Ostfriesen lieben Franzosensport  Phänomenaler Boule-Boom von Hinte bis Holtland

| | 24.09.2024 14:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Unweit des Stadtrings verfügt der Post-SV Leer zahlreiche Tennisfelder und mittlerweile auch 14 Plätze für die Boulespieler. Das Foto zeigt eine Wettkampfgruppe mit Sportwart Erich Stamm (links). Fotos: Wolters
Unweit des Stadtrings verfügt der Post-SV Leer zahlreiche Tennisfelder und mittlerweile auch 14 Plätze für die Boulespieler. Das Foto zeigt eine Wettkampfgruppe mit Sportwart Erich Stamm (links). Fotos: Wolters
Artikel teilen:

Seit wenigen Jahren erobern die Kugeln Verein für Verein. Den größten Andrang verzeichnet der Post-SV Leer mit mehr als 100 Mitgliedern in der Sparte. Die Gründe für die Beliebtheit sind vielfältig.

Ostfriesland - Ostfriesland ist eigentlich Boßelland. Doch seit ein paar Jahren rollt immer häufiger die Boule-Kugel durchs Land. Von Hinte bis Holtland, von Wiesmoor bis Westrhauderfehn, von Manslagt bis Groß Midlum und von Larrelt bis Leer hat der Boom viel Terrain erobert. Seit weit über einem Jahrhundert begeistern sich die Franzosen für das Präzisionsspiel, das auch Pétanque genannt wird. Jetzt importieren die Deutschen und speziell die Ostfriesen das lockere Lebensgefühl in die eigene Region. Die größte Boule-Sparte im „Boßelbezirk“ stellt der Post-SV Leer mit mehr als 100 Mitgliedern. Tendenz steigend.

Auf den Plätzen des Post-SV Leer herrscht immer Andrang.
Auf den Plätzen des Post-SV Leer herrscht immer Andrang.

Auch andernorts werden die Stahlkugeln möglichst nahe ans Schweinchen – die kleine Zielkugel – geworfen. „Die Nachfrage ist groß“, bestätigt Anne Thonicke, die Vorsitzende des Auricher Kreissportbundes (KSB). Als Klubchefin des TuS Hinte spürt sie die Leidenschaft an der Basis. „Auch in Hinte haben wir eine Sparte gegründet.“ Die Kugel-Künstler des TuS, die in einer Spielgemeinschaft mit Groß Midlum in der Bezirksliga antreten, gehören zu nur einer Handvoll Ostfriesen-Klubs, die offiziell im Pétanque-Verband gemeldet sind. Der Großteil der Vereine betreibt den sportlichen Trend noch in Eigenregie.

Kugeln rollen auch durch Emden

Dieser inoffizielle Boule-Boom rollt auch an Emden nicht vorbei. Im dortigen Pétanque-Club versammelten sich seit Jahrzehnten einsame Anhänger dieser Disziplin. Nun machen Frauen und Männer überall von Wybelsum bis Conrebbersweg den Wettkampf in geselliger Runde zur Massenbewegung. Das bestätigt der Emder KSB-Vorsitzende Peter Bartsch. „Wir verzeichnen vermehrt Anträge auf Zuschüsse für Boule-Bahnen.“ So entstanden zuletzt Wettkampfstätten bei Frisia Emden, SuS Emden, RSV Emden und Rot-Weiß Emden. Letztere nannten ihr Domizil im Überschwang französischer Glücksgefühle gleich einmal „Boulodrome“.

Zu den treibenden Kräften beim Post-SV Leer gehören (von links) Jürgen Spiekermann, Hermann Tholen und Erich Stamm. Foto: Lilienthal
Zu den treibenden Kräften beim Post-SV Leer gehören (von links) Jürgen Spiekermann, Hermann Tholen und Erich Stamm. Foto: Lilienthal

Nirgendwo aber wird das Spiel in Ostfriesland so häufig betrieben wie beim Post-SV Leer. 20 Jahre lang existierte eine Gruppe von Postbeamten quasi als geschlossene Gesellschaft. Als diese Männertruppe abtrat und die Sportart vor zehn Jahren gänzlich in der Versenkung zu verschwinden drohte, hauchten Boule-Interessierte um Hermann Tholen dem „Franzosen-Sport“ neues Leben ein. „Erst waren wir nur zu viert“, erzählt der Pionier. „Dann wurden es immer mehr.“ Es musste ein zweites Feld her, dann ein drittes und ein viertes. „Mittlerweile haben wir 14 Plätze.“ Spartenleiter Jürgen Spiekermann sieht kein Ende des Aufschwungs. „Seit zwei Jahren zieht es enorm an.“ So begrüßte der Klub mittlerweile Hanne Hattermann als 100. Mitglied. Nun sind es schon wieder ein paar mehr.

Typische Karriere: Fußball, Tennis, Boule

Viele rätseln über die Gründe der Popularität. PSV-Sportwart Erich Stamm erklärt es lapidar. „Es ist der Sport der Boomer-Generation“, sagt er. „Früher haben die Leute Fußball gespielt und später Tennis.“ Irgendwann machen die Knochen bei diesen körperlich fordernden Leistungssportarten nicht mehr mit und die Akteure wechseln vom Leder- oder Filzball zur handlichen Stahlkugel. „Auch ich habe vorher Tennis gespielt.“

Hermann Tholen gehört beim PSV zu den Pionieren.
Hermann Tholen gehört beim PSV zu den Pionieren.

Stamm nennt das große Plus gegenüber anderen Sportarten. „Jeder kann Boule spielen. Man braucht keine Vorkenntnisse.“ So lockt das Wurfspiel viele ältere Sportler an. Beim Post-SV ist kein Akteur unter 30 und so mancher um die 80. Gleichzeitig mischen auch Sportler mit Titelträumen mit. Neben zahllosen Turnieren im Einzel (Tête-à-Tête), Doppel (Doublette) und in Dreier-Teams (Triblette) gibt es einen Ligaspielbetrieb, für den der Post-SV zwei Teams gemeldet hat.

Spaßfaktor ist wertvoll

Für Hermann Tholen aber ist der soziale Faktor besonders wertvoll. „Zu uns kommen viele Alleinstehende, die Kontakt suchen.“ Auch Parkinsonkranke, Menschen nach einem Schlaganfall oder Rollstuhlfahrer betreiben den Sport. Erich Stamm kennt einen nahezu blinden Akteur aus Oldenburg. „Mit ihm geht man erst zur Zielkugel. Und wenn er wirft, stellt sich der Mitspieler zum Schweinchen.“ Die Silhouette des Spielpartners erkennt der Akteur mit nur fünf Prozent Sehkraft und ist somit voll dabei.

Zudem ist der Sport ideal für Paare. So tummeln sich auch auf den Plätzen beim Post-SV fast täglich Kugel-Enthusiasten mittleren Alters und der 60+-Generation auf den Feldern herum. „Dreiviertel der Leute wollen einfach Spaß haben“, sagt Jürgen Spiekermann. Die Leeraner pflegen deshalb die Geselligkeit rund um die Bahnen. Sie haben eine Boulehütte gebaut, schmeißen im Sommer öfter den Grill an. „Und für den Winter haben wir einen Glühweinkocher.“ Der einsetzende Herbst tut dem Kugelspaß also keinen Abbruch. „Wir spielen notfalls sogar im Schnee.“

Ähnliche Artikel