Osnabrück  Demenz und Diabetes: Ursachen für Hörverlust und Heilungschancen durch Gentherapien

Hannah Petersohn
|
Von Hannah Petersohn
| 09.10.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Neue Gentherapien bieten Hoffnungen für Betroffene bei Gehörverlust. Foto: dpa/BPI/Shutterstock_Billion Photos/Shutterstock_Billion Photos
Neue Gentherapien bieten Hoffnungen für Betroffene bei Gehörverlust. Foto: dpa/BPI/Shutterstock_Billion Photos/Shutterstock_Billion Photos
Artikel teilen:

Sind Hörverluste schon bald durch Gentherapie heilbar? HNO-Facharzt Dirk Beutner über den aktuellen Stand der Forschung, innovative Behandlungsansätze und warum Demenz und Medikamente das Hörverlust-Risiko erhöhen können.

Ein Hörverlust kann schleichend oder plötzlich auftreten und hat viele Ursachen: Professor Dirk Beutner von der Universitätsmedizin Göttingen erklärt im Interview, wie Stress, Entzündungen und Medikamente das Gehör beeinträchtigen können. Besonders spannend: die Fortschritte in der Gen-Therapie, die Betroffenen Hoffnung machen.

Frage: Herr Professor Beutner, wodurch wird ein Hörverlust ausgelöst?

Antwort: Ein Hörverlust kann durch genetische Faktoren, Lärm, Entzündungen, Stress, Alterungsprozesse oder Medikamente wie bestimmte Antibiotika, Chemotherapien und sogar durch hohe Dosen von Aspirin ausgelöst werden. Auch Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Schädigungen im Gehirn, etwa durch einen Schlaganfall, können das Hören beeinträchtigen. Denn wir hören nicht nur mit dem Ohr, der Höreindruck entsteht im Gehirn. Manchmal sind es Kombinationen mehrerer Faktoren, die da zusammenwirken.

Frage: Warum wird Hörverlust durch Stress verursacht?

Antwort: Stress kann den Blutdruck erhöhen und zu einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin führen. Dieses Hormon zieht die Blutgefäße zusammen und beeinflusst den Blutfluss im Innenohr. Bei Mangelversorgung der Sinneszellen kann das in manchen Fällen zu einem Hörsturz führen, einer plötzlichen und oft vorübergehenden Form des Hörverlusts. Neben Durchblutungsstörungen des Innenohres werden aber auch andere Ursachen wie zum Beispiel eine Infektion durch Viren als Auslöser für einen Hörsturz vermutet.

Frage: Steigt mit einer Hörstörung das Demenzrisiko oder ist es umgekehrt?

Antwort: Das Gehirn muss akustische Informationen verarbeiten und verstehen. Das wird jedoch mit einer zunehmenden unbehandelten Hörstörung schwieriger. Es gibt Hinweise darauf, dass Hörstörungen und Demenz gemeinsame Ursachen haben können, wie beispielsweise Durchblutungsstörungen. Außerdem führt Hörverlust oft zu sozialem Rückzug und fehlender Lebensqualität, was die kognitive Degeneration beschleunigen kann.

Frage: Können Knochenschädigungen auch zu einem Hörverlust führen?

Antwort: Ja, insbesondere bei Knochenstoffwechselstörungen des Innenohres wie die Otosklerose. Dabei wird das Gehörknöchelchen, der Steigbügel, im Mittelohr zunehmend unbeweglich, was zu einer Schwerhörigkeit führt. Diese Art der Schwerhörigkeit ist gut behandelbar, entweder durch Hörgeräte oder einen chirurgischen Eingriff.

Frage: Kommt der Verlust des Hörsinns plötzlich oder schleichend?

Antwort: Beides ist möglich. Ein Hörsturz tritt plötzlich auf. Ein schleichender Hörverlust hingegen entsteht häufig über Jahre hinweg und wird anfangs gar nicht bemerkt, weil Betroffene unbewusst Strategien entwickeln, um den Verlust zu kompensieren.

