Fall aus Westoverledingen  Autofahrer mit Fahrradkette gewürgt

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 10.09.2024 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich ging es um einen Raubüberfall in Westoverledingen. Foto: Archiv/Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich ging es um einen Raubüberfall in Westoverledingen. Foto: Archiv/Ortgies
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Wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung steht ein 44-Jähriger in Aurich vor Gericht. Er soll in Westoverledingen einen Autofahrer mit einer Fahrradkette gewürgt haben.

Aurich/Westoverledingen - Ein 44-Jähriger soll am 13. März 2024 in Westoverledingen einen Autofahrer von der Rückbank aus mit einer stoffumwickelten Fahrradkette gewürgt haben, um Geld zu erpressen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchte besonders schwere räuberische Erpressung sowie einen am Folgetag verübten Wohnungseinbruchsdiebstahl vor. Dabei soll er ein Handy im Wert von 126 Euro und eine Geldkassette mit Sparbüchern erbeutet haben. Seit Dienstag, 10. September 2024, sitzt der Drogenabhängige auf der Anklagebank des Landgerichts Aurich. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Der gebürtige Papenburger schloss die Erpressung unter Zuhilfenahme der Kette nicht aus, zog sich aber auf Erinnerungslücken zurück. Er war Ende Februar 2024 aus der Untersuchungshaft entlassen geworden und lebte zum Tatzeitpunkt bei verschiedenen Bekannten im Emsland, wobei er immer mehr konsumierte – Kokain, Benzodiazepine und gelegentlich Ketamin, ein Narkosemittel. „Ich hab nicht mehr viel im Kopf. Ich will mich nicht rausreden“, meinte er. „Ich weiß, dass ich im Auto war und eine Kette hatte. Von ihrem Einsatz weiß ich nichts.“

„Ich soll ihm all mein Geld geben“

Am Tattag hatte der Angeklagte eine Bekannte gebeten, von ihr und ihrem Bekannten nach Westoverledingen mitgenommen zu werden. Nachdem die Frau ausgestiegen war, bat der Angeklagte den Bekannten, zur Bank zu fahren, er müsse noch Geld abheben. „Als ich den Motor abgestellt hatte, hat er mich mit einer Fahrradkette mit Stoff dran gewürgt. Ich soll ihm all mein Geld geben“, erklärte der 40-jährige Geschädigte aus Aschendorf vor Gericht. Er habe keine Luft bekommen. „Ich habe nach hinten gegriffen zu seinem Hals und mit enormem Kraftaufwand geschafft, mir die Kette über den Hals zu ziehen“, so der Zeuge. Er sei ausgestiegen. Der Räuber ebenfalls. Dann habe dieser versucht, mit der Kette nach ihm zu schlagen, aber nur die Autotür getroffen.

„Ich habe ihm mein Portemonnaie ohne Geld gezeigt, jedes einzelne Fach“, sagte der 40-Jährige. Dann sei der Angreifer „wutschnaubend abgezogen“. Er selbst sei direkt zur Polizei gefahren, wo er gegen 22.40 Uhr eingetroffen sei: „Ich war wütend und aufgeregt.“ Er habe den Angreifer nicht gekannt. Bei der Polizei hatte er ihn auf einem Foto nur mit einer Quote von 50:50 erkannt. „Ich habe in dem Moment darauf geachtet, dass mir nicht mehr passiert“, rechtfertigte er sich. Auf einem der beiden Fotos, die er ausgesucht hatte, war tatsächlich der Angeklagte abgebildet.

„Der Typ hat mich gerade überfallen“

Der Bekannten, die ihn gebeten hatte, den späteren Angreifer im Auto mitzunehmen, schrieb der Aschendorfer nach dem Vorfall: „Der Typ hat mich gerade überfallen.“ Von ihr habe er nie wieder etwas gehört. Als Zeugin konnte sie nicht geladen werden, weil ihr Aufenthaltsort unbekannt ist.

Die psychiatrische Gutachterin Inga Deutschmann erkundigte sich, ob der Angeklagte während des Vorfalls gelallt oder geschwankt habe. Beides verneinte der Zeuge. „Ich wollt′ mich für die ganze Sache entschuldigen. Wie’s aussieht, bin ich’s auch gewesen“, äußerte der Angeklagte in Richtung des Geschädigten. Der nahm das stumm zur Kenntnis.

Einbruch in Wohnhaus

Am Folgetag soll der Angeklagte zwischen 18.45 und 20.30 Uhr einen Wohnungseinbruchsdiebstahl in Westoverledingen verübt haben. „Ich war beim Sport und meine Frau einkaufen“, sagte der 65-jährige Hauseigentümer. Bei seiner Rückkehr habe er gesehen, dass das Terrassenfenster im Esszimmer offen gewesen sei – „alles war auf dem Boden verstreut“. Oben seien die Schubladen offen gewesen und die Geldkassette im Schrank habe gefehlt. „Mein Handy war auch weg, da habe ich sofort die Polizei gerufen“, sagte er. Er habe das Telefon und die Sparbücher sperren lassen. Das Handy sei ihm inzwischen ersetzt worden. Weitere Schäden seien nicht entstanden. Der Westoverledinger nahm die Entschuldigung des Angeklagten an. „Suchen Sie sich nächstes Mal ein anderes Haus aus“, bat er ihn.

Der Prozess wird am Freitag, 13. September 2024, um 9 Uhr in Saal 003 des Landgerichts Aurich mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

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