Osnabrück Über den Löffel barbieren: Woher kommt diese Redewendung eigentlich?
Wer möchte über den Löffel barbiert werden? Sicher niemand. Die Redeweise macht ungute Gefühle. Aber woher kommt sie eigentlich? Ein Blick in die Sprachgeschichte hilft.
Alte Redeweisen verwundern mich immer wieder. Warum? Weil sie auf der einen Seite völlig klar sind, auf der anderen Seite aber auch dunkel und rätselhaft, weil man sich den Ursprung bestimmter Sprechweisen einfach nicht erklären kann. Seltsam genug, dass trotzdem jeder sofort versteht, was gemeint ist. Das ist für mich das große Rätsel der alten Wörter und Redewendungen.
Ein Mustereispiel? Aber bitte: Über den Löffel balbieren. Schon einmal gehört? Ganz sicher. Und das sicher mit dem bestimmten Gefühl, hier mit etwas sehr Unangenehmem konfrontiert zu werden. Niemand möchte über den Löffel balbiert werden. Ganz bestimmt nicht.
Sicher, wir wissen, was gemeint ist, wenn jemand silberne Löffel gestohlen hat. Dann hat sich jemand etwas zuschulden kommen lassen, etwas, das in der Regel so gravierend ist, dass jemand darüber zum Beispiel seine Arbeitsstelle verliert.
Es ist auch sofort klar, was wir meinen, wenn wir sagen, dass jemand mit einem goldenen Löffel im Mund geboren ist. Dann geht es um Menschen, der von Geburt an Vorteile genießt, die anderen nicht offenstehen. Ob es um Geld geht, um eine soziale Stellung oder ähnliche Vorteile – der sprichwörtliche goldene Löffel sorgt für uneinholbare Startvorteile im Leben.
Aber zurück zum dem Löffel, über den man nicht barbiert oder balbiert werden möchte. Mit dieser Redewendung wird es unangenehm. Wir ahnen es schon. Wer über den Löffel barbiert wird, der wird grob behandelt, dem wird übel mitgespielt. Mit dieser Redewendung wird es ruppig.
Doch woher kommt der Spruch? Die Erklärung verweist zurück in eine Zeit, in der Barbiere alten Männern zur Rasur einen Löffel in den Mund steckten, um die wegen fehlender Zähne eingefallene Wange nach außen zu wölben. Nur so ließ sich die Rasur vollziehen.
Eine entwürdigende Prozedur, nicht? Da muss es jedem, der so rasiert wurde, übel zu Mute gewesen sein. Und das umso mehr, als Barbiere zu jener Zeit, lange vor jeder Krankenkasse, auch für einfache medizinische Eingriffe zuständig waren. Sie zogen zum Beispiel Zähne. Barbiere oder Bader galten deshalb als brachial. Wer vertraute sich dann ihren Händen schon gern an?
Barbiere, die Zähne ziehen, gibt es längst nicht mehr. Aber der Spruch, der hat überlebt. Und wir wissen noch immer genau, dass er nichts Gutes meint. Erstaunlich, nicht? Ich schreibe mir das jedenfalls umgehend hinter die Löffel!