Frage: Ist ein Hörverlust durch Verlust der Sinneszellen im Innenohr reversibel?

Antwort: Nein, denn jeder Mensch verfügt von Geburt an über eine bestimmte Anzahl von Sinneszellen im Ohr. Wenn sie geschädigt werden, erneuern sie sich nicht. Anders als bei Vögeln: Bei ihnen wachsen diese Sinneszellen nach.

Frage: Welche Folgen kann ein Hörverlust nach sich ziehen?

Antwort: Er kann zu sozialem Rückzug führen, weil Betroffene Gesprächen und sozialen Aktivitäten fernbleiben. Sie empfinden die Kommunikation als anstrengend oder können nicht aktiv daran teilnehmen. Das kann Lebensqualitätseinschränkungen, Depressionen und kognitive Einbußen nach sich ziehen. Das Gehirn wird weniger stimuliert, wenn auditive Reize fehlen oder unvollständig wahrgenommen werden.

Frage: Können Hörgeräte nicht das natürliche Hören wiederherstellen?

Antwort: Hörgeräte verstärken lediglich den Schall, sie ersetzen aber nicht die verlorenen Sinneszellen im Innenohr. Wenn diese Zellen fehlen oder beschädigt sind, wird das Hören oft verzerrt wahrgenommen. Zwar machen Hörgeräte die Töne lauter, aber sie helfen nicht immer, das Spachverstehen insbesondere bei Störgeräuschen vollständig wiederherzustellen.

Frage: Für wen sind Cochlea-Implantate geeignet?

Antwort: Cochlea-Implantate sind für Menschen mit hochgradigem Hörverlust gedacht, bei denen das bestmöglich eingestellte Hörgerät nicht zu einem ausreichenden Sprachverstehen führt. Implantate stimulieren den Hörnerv direkt elektrisch und bieten so eine Möglichkeit, das Hören wiederherzustellen. Auch bei Kindern mit angeborenem Hörverlust werden sie erfolgreich eingesetzt. Dadurch muss niemand mehr taub bleiben.

Frage: Also sind Implantate besser als Hörgeräte?

Antwort: Implantate sind dann eine bessere Lösung, wenn Hörgeräte keine ausreichende Verstärkung mehr bieten. Das Gehirn muss jedoch lernen, die neuen Höreindrücke zu verarbeiten. Das kann ein langer Prozess sein, vergleichbar mit dem Erlernen einer neuen Sprache.

Frage: Warum bekommen nicht alle Menschen mit Hörverlust Implantate?

Antwort: Für Menschen mit leichterem Hörverlust sind sie keine geeignete Lösung, in der Regel reichen bei ihnen Hörgeräte. Zudem erfordern sie einen invasiven Eingriff und lebenslange Nachsorge und Betreuung in einem Behandlungszentrum.

Frage: Gibt es operative Lösungen zur Wiederherstellung des Gehörs?

Antwort: Bei Funktionsstörungen im Außen- und Mittelohr können wir häufig mit Operationen wie zum Beispiel der Rekonstruktion von defekten Gehörknöchelchen sehr gut helfen. Derzeit werden auch Gentherapien erforscht, die bestimmte Mutationen behandeln sollen, die für den Hörverlust verantwortlich sind.

Frage: Wie genau funktionieren diese Therapien?

Antwort: Dabei wird über Viren ein funktionierendes Gen in das Innenohr eingeschleust, wodurch die Haarzellfunktion wieder regeneriert werden kann. Solche Therapien wurden bereits in den USA und China bei Menschen durchgeführt, basierend auf Forschungsergebnissen, die vor etwa fünf Jahren in Göttingen entwickelt wurden. Zukünftig wird man für immer mehr Mutationen Therapien entwickeln können.

Frage: Können auch Betroffene aus Deutschland die Therapie in Anspruch nehmen?

Antwort: In Deutschland gibt es noch keine Zulassung, aber ein Register für Betroffene in Göttingen, in das sich Patienten weltweit eintragen können.

Ähnliche Artikel