Marie-Luise Haldan feiert Geburtstag Mit 102 Jahren lebt sie noch in ihren eigenen vier Wänden
Marie-Luise Haldan aus Carolinensiel ist weltoffen. Als Tochter eines Landarztes nahm sie selbst das Medizinstudium auf. Dann begann der Zweite Weltkrieg – und alles kam anders.
Carolinensiel - Diese Frau weiß, was sie will: Nach einem leichten Schlaganfall und einigen daraus resultierenden insgesamt etwa zweijährigen Aufenthalten in Krankenhäusern und Pflegeheimen beschloss Marie-Luise Haldan im stolzen Alter von 99 Jahren, dass sie ihren 100. Geburtstag in ihren eigenen vier Wänden in Carolinensiel feiern wollte. Am Montag, 7. Oktober 2024, feiert sie genau dort schon ihren 102. Geburtstag. Und das sozusagen in Etappen. „Lieber kleine Gruppen. Da habe ich mehr davon“, sagt die Jubilarin. Denn viele Familienangehörige, Freunde und Nachbarn wollen sie hochleben lassen.
Doch eines macht ihr in ihrem hohen Alter sehr zu schaffen: Sie hört schlecht. Da sei es besser, wenn weniger Gäste nah bei ihr sitzen, während die mit ihr plauderten. Auch sonst hat Marie-Luise Haldan, obwohl eigentlich zeitlebens vorwiegend gesund, einige Einschränkungen, von denen sie sich jedoch nicht entmutigen lässt. Ende 2022 fiel sie und brach sich den Oberschenkelhals. Sie bekam eine neue Hüfte und kämpft sich seither mit Physiotherapie und regelmäßigem Training mit dem Rollator wieder zurück auf die Beine. Ein mühsames Unterfangen, doch die Seniorin gibt nicht auf. „Mühsam lerne ich wieder laufen.“ Mit ihrem Rollstuhl ist sie mobil im Haus. Einziges Manko des Hilfsmittels: „Man kommt nicht an alles ran.“
Tochter des Landarztes wollte Medizin studieren
Marie-Luise Haldan erblickte im Jahr 1922 im Herzen Carolinensiels das Licht der Welt. Dort, wo die Familie Scheidemann noch immer ihren Markt führt. Ihr Vater sei Ostfriese durch und durch gewesen. Mit ihm habe sie stets plattdeutsch gesprochen. Und auch sonst: „Wir haben früher als Kinder untereinander nur platt gesprochen.“ Ihr Vater Dr. Heinrich Mammen war der Landarzt von Carolinensiel. Auch für die als Marie-Luise Mammen geborene junge Frau stand nach dem Schulbesuch in ihrem Heimatort, Jever und Oldenburg fest, dass sie nach dem Abitur ein Medizinstudium beginnen wollte.
Zur Vorbereitung auf das angestrebte Studium wurde sie zur Schwesternhelferin ausgebildet, bevor sie nach Freiburg ging. Das Studium dort musste sie nach nur zweieinhalb Jahren abbrechen. Grund war der Krieg. Statt ihre Medizinkenntnisse in der Theorie zu vertiefen, waren sie jetzt praktisch gefordert – in einem Lazarett der Luftwaffe in der Hansestadt Wismar an der Ostsee. Nach Kriegsende 1945 wollte sie heim nach Ostfriesland – „dann sind wir gelaufen“. Ab Timmendorfer Strand begann eine abenteuerliche Heimkehr zu Fuß. Mit einer Kollegin machte sie sich in Schwesterntracht auf den Weg, erzählt sie. Über Lübeck ging es nach Worpswede. „Zu Fuß durch die Nordheide.“ Auf einem Rad, welches beide abwechselnd schoben, hätten sie ihr Gepäck gehabt. Unterwegs gab man ihnen Unterkunft, teilweise auch Essen.
