Emden Backstube bis VW-Halle: Wie sich Vizekanzler Habeck im Nordwesten inszeniert
Drei Tage lang war Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) im Nordwesten unterwegs. Ziele waren die Wasserstoff-Baustelle in Emden und das VW-Werk. Welche Botschaften hatte er mitgebracht?
Auf die Erlaubnis von Geschäftsführer Jörg Ripken (55) hat er nur gewartet. „Ich wasche mir schon mal die Hände“, strahlt Robert Habeck. Der Wirtschaftsminister aus Berlin krempelt sich in der Backstube der Holzofenbäckerei Ripken in Apen (Ammerland) die Ärmel hoch und greift beherzt zu den Ciabatta-Rohlingen, wendet sie im Mehl und legt sie aufs Backblech. Die Azubis Theresa Schulte (18) und Simon Vögel (22) zeigen den richtigen Kniff. „Sieht ja nicht so schwer aus“, sagt Habeck. Ripken mahnt: „Nicht zu fest drehen, sonst ist die Luft gleich raus.“
Der Besuch des Vizekanzlers in dem 1906 gegründeten Familienbetrieb mit über 100 Angestellten ist am Freitag die letzte Station seiner dreitägigen Reise durch den Nordwesten. „Auf’m Platz“ hat die Pressestelle das Programm blumig überschrieben. Habeck präsentiert sich vor allem als aufmerksamer Zuhörer und Pragmatiker. Beim Start der Tour in Osnabrück erklärt er beiläufig die Energiekrise für beendet. In Papenburg hebt er vor den Beschäftigten der gerade geretteten Meyer Werft die Bedeutung der Kreuzfahrtschiffbranche hervor. Als „historisch“ würdigt er den offiziellen Startschuss zum Hochlauf einer bundesweiten Wasserstoff-Infrastruktur. „Jetzt wird gebaggert und gebuddelt.“
Im Borsumer Hammrich bei Emden baut die heimische EWE-Gruppe einen 320-Megawatt-Elektrolyseur. Zum EWE-Projekt „Clean Hydrogen Coastline“ (CHS) gehören ein Wasserstoff-Speicher in Huntorf bei Elsfleth sowie Pipelines, etwa zu Stahl-Standorten wie Salzgitter. Die Projekte werden mit rund 655 Millionen Euro gefördert; 70 Prozent kommen vom Bund. Geduldig übergibt Habeck symbolisch Schecks und lobt die stillen Macher. Der Nordwesten sei „schon immer eine energiestarke Region“ gewesen. Jetzt sei er „eine energiestarke Region in der Transformation“. Er fühle sich hier fast so heimisch wie in Nordfriesland.
Der Vizekanzler lässt niemanden links liegen: Am Rande der Emder Baustelle von EWE und des Netzbetreibers Gasunie spricht er mit Vertretern von Greenpeace und „Omas gegen Rechts“, die gegen die geplante Erdgas-Bohrung in der Nordsee vor der Insel Borkum protestieren. Vor dem Rundgang durch die Produktionshalle des VW-Werks Emden spricht er mit demonstrierenden Mitarbeitern. „Ich kann mir vorstellen, wie elendig sich die Lage anfühlen muss“, sagt Habeck zu IG-Metall-Vertrauensmann Thorsten Nanninga. Er wünscht Durchhaltevermögen und Kraft. Habeck sagte aber auch, VW müsse einen Großteil seiner Aufgaben selbst lösen. In höchsten Tönen lobt Habeck den in Emden produzierten ID.7, von VW als „Flaggschiff der Elektromobilität“ am Standort angepriesen. „Ein Superauto“, das er auch bestellen würde.
Beim Rundgang durch die Halle bringt Habeck die Sicherheit fast zur Verzweiflung. Immer wieder bleibt er stehen und fragt Werksleiter Uwe Schwartz nach Details. Es fallen Worte wie „Spektakel“ oder „Sind die alle bestellt?“. Am Ende des Montagebands fährt VW-Mitarbeiterin Susanne Lampka den weißen ID.7 in den Teststand. Habeck muss auf dem Beifahrersitz und ist irritiert: „Das kann ich auch!“
Beim Windenergie-Pionier Enercon in Aurich geht es um Energiekosten und Planungssicherheit. „Wir müssen den grünen Stahlmarkt schützen“, so Habeck bei einer Diskussion mit der Belegschaft. Zuvor hatte Enercon-Geschäftsführer Udo Bauer gefordert, Preis-Dumping zu ahnden.
Mehr Verlässlichkeit bei der Energiewende wünscht sich auch Bäckerei-Chef Jörg Ripken. Der Unternehmer würde gern in neue Öfen investieren, weiß aber nicht, ob künftige Modelle mit Strom oder gar Wasserstoff betrieben werden. „Gibt es nicht Brötchen mit der Kraft der Sonne?“, fragt Habeck mit Blick auf die Solarmodule auf dem Dach. Ripken widerspricht. Das sei kaum möglich. Derzeit benötige er eine Million Kilowattstunden Gas pro Jahr für seine Öfen.