Das steckt dahinter  Graffiti-Kunst gegen tristes Grau im Wiesmoorer Skatepark

| | 28.08.2024 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dieser Gorilla von Graffiti-Künstler Andreas Kutzner empfing die Gäste bei der Eröffnung des Wiesmoorer Jugendplatzes. Foto: Böning
Dieser Gorilla von Graffiti-Künstler Andreas Kutzner empfing die Gäste bei der Eröffnung des Wiesmoorer Jugendplatzes. Foto: Böning
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Der Graffiti-Künstler Andreas Kutzner hat dem Jugendplatz in Wiesmoor zur Eröffnung seinen Stempel aufgedrückt. Er erzählt, warum Skateparks und Graffiti zusammenpassen und wie er zum Sprayen kam.

Wiesmoor - Während hinter Andreas Kutzner neben Skateboardern auch Inline-Skater und junge Tretrollerfahrer bei der Eröffnung des Jugendplatzes am Wiesmoorer Ottermeer über die Rampen des Skateparks brettern, steht Kutzner mit einer Spraydose vor dem quadratischen Container am Eingang. Bevor der 46-Jährige den bunten Sprühnebel darauf tanzen ließ, war der noch beige – und fiel neben dem eintönigen Asphaltgrau des Platzes nicht weiter auf. Dann wurde der Kubus für den Graffiti-Künstler zur Leinwand. Kutzner setzt ein paar letzte Highlights an den Blättern, die zwischen Graffiti-Buchstaben und Figuren das Grün der Umgebung einfangen, als ein Junge mit einem schüchternen „Darf ich?“ nach der Klinke des Containers greift.

Für manche ist es nur ein Toilettenhäuschen, für Andreas Kutzner eine perfekte Fläche für seine Kunst. Foto: Böning
Für manche ist es nur ein Toilettenhäuschen, für Andreas Kutzner eine perfekte Fläche für seine Kunst. Foto: Böning

Kutzner schmunzelt: Mit dem neuen Style könnte man fast vergessen, dass sein Kunstwerk die Fassade eines Toilettenhäuschens ziert. Im Laufe des Wochenendes wird er auch die große Rampe und weitere Hindernisse des Skateparks dem Grau des Platzes entreißen. „Skaten und Graffiti gehören ja per se zusammen“, findet Ute Rittmeier vom Stadtmarketing der Blumenstadt – und hat Kutzner deshalb für den Jugendplatz engagiert. „Das hat auch bei der Freilichtbühne super geklappt“, sagt sie. Kutzner kommt aus Aurich und ist als Graffiti-Künstler in Wiesmoor bereits bekannt: Innerhalb von zweieinhalb Tagen verwandelte er im März letzten Jahres mit anderen Künstlern vom Graffitiverein Ostfriesland und Gästen aus Köln den schmucklosen Unterstand an der Wiesmoorer Freilichtbühne in ein 57 Meter langes Kunstwerk.

Modernes Graffiti kommt aus der Bronx

„Bis heute wurde die Wand nicht von anderen Sprayern angefasst. Der Ehrenkodex wirkt“, hat Rittmeier festgestellt. Deshalb hat Kutzner mit dem Skatepark in Wiesmoor eine weitere Bühne für seine Kunst gefunden. Zwar ist das Skateboard schon in den 50er Jahren in der Surf-Szene Kaliforniens an der Westküste Amerikas entstanden, während das moderne Graffiti mit Rap und Breakdance in den 70er Jahren in der New Yorker Bronx an der Ostküste bekannt wurde – doch beide haben schnell zusammengefunden: Graffiti wanderte auf die Skateboards und in die Skateparks. „Das passt schon“, findet auch Kutzner. Der Auricher kommt ursprünglich aus Berlin, wo die Graffiti-Kunst auf den Resten der Berliner Mauer mit der East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain sogar zu einem Denkmal wurde. Er selbst zeichnet Skizzen und sprayt Graffiti seit mehr als 30 Jahren.

Vor mehr als 20 Jahren begann Andreas Kutzner mit zwei anderen Künstlern, dieses Haus im Norden Berlins zu gestalten. Foto: Privat
Vor mehr als 20 Jahren begann Andreas Kutzner mit zwei anderen Künstlern, dieses Haus im Norden Berlins zu gestalten. Foto: Privat

„Die Zeit, als Graffiti-Kunst mit dem Film ‚Beat Street‘ in Deutschland bekannt wurde, habe ich noch nicht richtig mitbekommen“, erinnert sich Kutzner an seine Anfänge. Der Film über Jugendliche in der südlichen Bronx aus dem Jahr 1984 brachte Rap, Graffiti und Breakdance zu einem breiten Publikum nach Deutschland und sogar in die DDR, wo Kutzner damals noch im Norden Berlins wohnte. „Ich war zu der Zeit noch viel zu jung und kannte Graffiti-Kunst eher von den S-Bahnfahrten durch Berlin“, sagt Kutzner. Erst als ihm ein neuer Mitschüler aus einem anderen Stadtteil die Graffiti-Skizze eines Freundes zeigte, machte es bei ihm Klick. „Da habe ich verstanden, dass ich das auch lernen kann und begann erste Skizzen zu zeichnen.“ Das war im Jahr 1992. „Im Prinzip ist es wie beim Skaten“, sagt Kutzner: „Man sieht etwas und fängt an, es nachzumachen. So bringt man es sich nach und nach selbst bei.“

