Problem mit Feuchttüchern So rauben Wiesmoorer ihrem Klärwerk-Team den Schlaf
Zentnerweise unerlaubte Fracht bekommen die Mitarbeiter der Kläranlage jedes Jahr aus Wiesmoorer Haushalten. Woran jeder denken sollte, bevor er ein Feuchttuch ins Klo wirft.
Wiesmoor - Der Speicher des Mobiltelefons von Derrick Saathoff ist schon fast voll. Allein 15.000 Bilder und kurze Filme hat er von seiner Arbeit drauf. Der Betriebsleiter des Wiesmoorer Klärwerks scrollt durch die Aufnahmen. Viele zeigen die blauen Pumpen des Wiesmoorer Abwassersystems. Ihr Problem: Verstopfung. Zu sehen sind Pumpen mit kleinen bis riesigen, triefenden, schmutzig grauen Faserhaufen. Manche Haufen sind so groß, dass die Pumpe darunter kaum noch sichtbar ist. Dann geht in diesem Bereich im Abwassersystem natürlich nichts mehr und der Notdienst muss ausrücken. „Uns erreichen viele Dinge über das Schmutzwasser der Wiesmoorer“, sagt Saathoff, „aber das ist unser häufigstes und größtes Problem“, erklärt er und tippt auf das Display.
Klumpen von über 30 Kilogramm haben die Mitarbeiter des Klärwerks schon aus den insgesamt 95 Kilometer langen Schmutzwasserkanälen Wiesmoors gezogen. Die Kanäle verbinden die Abflüsse der Haushalte mit dem Klärwerk. Einer der größten Fänge ging dem Team im eigenen Zulaufpumpwerk ins Netz. Hier wird das gesamte Abwasser der Blumenstadt auf dem Gelände des Klärwerks in Empfang genommen. Saathoff tippt wieder auf den Monitor. Zu sehen ist ein Gebilde, das entfernt an Vetter Itt von der Addams Family erinnert – nachdem er aus dem Wasser gezogen worden ist. „Meistens kündigt es sich vorher an, wenn eine Pumpe dabei ist zu verstopfen“, sagt Saathoff. Das Überwachungssystem meldet in dem Fall einen steigenden Energieverbrauch. „Dann wissen wir, dass die Pumpe durch etwas gebremst wird.“
Wieso verstopfen die Pumpen?
Die Haufen in allen erdenklichen Größen stammen überwiegend von Fasern nicht abbaubarer Toilettenfeuchttücher, die in die Toilette gespült wurden. Erlaubt ist das nicht, wird aber seit Jahren immer häufiger gemacht. Für das Kläranlagen-Team ist das eine große Belastung: „Wir sind dadurch eigentlich ständig in Alarmbereitschaft“, sagt Wolfgang Henning, ebenfalls Betriebsleiter der Kläranlage. Sitzt eine Pumpe fest, muss der Notdienst auch nachts raus und das Problem lösen.
Wenn ein Abwasserkanal verstopft und das Fäkal-Wasser sich staut, sind es schließlich nicht die Verursacher, sondern die Klärwerk-Mitarbeiter, die manchmal sehr aufgebrachte Menschen am Telefon haben. Das Grundproblem: Die meisten Feuchttücher bestehen aus reißfestem Vlies aus Textilfasern, die mit Kunststofffasern versetzt sind. So werden die Tücher stabiler. In dieser Form sind sie allerdings nicht biologisch abbaubar. Die Tücher zersetzen sich deshalb nicht nach dem Spülen im Wasser wie herkömmliches Klopapier aus Zellstoff.
Das ist eigentlich eher ein Problem in Großstädten, belastet aber seit Jahren auch die Klärwerk-Mitarbeiter in Wiesmoor. „Die Fasern bleiben hängen und verwinden sich mit weiteren Fasern, die am Ende richtig große Verzopfungen bilden“, erklärt Wolfgang Henning. Diese Fasern setzen sich auf dem Weg von den Haushalten zum Klärwerk unter anderem an den mehr als 100 großen und rund 40 kleinen Pumpen fest, die das Abwasser aus tiefen in höher gelegene Rohrleitungen befördern. Dort verbinden sie sich mit anderen im Klo heruntergespülten Dingen wie Binden oder Lappen.
Was passiert, wenn eine Pumpe verstopft?
