„Ein Schützenfest reicht“  Alkohol in der Schwangerschaft – auch im Emsland nicht verpönt

Christian Belling
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Von Christian Belling
| 01.10.2024 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Alkohol ist Gift für ungeborene Babys – mit lebenslangen Folgen. Symbolfoto: DPA/Klose
Alkohol ist Gift für ungeborene Babys – mit lebenslangen Folgen. Symbolfoto: DPA/Klose
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Jedes Jahr werden in Deutschland bis zu 20.000 Babys mit Schäden geboren, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Therapeutin Gisela Hanneken kennt die schlimmen Folgen.

Papenburg - Zwischen 10.000 und 20.000 Babys werden jedes Jahr deutschlandweit mit Schädigungen geboren, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft nicht auf Alkohol verzichten konnten oder wollten. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Das weiß auch Gisela Hanneken.

Die Familientherapeutin am Sozialpädiatrischen Zentrum am Marien-Hospital Papenburg kümmert sich um Kinder, die unter den Folgen des Alkoholkonsums im Mutterleib leiden. Ebenso ist sie für Pflegeeltern da – und auch für die leibliche Mutter.

Die Schäden infolge eines Alkoholkonsums können gravierend sein

Geistige Behinderungen, (hirn-)organische Beeinträchtigungen, Entwicklungsstörungen oder extreme Verhaltensauffälligkeiten können in Folge von Alkoholkonsum werdender Mütter das Leben des Kindes massiv beeinträchtigen.

Gisela Hanneken, Familientherapeutin im Sozialpädiatrischen Zentrum des Marien-Hospitals, lässt sich derzeit zur „ABC-Beraterin“ ausbilden, um Pflegefamilien noch besser unterstützen zu können. Foto: Marien-Hospital/Papenburg-Aschendorf
Gisela Hanneken, Familientherapeutin im Sozialpädiatrischen Zentrum des Marien-Hospitals, lässt sich derzeit zur „ABC-Beraterin“ ausbilden, um Pflegefamilien noch besser unterstützen zu können. Foto: Marien-Hospital/Papenburg-Aschendorf

Alle Formen dieser vorgeburtlichen Schädigung werden unter dem Begriff FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder, zu Deutsch: Fetale Alkoholspektrumstörung) zusammengefasst, obwohl sie nach Art und Ausprägung ganz unterschiedlich sein können. Das macht es auch oft schwierig, die richtige Diagnose zu stellen.

Schäden im zentralen Nervensystem sind irreparabel

„Ein Schützenfest reicht“, sagt Hanneken. Schon geringe Mengen Alkohol können nach ihren Worten insbesondere im frühen Stadium einer Schwangerschaft gravierende Folgen haben. „Die Schäden im zentralen Nervensystem sind irreparabel“, betont die Familientherapeutin. „Und die Entwicklungsstörungen sind zu einhundert Prozent vermeidbar.“

Hanneken sagt dies ohne den erhobenen Zeigefinger. „Die leibliche Mutter wird gute Gründe für ihren Alkoholkonsum gehabt haben. Uns liegt es fern, sie zu verurteilen.“ Häufig sei es Frauen zudem nicht bewusst, welche Konsequenzen ihr Handeln für das ungeborene Kind hat. Besonders fatal sei, dass die Abbauprozesse eines Kindes im Mutterleib noch nicht ausgereift sind. So verbleibt der Alkohol länger im kindlichen Blutkreislauf als im Blut der Mutter. Bei einem Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist das heranwachsende Kind vier bis zehn Mal länger alkoholisiert als die Schwangere.

Alkohol in der Schwangerschaft: Thema soll raus aus der Tabuzone

Auch im Emsland sei ein Alkoholkonsum in der Schwangerschaft keineswegs verpönt – und das durch alle gesellschaftlichen Schichten. „Wir reden über eine typische Klientel, um welches wir uns hier im SPZ kümmern“, erklärt Hanneken.

Sie wünscht sich, dass das Thema endlich raus aus der Tabuzone komme. Ein galanter Hinweis von Bekannten oder Freunden, dass man sich Sorgen um die schwangere Frau und das Kind mache, wenn sie neben einem steht und was trinkt, könne schon einiges bewirken. „Nicht vorwurfsvoll, sondern fürsorglich“, so Hanneken.

Wenn Pflegeeltern anfangen, an sich zu zweifeln

Neben der Mutter stehe natürlich auch das Kind sowie die Pflegefamilie im Fokus ihrer Arbeit. Pflegeeltern stehen Hanneken zufolge vor komplexen Herausforderungen, wenn sie ein Kind in ihre Obhut nehmen. „Nicht selten stellt die neue Situation mit dem Pflegekind im eigenen Haus auch eine Belastung dar. Manche Pflegeeltern fangen an, an sich zu zweifeln, wenn das Kind aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.“

Wichtig sei dann eine enge Begleitung und Unterstützung der Pflegefamilie. „Das schlimmste ist, wenn das Kind von einer Pflegefamilie in die nächste kommt. Heranwachsende brauchen eine Bindung und einen Bezug – und keine weiteren Traumata“, weiß die Familientherapeutin.

Gisela Hanneken, Familientherapeutin im Sozialpädiatrischen Zentrum des Marien-Hospitals, weiß um die gravierenden Folgen von Alkoholkonsums während der Schwangerschaft. Foto: Belling
Gisela Hanneken, Familientherapeutin im Sozialpädiatrischen Zentrum des Marien-Hospitals, weiß um die gravierenden Folgen von Alkoholkonsums während der Schwangerschaft. Foto: Belling

Ausbildung zur „ABC-Beraterin“

Von besonderer Bedeutung sei für Kinder und Pflegefamilien gleichermaßen, immer wieder deutlich zu machen, dass das Zusammenleben natürlich auch schöne Seiten habe. Es gelte, den Druck aus dem Umfeld zu nehmen, das Selbstwertgefühl zu stärken, eine Teilhabe möglich zu machen und über das Krankheitsbild aufzuklären. Hanneken selbst will ihren Teil dazu beitragen. Als eine von wenigen Fachkräften deutschlandweit wurde sie vor Kurzem ausgewählt, am Odenwald-Institut der Karl Kübel Stiftung die Ausbildung zur „ABC-Beraterin“ zu absolvieren.

Das in den USA entwickelte ABC-Programm zielt darauf ab, Strukturen in Pflegefamilien zu fördern. „Eine bessere Unterstützung der Pflegefamilien erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich mehr Familien dazu entscheiden, ein Kind bei sich aufzunehmen“, so die Familientherapeutin. Nach Schätzungen des Bundesverbandes der Adoptiv- und Pflegefamilien fehlen jährlich rund 4000 Pflegefamilien. Interessierte Pflegefamilien können sich bei weiteren Fragen und für mehr Informationen im SPZ Papenburg unter Telefon 04961/931384 melden.

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