Umgang mit psychischen Erkrankungen  Assistenzhund hilft Norderin nach sexuellem Missbrauch

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Von Ute Nobel
| 03.10.2024 18:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Chaja Thiele und ihre Assistenzhündin Hummel sind bereits ein eingespieltes Team. Fotos: Nobel
Chaja Thiele und ihre Assistenzhündin Hummel sind bereits ein eingespieltes Team. Fotos: Nobel
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Chaja Thiele ist drei Jahre lang sexuell missbraucht worden. Ihre Assistenzhündin Hummel hilft ihr auf dem Weg zurück zu ein wenig Normalität.

Norden - „Thiele/Hummel“ steht auf dem Klingelschild am Haus in dem Wohngebiet in Norden, in dem Chaja Thiele lebt. Eine junge Frau öffnet die Tür: Brille, schulterlanges Haar, nettes Lächeln. Sie sieht freundlich aus, ganz normal. Selbstverständlich tut sie das – keinem Opfer sexualisierter Gewalt steht das Trauma auf die Stirn geschrieben. Chaja Thiele hat bereits Kaffee gemacht, Kekse stehen auf dem Tisch. Eine junge Frau, die ihr Leben im Griff hat, so macht es im ersten Augenblick den Anschein. Doch in Wirklichkeit ist es ganz anders.

In einem großen Korb unter der Fensterbank liegt Hummel. Die Schnauzer-Hündin ist fast zwei Jahre alt. Jetzt gerade „arbeitet“ sie nicht, sie läuft ohne ihr Führgeschirr herum. Hummel ist eine PTBS-Assistenzhündin. Die Abkürzung steht für posttraumatische Belastungsstörung. „Sie hilft mir schon allein, weil sie da ist“, sagt die 22-Jährige. Sie gebe ihr Sicherheit, sei ihre tägliche Begleiterin und helfe ihr auf ihrem Weg zurück zu ein klein wenig Normalität. „Ich habe es jetzt geschafft auszuziehen, auch nur mit ihrer Hilfe“, sagt sie.

Folgen eines schweren Traumas

Die fast zweijährige Hündin hat Freude am Üben von Tricks.
Die fast zweijährige Hündin hat Freude am Üben von Tricks.
Für die 22-Jährige ist das schon ein großer Schritt in die Selbstständigkeit. Denn sie ist auf Hilfe angewiesen, hat einen Pflegegrad und einen Schwerbehindertenausweis. Sie kann nicht alleine einkaufen, keinen körperlichen Kontakt zu anderen Menschen zulassen und hat große Teile ihrer Kindheit vergessen. Zu ihrem Alltag gehören Krampfanfälle, Panikattacken und Depressionen. Sie ist auf Medikamente angewiesen und hat bereits mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. All das sind Folgen eines schweren Traumas. Chaja Thiele ist drei Jahre lang sexuell missbraucht worden.

„Es wird halt immer gewarnt. Ich weiß noch, dass ich immer richtig Angst hatte vor diesen KO-Tropfen“, sagt sie. Doch der Täter war kein Fremder, er kam aus ihrem näheren Umfeld. Und er war deutlich älter als die damals 15-Jährige. Chaja Thieles Körperhaltung verändert sich, während sie erzählt, sie wirkt in sich gekehrt, legt ihre Arme eng an ihren Körper. Von 2017 bis 2020 hätten die sexuellen Übergriffe zu ihrem Alltag gehört – drei Jahre lang. „Wenn es irgendwo auf der Straße passiert, dann ist es irgendein Typ, dann kannst du das viel leichter erzählen“, sagt sie, beinahe entschuldigend. „Und es ist schwierig. Weil wenn ein Erwachsener dir sagt: ,Das ist okay, das darfst du machen, das ist voll in Ordnung’, dann denkt man natürlich, der Erwachsene hat Recht.“ Der Mann habe sie manipuliert. „Er hat immer zu mir gesagt: Das ist unser Geheimnis.“

Der Körper reagiert auf Missbrauch

Sie habe damals gar nicht wirklich gemerkt, dass das alles nicht in Ordnung ist. Ihr Körper habe irgendwann darauf reagiert. „Ich hab von jetzt auf gleich Bauchschmerzen bekommen. Und die gingen auch nicht mehr weg“, erzählt die 22-Jährige. Mit dem Verdacht auf eine Blinddarm-Entzündung sei sie damals ins Krankenhaus gekommen, doch die Ärzte hätten nichts gefunden. Auch eine Magen- und Darmspiegelung habe keinen Aufschluss gegeben. Ihre Hausärztin habe ihr empfohlen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. „Und dann bin ich da einfach mal hingegangen. Hab der Person einfach irgendwas erzählt. Was in der Schule war, mit welchen Freunden ich gerade Stress hab, irgendwas.“ Dann kam Corona und die Beratungen fanden telefonisch statt. „Und da weiß ich noch, dass ich in der Zeit angefangen habe, mich selbst zu verletzen. Und ich nie wusste, warum ich das tue“, erzählt sie. Und dann sei es zum entscheidenden Telefonat gekommen. „Wir wollten gerade auflegen. Und dann hat sie noch gefragt: ,Ist noch irgendetwas, was du mir erzählen möchtest?‘ Und dann habe ich es erzählt. Aber auch nur in drei Sätzen. Also für mich war das komplett belanglos. Das gehörte zu meinem Alltag dazu.“ Die Frau in der Beratungsstelle ermutigt Chaja Thiele, ihren Eltern von den Übergriffen zu erzählen. Das tut die junge Frau. Der Täter wird zur Rede gestellt, endlich kommt alles ans Licht.

