deutschen Meisterschaften in Berlin beim Warmlaufen mit dem Fuß böse umgeknickt war, musste sie schweren Herzens auf einen Start bei Olympia verzichten: „Das war bitter, vor allem, weil ich ja die Nummer eins auf der Welt war.“

Die Aussichten wären gut gewesen

Die Enttäuschung wog umso schwerer, da Lena Stumpf dank ihrer Vielseitigkeit 1952 wohl durchaus mehrfache Medaillenchancen gehabt hätte, beispielsweise in der deutschen 4x100 Meter-Staffel, die 1952 in Helsinki den zweiten Platz belegte zeitgleich mit den USA in handgestoppten 45,9 Sekunden. Das bedeutete damals Weltrekord. Erst die elektronische Zeitmessung sah die US-Staffel um schmale vier Hundertstelsekunden vorn. Ein Mitglied des deutschen Silber-Quartetts war Lena Stumpfs Bremer Vereinskameradin Marga Petersen, mit der sie 1949 und 1951 den Deutschen Meistertitel geholt hatte. Die persönliche Bestmarke der Ostfriesin im Weitsprung lag bei 6,01 Meter. Das hätte in Helsinki für die Bronzemedaille gereicht.

Auch im zweiten Anlauf klappte es nicht mit den Olympischen Spielen

Auch an den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne konnte Lena Stumpf wegen einer Verletzung nicht teilnehmen. 1954 hatte sie bei den Europameisterschaften in Bern trotz abermaliger Blessuren immerhin einen respektablen vierten Platz im Fünfkampf errungen. Offizielle Leichtathletik-Weltmeisterschaften gab es damals noch nicht. Und als 1958 in Stockholm die nächste EM stattfand, hatte Lena Stumpf ihren Leistungszenit schon überschritten.

Lena Stumpf blieb dem Sport treu

Ihrer Leidenschaft blieb sie auch nach ihrer aktiven Karriere weiterhin treu. Lena Stumpf arbeitete als Sportlehrerin an der Mittelschule in Leer und war danach in dieser Funktion bis zu ihrer Pensionierung Anfang der 1980er Jahre am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg tätig.

1988 wurde sie für Verdienste um die Leichtathletik und den Sport in die Ehrengalerie des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte aufgenommen.

Lena Stumpf starb am 6. Februar 2012 in ihrer Heimatstadt Leer.

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