Assistenzhund in Emden  Hündin Cara hilft sogar bei Panikattacken

| | 20.09.2024 19:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Thora Jantke Rieper hat den Golden Retriever Cara selbst zur Assistenzhündin ausgebildet. Seit April 2024 ist das Duo offiziell nach deutschem Recht geprüft. Fotos: Hanssen
Thora Jantke Rieper hat den Golden Retriever Cara selbst zur Assistenzhündin ausgebildet. Seit April 2024 ist das Duo offiziell nach deutschem Recht geprüft. Fotos: Hanssen
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Cara ist ein Golden Retriever mit wichtigem Job. Sie ist Assistenzhündin und hilft ihrer Halterin dabei, den Alltag zu meistern. Wie macht sie das? Und was sind Herausforderungen?

Emden - Cara zieht am Emder Delft alle Blicke auf sich. Mit ihrer leuchtend gelb-roten Weste ist die Golden-Retriever-Hündin nicht zu übersehen. Eine Gruppe Touristen dreht sich zu dem Vierbeiner um. Ein Mann erklärt auf Englisch der Gruppe, dass das ein Rettungsschwimmer-Hund sei. Wer in den Delft falle, werde von dem Tier gerettet. Ein Scherz. Aber mit einer Sache hat er recht: Cara ist eine Retterin.

Die Plakette an Caras Halsband muss immer dabei sein, damit das Tier seine Halterin in Geschäfte und andere Einrichtungen begleiten darf.
Die Plakette an Caras Halsband muss immer dabei sein, damit das Tier seine Halterin in Geschäfte und andere Einrichtungen begleiten darf.

Durch die Hündin kann ihre Halterin Thora Jantke Rieper am Leben besser teilhaben und ihren Alltag meistern. Die 25-jährige Emderin leidet an verschiedenen psychischen Erkrankungen, die sie in alltäglichen Situationen, wie etwa beim Einkauf im Supermarkt, in Menschenmassen oder auch einfach zu Hause, lähmen können. Seit Anfang des Jahres ist sie aufgrund ihrer Erkrankung als arbeitsunfähig eingestuft. Durch Hündin Cara ist ihr jetzt schon mehr möglich – und ihr Ziel ist es, im kommenden Jahr eine Ausbildung in der Orthopädietechnik zu beginnen.

Wie hilft Hündin Cara ihrer Halterin?

Hündin Cara merkt, wenn ihre Halterin eine Panikattacke bekommt, und stupst sie an. „Ich muss dann gucken, wie ich reagiere“, sagt Thora Jantke Rieper. Kann sie die Situation verlassen oder muss es vor Ort gelöst werden? Die Assistenzhündin geht im Fall einer Panikattacke verstärkt in den Körperkontakt mit ihrer Halterin. Sie stellt sich auf die Füße der Emderin, legt ihren Kopf auf deren Schoß oder legt sich sogar ganz auf die 25-Jährige, wenn diese am Boden kauert.

Caras Kenndecke zeigt allen anderen Personen schnell: Dieser Hund darf beispielsweise in den Supermarkt mit rein.
Caras Kenndecke zeigt allen anderen Personen schnell: Dieser Hund darf beispielsweise in den Supermarkt mit rein.

Cara unterbricht auch ein unbewusst selbstverletzendes Verhalten bei der Emderin. Schlägt oder kratzt sie sich, ohne es selbst zu merken, dann stupst Cara sie an. „Das kann sie perfekt“, sagt die Emderin. Das Tier hat auch ein Führgeschirr um, das man ähnlich von Blindenhunden kennt. Wenn Thora Jantke Rieper von einer Situation so überfordert ist, dass sie nicht mehr den Weg nach Hause findet, gibt sie dem Hund ein Zeichen. Cara führt sie dann sicher zur Wohnung. „Als Begleiterin gibt sie mir Sicherheit“, sagt die Emderin. Sie sei den Symptomen der Erkrankung nicht so ausgesetzt. „Assistenzhunde verändern das Leben.“

Wie hat Cara das gelernt?

Thora Jantke Rieper hat ihre Hündin selbst trainiert. Im April 2024 wurden beide vom Land geprüft und haben einen offiziellen Ausweis erhalten. Dieser gewährleistet, dass Cara ihre Halterin überallhin begleiten darf – auch in den Supermarkt, ins Flugzeug oder ins Krankenhaus, wo Hunde normalerweise nicht gestattet sind. Das Training war und ist harte Arbeit. Ihre Therapeutin hatte einen Assistenzhund ins Gespräch gebracht, berichtet die Emderin. Sie hat sich dann ins Thema eingelesen und schließlich den Welpen Cara aus dem Landkreis Stade geholt.