2021 zeigt Chaja Thiele den Täter an. Durch die Vernehmung bei der Polizei habe die damals 19-Jährige ihr Trauma noch einmal durchlebt, sagt sie. Man nennt das eine Retraumatisierung. Seitdem hätten sich ihre Symptome noch einmal deutlich verschlimmert, Krampfanfälle seien hinzugekommen. Der Täter ist nach Angaben von Chaja Thiele 2022 zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Schmerzensgeldzahlung verurteilt worden. Die junge Frau hingegen wird ihr Leben lang unter den Folgen leiden.

Hummel hilft im Alltag und in Notfällen

Ein Wecker klingelt: Das Zeichen für Hummel, Chaja Thiele ihre Medikamente zu bringen. Hummel ist noch in der Ausbildung – trotzdem weiß die Hündin sofort, dass sie die gelbe Tasche mit den Medikamenten aus dem anderen Raum holen soll, als Chaja Thiele den Befehl „Bring’ Medis“ gibt. Sie bringt die Tasche zu ihrem Frauchen. Die 22-Jährige lobt Hummel, schenkt sich ein Glas Wasser ein und schluckt zwei Tabletten. „Antidepressiva“, sagt sie, „und Magnesium.“

Die Schnauzer-Hündin ist für die 22-Jährige viel mehr als nur ein Haustier.
Die Schnauzer-Hündin ist für die 22-Jährige viel mehr als nur ein Haustier.
Das Magnesium braucht Chaja Thiele um ihren Körper nach den Krampfanfällen zu unterstützen. Die Krampfanfälle müsse man sich vorstellen wie epileptische Anfälle, in denen sie ihren Körper nicht mehr kontrollieren könne. Sie treten plötzlich auf, auch auf offener Straße. „Das ist schon oft vorgekommen“, sagt sie. Meistens riefen dann Passanten den Rettungsdienst und sie werde in ein Krankenhaus gebracht. Hummel weiche dabei nicht von ihrer Seite, lege sich neben sie, gebe ihr Nähe und Sicherheit – auch das hat die Hündin bereits in der Ausbildung zum Assistenzhund gelernt. „Und Hummel darf zum Glück mit in den Rettungswagen.“ Nach solchen Anfällen sei sie auf den Rollstuhl angewiesen – und auch da kann Hummel helfen. „Wir üben, dass sie Dinge für mich vom Boden aufhebt“, erzählt Chaja Thiele.

Nicht nur in Notsituationen helfe Hummel. Auch im Alltag. Beim Spaziergang, beim Einkaufen. Dort wird Chaja Thiele auch von einer ambulanten Pflege begleitet. Aber am liebsten sei es ihr, wenn Hummel mit dabei ist. „Ich habe ein Problem, mit anderen Menschen, die mir zu nahe kommen. Und sie lernt halt, mich abzublocken, quasi indem sie sich zum Beispiel vor mich stellt, und dann können andere Menschen nicht so gut an mich ran“, erklärt die junge Frau.

Assistenzhund kostet zwischen 10.000 und 25.000 Euro

Für Hummel habe sie zwei Jahre lang kämpfen müssen, sagt Chaja Thiele. Viele Ärztinnen und Ärzte, auch in der Klinik, in der sie stationäre Aufenthalte hatte, waren gegen einen Assistenzhund, auch ihre Eltern seien dagegen gewesen. Ihre Therapeuten hätten gesagt: „Das brauchst du nicht, das schaffst du auch so.“ Doch nachdem Chaja Thiele eine Reportage über ein Mädchen mit PTBS und ihrem Assistenzhund gesehen hatte, stand ihr Entschluss fest. Sie nahm Kontakt zu ihrer jetzigen Hundetrainerin auf. „Und sie hat gesagt: ,Natürlich kannst du das auch so schaffen, aber warum solltest du es dir unnötig schwer machen, wenn du Hilfe haben kannst?‘“

Die Kosten für einen Assistenzhund betragen zwischen 10.000 und 25.000 Euro – die Krankenkasse übernimmt diese Kosten nicht. „Ich hoffe, dass sich das irgendwann mal ändert“, sagt Chaja Thiele. Das Geld habe sie noch nicht, trotzdem sei Hummel bei ihr und alle zwei Wochen komme ihre Trainerin vorbei. Chaja Thiele hofft, dass Hummel in ein paar Jahren ihre Prüfung zur Assistenzhündin ablegen kann. „Wenn man geprüft ist, dann bekommt man eine offizielle Plakette.“ Damit könne sie Hummel dann auch überall mit hinnehmen.

Auf Instagram und Tiktok ist Chaja Thiele aktiv, um über psychische Erkrankungen, aber auch über Assistenzhunde aufzuklären. „Ich nehm die Leute halt in meinen Alltag mit und zeige, wie das Leben so aussieht, wenn man chronisch erkrankt ist und einen Assistenzhund hat“ – damit viel mehr Menschen erfahren, wie Assistenzhunde betroffenen Menschen helfen können.

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