Neue Aufgaben gefunden
Ausgerechnet das letzte Stück ihrer Reise sollte sich für Marie-Luise Mammen damals schwierig gestalten. In Oldenburg bei ihrer Tante angekommen, habe sie erfahren, dass sie für die Rückkehr nach Ostfriesland eine schriftliche Erlaubnis brauchte, um den Ems-Jade-Kanal zu passieren. Drei Wochen sollte das dauern, bis sie diesen Passierschein ausgestellt bekäme. Darauf habe sie nicht warten wollen. Sie schwang sich aufs Rad und fuhr gen Heimat. Bei Varel traf sie auf zwei Soldaten, die nach Jever wollten und sie kurzerhand mitnahmen. Die Engländer hätten sie durchgelassen, ohne nach dem Schein zu fragen. Der Weg nach Carolinensiel war damit frei. In Jever habe sie sich erneut aufs Rad gesetzt und sei den letzten Teil der Strecke gen Nordsee gefahren.
Kaum 14 Tage zurück in ihrem Dorf, war sie schon Schulhelferin. Während die alten Lehrer zur Entnazifizierung mussten, sollte der Schulbetrieb weitergehen. Eine Laufbahn als Lehrerin aber kam für sie nicht infrage. Lieber unterstützte sie ihren Vater als Sprechstundenhilfe. Ihr Studium der Humanmedizin habe sie nicht wieder aufnehmen können: Zurückkehren habe nur dürfen, wer vor der Zwangspause bereits sein Physikum absolviert hatte. Der Carolinensielerin fehlte ein Semester.
Ostfriesen zog es hinaus in die Welt
Viel Zeit, sich zu grämen, hatte sie nicht, denn 1950 lernte sie ihren späteren Mann kennen. Bernhard Haldan stammte aus Oberschlesien. Er sei in Ostfriesland hängen geblieben nach dem Krieg, erzählt die Jubilarin. Der Zahnarzt bekam die Zulassung für Carolinensiel und eröffnete eine Praxis. „Dann hatten wir fünf Kinder – da war an Studium nicht mehr zu denken“, stellt die geistig rege Seniorin klar. Die Praxis führte er vorn in dem Haus, in dem sie noch heute lebt. Sein großes Manko: „Mein Mann als Oberschlesier verstand kein Platt.“ Seine Frau fungierte stets als Übersetzerin. In den Jahren 1951 bis 1960 kamen die Kinder des Ehepaares zur Welt, drei Söhne und zwei Töchter. Das Familienglück fand 1974 ein jähes Ende. Bernhard Haldan starb ganz plötzlich, als die Kinder längst noch nicht alle aus dem Haus waren.
Die Ostfriesin stellte sich auch dieser veränderten Lebenssituation: „Da muss man willensstark sein, allein mit fünf Kindern.“ Marie-Luise Haldan sorgte dafür, dass sie ihren Weg ins Leben fanden. „Wie die Kinder alle ihre Ausbildung hatten, habe ich an mich gedacht.“ Sie begann zu reisen. Eines ihrer häufigsten Reiseziele war Polen. Über den Tod ihres Mannes hinaus hielt sie Kontakt zu dessen Verwandtschaft. „Ich habe heute noch Verbindungen nach Polen.“ Sie lernte zudem Englisch und besuchte ihren nach Amerika ausgewanderten Bruder. Zahlreiche Studienreisen führten sie unter anderem nach Kent, Prag, Verona oder in die Provence. „Ich habe viel gesehen und erlebt“, stellt sie zufrieden fest. „Es waren wirklich schöne Reisen.“ Ihre letzte Tour brachte sie nach Zypern, im Alter von etwa 90 Jahren. Die Freude am Handarbeiten und Lesen ist ihr bis heute geblieben.
Vier der fünf Kinder sind noch immer an der Seite der Carolinensieler Seniorin. Barbara Mardus ist die Erstgeborene. Sie kümmert sich gemeinsam mit ihren Geschwistern darum, dem Wunsch der Mutter nach einem möglichst eigenständigen Leben in den eigenen vier Wänden gerecht zu werden. Um dies zu ermöglichen, müssen die Angehörigen weit mehr als die 24-Stunden-Pflege organisieren. „Jeder hat seine Aufgaben“, erklärt die Tochter der Jubilarin. Dass sie einmal ihren 102. Geburtstag feiern würde, damit habe Marie-Luise Haldan in jüngeren Jahren nicht gerechnet, gibt sie zu. „Jetzt denk ich: So schnell ist ein Jahr schon wieder rum.“