Mit der Spraydose in die Welt

Mehrere hundert Spraydosen in allen Farben hat Andreas Kutzner mit nach Wiesmoor gebracht. Er grinst: „Zu viele“, sagt er und lacht. Seit er den Luxus genießt, mit einem Auto zu den Aufträgen zu fahren, hat er lieber zu viele Dosen dabei als zu wenig. Er nickt zu einem vom Alter formlos gewordenen Rucksack, der zwischen den Kartons voller Sprühdosen auf dem Boden steht. „Früher hatte ich an Spraydosen nur dabei, was in diesen Rucksack passte“, sagt er. Damals musste er viel genauer planen, welche Farben er einpackte. Das war die Zeit, in der er zum Sprayen auch in andere Länder fuhr. „Ich fuhr dorthin, wo ich Leute kannte, die Flächen zum Sprayen organisieren konnten“, sagt Kutzner. So kamen seine Werke nach und nach in die Welt – bis nach Russland und Nordamerika.

Nach dem Toilettenhäuschen wurde es auch auf dem Skateplatz bunt. Foto: Böning
Nach dem Toilettenhäuschen wurde es auch auf dem Skateplatz bunt. Foto: Böning

In Toronto, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Ontario, sind einige seiner Werke noch heute zu sehen – auch nach etwa 20 Jahren. Dort hatte er ein Auslandssemester absolviert: „Ich bekomme noch heute Fotos von Bekannten, die mir zeigen wollen, dass meine Graffiti noch da sind“, sagt er. Welche Motive er auf die Wände bringt, ist seine Sache. Da lässt Kutzner sich nicht reinreden. „Es soll ja Spaß machen. Diese Freiheit ist der Ursprung der Graffiti-Kultur“, sagt er. Sein Graffiti, seine Idee. Das sollte man wissen, wenn man einen Graffiti-Künstler beauftragt. Wolle man Vorgaben machen, würde es teuer. Aber Kutzner winkt ab: „Ich muss mir nicht mehr mit Graffiti meinen Lebensunterhalt verdienen wie im Studium.“ Kutzner lächelt. „Klar arbeite ich an einem solchen Ort wie hier in Wiesmoor weniger mit Totenköpfen und suche mir andere passende Motive aus“, sagt er.

Zwischen Beruf und Hobby

Hauptberuflich arbeitet der 46-jährige Elektroingenieur beim Auricher Windanlagenbauer Enercon in der Projektplanung. Graffiti-Kunst macht er nebenbei, als Hobby und nebenberuflich. Dass diese beiden Gegensätze in seinem Leben zusammenpassen, liegt in seiner Familie. „Meine Mutter war Ingenieurin und mein Vater in der Werbung“, erklärt er. „Mein Vater konnte sehr gut zeichnen. Als Kind hat er mich immer ermutigt, das auch zu versuchen.“ So wurden die Fächer Mathe und Kunst im Abi seine Leistungskurse. Das eine wurde die Basis für den Beruf und das andere für seine Berufung. Inzwischen fährt Andreas Kutzner nur selten in andere Länder, um zu sprühen. Mit dem Graffitiverein Ostfriesland holt er lieber Künstler aus ganz Deutschland und der Welt nach Ostfriesland, um auch hier die Graffiti-Kultur zu etablieren.

Muster sind eine Spezialität von Andreas Kutzner: „Muster suchen wir mit dem Blick, daran bleibt das Auge hängen.“ Foto: Böning
Muster sind eine Spezialität von Andreas Kutzner: „Muster suchen wir mit dem Blick, daran bleibt das Auge hängen.“ Foto: Böning

„Solche Flächen wie diese brauchen wir dafür“, sagt er und nickt in Richtung des Skateparks. Unterführungen, bauliche Schandflecke, triste Häuserwände – so etwas suchen die Graffiti-Künstler des Vereins für ihre Werke. Flächen mit viel Platz für Farbe – möglichst gut sichtbar. „Ich kann nicht nachvollziehen, wenn jemand sagt, Graffiti würden Autofahrer ablenken“, sagt Kutzner. „Vor allem, wenn daneben Werbeplakate hängen.“ Graffiti sei Werbung sogar ziemlich ähnlich. „Es will auf sich aufmerksam machen, manchmal provozieren und einem Ort einen persönlichen Stempel aufdrücken.“ In Wiesmoor kommt das an. „Andreas hat die Motive passend zum Platz gewählt und es ist wieder fantastisch, was in der kurzen Zeit dort entstanden ist“, findet Ute Rittmeier. Es sieht also aus, dass dürfte Andreas Kutzner Wiesmoor bald noch ein bisschen bunter machen.

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