Hündin Cara hat einen eigenen Ausweis, der sie als Assistenzhündin bezeichnet.
Hündin Cara hat einen eigenen Ausweis, der sie als Assistenzhündin bezeichnet.

Das Tier stammt aus keiner speziellen Zucht für Assistenzhunde. Jede Rasse könne entsprechend ausgebildet werden, sagt Thora Jantke Rieper. Der Erfolg ist eher abhängig von der Persönlichkeit des Tieres. Im April/Juni 2022 zog Cara ein. „Ich war erst mal sehr überfordert“, sagt sie.

Warum hat sie das Training selbst übernommen?

Für das Selbsttraining habe sie sich aus finanziellen Gründen entschieden, sagt Thora Jantke Rieper. Eine Teilfremdausbildung kann bis zu 10.000 Euro kosten, eine komplette Fremdausbildung – wie etwa bei Blindenhunden üblich – sogar bis zu 40.000 Euro, sagt die Emderin. Eigentlich sollte die Krankenkasse oder die Eingliederungshilfe Kosten decken, doch beide schöben die Verantwortlichkeit einander zu, sagt sie. Auch sie bekommt keine Unterstützung. Zwei Trainerinnen, die sie für Rat und Tat angesprochen hatte, konnten ihr nicht so recht helfen. Mit der dritten aber klappte es. Alle zwei Wochen treffen sie sich. Auch über Social Media steht sie in engem Austausch mit anderen Personen, die Assistenzhunde trainieren und in Anspruch nehmen.

Was sind Herausforderungen?

Jetzt ist Cara zweieinhalb Jahre alt – und die Ausbildung geht ihr Leben lang immer weiter. Viele Hunde kommen – wie Menschen – in eine Art Pubertät, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind. Das hat auch die Emderin mit ihrer Hündin erlebt, die dann plötzlich Flausen im Kopf hatte. Scheinschwangerschaften warfen Cara aus der Bahn und stressten sie. Mittlerweile ist das Tier frisch kastriert. Jetzt ist es schon deutlich besser, sagt die Emderin. „Assistenzhunde sind nicht perfekt.“ Es seien immer noch Tiere, die auch mal aus der Reihe tanzten oder mal abgelenkt seien.

Die meisten Herausforderungen gibt es aber durch andere Menschen: Erst seit rund zwei Jahren ist im Behindertengleichstellungsgesetz die Begleitung durch Assistenzhunde abgesichert. Ihrem Eindruck nach ist auch heute noch die Akzeptanz dafür bei der Bevölkerung deutlich geringer als etwa für Blindenhunde. Dabei können Assistenzhunde vielen Menschen mit unterschiedlichsten Herausforderungen helfen – bei Herzerkrankungen, Diabetes, Demenz, Autismus und Mobilitätseinschränkungen. Auch nicht besonders höflich: die Halterin direkt zu fragen, was für eine Erkrankung sie denn habe. „Das ist eine extrem persönliche Frage und ich muss mich nicht rechtfertigen dafür, einen Assistenzhund zu haben“, sagt die 25-Jährige.

Andere Menschen respektierten oft auch nicht, dass Cara nicht einfach so angefasst oder angesprochen werden darf. „Wenn man was vom Tier will, muss man den Halter ansprechen“, betont Thora Jantke Rieper. Man sollte nicht den eigenen Hund direkt auf den Assistenzhund zugehen lassen. Einige Leute kritisierten, dass der Hund ausgebeutet werde. Dabei hätten Assistenzhunde nicht nur eine „fantastische kognitive Auslastung“ und dürften ihren Halter überallhin begleiten, sie achte auch ganz genau darauf, dass Cara körperlich ausgelastet sei und viele Pausen habe. „Sie schläft viel und hat viel mit Artgenossen zu tun.“ Und wenn Cara mal nicht kann, wird sie eben „krankgeschrieben“. Außerdem werde besonders auf ihr Wohlbefinden geachtet: Assistenzhunde müssen parasitenfrei, gesund und sauber sein, um ihre Halter etwa in Geschäfte oder ins Krankenhaus zu begleiten.

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