„Wenn eine Pumpe anfängt, sich zuzusetzen, und wir einen auffälligen Stromverbrauch feststellen oder eine Fehlermeldung auf das Handy bekommen, fahren wir hin und überprüfen sie“, erklärt Derrick Saathoff. Zwei oder drei dieser Einsätze pro Woche gebe es zurzeit. „Wenn wir Glück haben, hat sich nur ein kleines Faserbündel festgesetzt“, so Saathoff. Das Klärwerk-Team versucht das Problem zu lösen, bevor es größer wird. Denn wenn es schlecht läuft, lauert in der Tiefe ein riesiges Ungeheuer aus Fasern, Haaren, Fett und was sonst noch alles in der Kanalisation unterwegs ist. „Wenn wir das Problem nicht selbst lösen können, müssen wir einen Spülwagen kommen lassen“, sagt Wolfgang Henning. Solche Einsätze kosten laut Dietmar Schon, Fachgruppenleiter des technischen Bauamts im Wiesmoorer Rathaus, im Schnitt 600 Euro.
Der Wagen reinigt die Pumpe und spült den Abschnitt des Schmutzwasserkanals. Die Kosten dafür tragen am Ende die Wiesmoorer selbst – die werden über die Abwassergebühr wieder reingeholt. Selbst wenn diese Fasern es durch das Kanalnetz schaffen, ohne Pumpen oder Leitungen zu verstopfen, verursachen sie Kosten. Die Fasern werden am Eingang des Klärwerks mit einem Rechen aus dem Schmutzwasser gefiltert. Hier sorgen sie zwar nicht für eine Störung, aber durch ihre schlichte Masse für unnötige Kosten. Denn die herausgefilterten Tuchreste müssen teuer über den Restmüll entsorgt werden. Auch diese Kosten werden – wie der erhöhte Strombedarf der Pumpen – über die Abwassergebühr umgelegt.
Feuchttücher richtig entsorgen und Alternativen
Auch auf der Webseite der Drogeriekette Rossmann, die selbst Feuchttücher im Programm hat und an ihre Kunden verkauft, wird auf das Problem mit den Fasern in der Kanalisation hingewiesen. Wer sie verwenden möchte, solle sie im Restmüll entsorgen und nicht ins Klo spülen, steht dort ebenfalls – zusammen mit dem Hinweis, lieber auf Alternativen zurückzugreifen. Sogar Rossmann rät zu einen Waschlappen mit warmem Wasser statt zu Feuchttüchern.
Laut der Drogeriekette ist der auch aus anderen Gründen eine bessere Alternative: Denn auch wenn Feuchttücher ein Gefühl von Sauberkeit vermitteln, können sie auf Dauer sogar schädlich sein, steht dort ebenfalls. Oftmals enthielten diese Tücher Alkohol, der die Haut austrocknen kann, und Duftstoffe, die reizen können oder sogar Allergien auslösen. Ein weiterer Tipp: In anderen Ländern sind Bidets sehr viel üblicher als in Deutschland. Durch Bidets oder Dusch-WCs könnte man sogar ganz auf Toilettenpapier verzichten und sich nur mit einem Wasserstrahl reinigen.
Was ins Abwasser gehört und was nicht
Was die Wiesmoorer außerdem unerlaubt durch die Abwasserleitung schicken: Essen, Kleidungsstücke, Schuhe, Fahrradschläuche, Hygieneartikel wie Windeln, Binden und Tampons oder Putztücher sind schon aus dem Kanalnetz gefischt worden oder im Rechen der Kläranlage gelandet. Textilien aller Art sind wie Feuchttücher gerade für die Pumpen ein Problem – sie gehören in den Restmüll und nicht in die Toilette. Essensreste gehören ebenfalls nicht in die Toilette. Sie bringen jedoch ganz andere Gefahren mit sich: Sie locken Ratten und andere ungebetene Gäste in das Kanalsystem.
Im Übrigen gehören Putzwasser sowie sonstige Reinigungsmittel und umweltgefährdende Stoffe wie Zigarettenstummel nicht in den Straßengully. Die sind an den Regenwasserkanal angeschlossen und gelangen von dort in den meisten Fällen direkt in offene Gräben. Wer so etwas dort dennoch entsorgt, muss mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Im Haushalt anfallendes Putzwasser sollte daher über die Toilette entsorgt werden. So kann das Abwasser in der Kläranlage gereinigt werden.