Prozess in Aurich  Tochter traut Vater keinen Missbrauch zu

Bettina Keller
|
Von Bettina Keller
| 20.09.2024 14:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich geht es um sexuellen Missbrauch. Foto: Pixabay
Vor dem Landgericht Aurich geht es um sexuellen Missbrauch. Foto: Pixabay
Artikel teilen:

Ein 62-Jähriger steht wegen sexuellen Missbrauchs in Aurich vor Gericht. Seine Tochter sagte, sie traue ihrem Vater die Taten nicht zu. In einer Sprachnachricht hatte sie noch ganz anders geklungen.

Aurich - Ein 62-jähriger Familienvater soll unter anderem in Wiesmoor zwei seiner sechs Kinder sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft legt ihm 16 Straftaten gegen seine 2004 geborene Tochter und seinen 2006 geborenen Sohn zur Last. Er habe die Taten zwischen 2013 und 2021 in Westerstede und Wiesmoor begangen. 2016 war die Familie nach Wiesmoor umgezogen. Mittlerweile wohnt der Mann mit seiner Frau in Oldenburg.

Bei der Fortsetzung des Prozesses vor dem Landgericht Aurich am Freitag, 20. September 2024, wurden zwei seiner älteren Kinder als Zeugen vernommen. So viel wurde deutlich: Eitel Sonnenschein herrschte in der Familie nicht.

Jugendamt kümmerte sich um Familie

Laut einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, Außenstelle Großefehn, gab es wegen der Überforderung der Eltern zwei Maßnahmen mit Familienhelferinnen. Das sei in den Jahren 2017 bis 2019 gewesen. Auch Gewalt gegen die beiden älteren Schwestern habe im Raum gestanden. „Das konnte damals nicht abschließend geklärt werden“, so die Zeugin.

Die 22-jährige Tochter aus Leer sagte, sie habe von den Missbrauchsvorwürfen gegen ihren Vater erfahren, als sie einmal zu Hause gewesen sei. Ihre Eltern hätten ihr davon erzählt: „Ich kann das aber nicht glauben.“ Von derartigen Vorfällen habe sie nichts mitbekommen.

Schläge „nur eingeredet“

Ob sie früher mal in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht gewesen sei, fragte der Vorsitzende Richter Bastian Witte. Früher habe sie sich mit ihren Eltern wegen ihrer Launenhaftigkeit gezofft, erklärte die Zeugin. Das habe sie einer Freundin erzählt. Deren Eltern hätten sie abgeholt und ihr „eingeredet, sie werde von ihren Eltern geschlagen“. Sie sei dann für einige Zeit in einer Einrichtung gewesen.

Witte hielt ihr eine Sprachnachricht in wutentbranntem Tonfall vor, die sie einmal an ihre ältere Schwester geschickt hatte. Darin wetterte die Zeugin extrem gegen ihren Vater. „Sollte auch nur einem von beiden etwas passieren, dann kannst du davon ausgehen, dass er dafür in den Knast wandert“, äußerte sie damals. Sie werde sich ihn dann schnappen, dann bekomme er „auf die Fresse“. Für sie sei er nur noch der Erzeuger. „Er ist schuld, wenn die ganze Familie auseinanderbricht“, hieß es weiter in der Nachricht. Sie hoffe, dass er endgültig aus ihrem Leben verschwinde.

„Ich habe das aus der Wut heraus gesagt“

Die Zeugin distanzierte sich von dem Inhalt. „Das ist mir peinlich, ich habe das aus der Wut heraus gesagt. Ich habe psychische Probleme und meine Emotionen nicht im Griff“, antwortete sie. Worüber sie damals derart wütend war, sagte sie nicht. „Ich hatte mich zu der Zeit mit meinen Eltern verstritten – wegen Belanglosigkeiten“, wiegelte sie ab. Und ja, ihr Vater habe sie geschlagen, aber das sei lange her. Sie habe kein gutes Verhältnis zu allen gehabt.

Der 30-jährige Adoptivsohn des Angeklagten aus Oldenburg äußerte zu den Vorwürfen gegen seinen Vater, es sei nie irgendetwas in der Form bei ihm angekommen. Geschweige denn, dass er das seinem Vater zutrauen würde. Auf die Frage, ob seine 22-jährige Schwester schon mal aus der Familie herausgenommen worden sei, antwortete er: „Ich weiß, dass es oftmals Probleme von meinen Geschwistern aus gab, die mit allem unzufrieden waren. Sie wollten viel, und das war nicht immer so möglich.“

„Sie hat theatralisch reagiert“

Zu Gewalt innerhalb der Familie oder sexuellen Übergriffen zum Nachteil der 22-Jährigen befragt, meinte er: „Sie hat theatralisch regiert, das überspitzt dargestellt, wie meine anderen Geschwister auch.“ Sein 2006 geborener Bruder habe öfters etwas aus seinem Zimmer geklaut und das abgestritten.

Beim Prozessbeginn eine Woche zuvor hatte sich der Angeklagte entsetzt über die Vorwürfe gezeigt. Der 62-Jährige vermutete, die Kinder erzählten „Geschichten“, weil sie aufgrund seiner damaligen Arbeitslosigkeit kein Taschengeld bekommen hätten.

Ähnliche Artikel