Hamburg Clan-Kriminalität? Millionenraub auf der Autobahn, Kalaschnikow im Ferienhaus
Die Politik propagiert eine harte Linie gegen Clan-Kriminalität. Doch eine spektakuläre Festnahme in Niedersachsen, bei der die Polizei auch eine Kalaschnikow fand, zeigt, wie schwierig diese Politik tatsächlich umzusetzen ist.
Über Nacht hatte sich eine kleine Schneehaube über das Dörfchen Spohle in Niedersachsen gelegt. Im Ferienhaus etwas abseits des Ortskerns schliefen die Bewohner noch. Sie ahnten offenbar nicht, dass die Polizei sie schon einige Zeit beobachtete. An diesem Morgen im März 2023 erfolgte der Zugriff. Streifenwagen fuhren vor. Die Tür zum Ferienhaus wurde mit dem Generalschlüssel geöffnet. Und plötzlich standen die Polizisten im Wohnbereich.
Heute heißt es aus Ermittlerkreisen, dass der Einsatz auch ganz anders hätte ausgehen können. Denn die Bewohner waren schwer bewaffnet: Zwei Pistolen des Herstellers Glock und eine Kalaschnikow gehörten zu ihrem Reisegepäck. Wenn sie damit an diesem Morgen das Feuer eröffnet hätten...
Die drei Bewohner aber hatten scheinbar andere Sorgen. Als die Polizisten vor ihnen standen, waren sie bemüht, ihre Handys zu zerstören. Wie wild sollen sie darauf eingehämmert haben; offenbar, um mögliche Beweise und Hinweise auf Komplizen zu zerstören.
Die Polizei hatte zunächst vermutet, bei den Männern könnte es sich um mutmaßliche Automatensprenger aus den Niederlanden handeln, die sich in Spohle auf die nächste Sprengung irgendwo in Niedersachsen vorbereiteten. Es passte zu deren Modus Operandi, dass an ihrem Mercedes vor dem Ferienhaus ein offenbar gestohlenes Kennzeichen befestigt war.
Doch wie sehr die Ermittler sich irrten, wurde erst bei der Überprüfung der Personalien nach dem Zugriff deutlich: Es handelte sich nicht um Niederländer, sondern um Männer aus Berlin, die dem dortigen Milieu krimineller Clans zugerechnet werden. Was wollten sie schwer bewaffnet und zusätzlich ausgerüstet mit Sprengstoff, einer Spreizzange, wie sie Rettungskräfte zum Bergen von Unfallopfern verwenden, in einem Ferienhaus in Niedersachsen? Polizei und Staatsanwaltschaft hatten schnell einen Verdacht.
Eine Woche zuvor, 350 Kilometer Luftlinie von Spohle entfernt, quasi auf der anderen Seite Norddeutschlands im östlichen Mecklenburg-Vorpommern: Ein voll beladener Geldtransporter ist auf der Autobahn 20 unterwegs zu einer Außenstelle der Bundesbank. Der Transporter fährt in eine fingierte Baustelle, wird von zwei Fahrzeugen ausgebremst. Deren Insassen steigen aus, eröffnen das Feuer aus einem Sturmgewehr. Mit einer Spreizzange, wie sie Rettungskräfte verwenden, stemmen die Täter den Geldtransporter auf, greifen sich so viele Geldkassetten, wie sie können und flüchten. Das Transportfahrzeug setzen sie vorher noch in Brand, obwohl das Personal noch in der Fahrerkabine saß.
Es sei ein Glück gewesen, dass die Fahrer den Überfall unverletzt überstanden hätten, heißt es eindreiviertel Jahre später bei der Staatsanwaltschaft in Stralsund. In deren Zuständigkeitsgebiet fand der Überfall statt, der bundesweit Schlagzeilen machte. Wie viel Beute die Täter dabei machten, ist bis heute nicht final geklärt, wenngleich die Polizei selbst zwischendurch von 3,1 Millionen Euro ausging. Ein Teil des Geldes ging in Flammen auf. Aber ein Millionenbetrag wird es wohl gewesen sein, mit dem die Täter flüchteten. Da sind sich die Ermittler sicher.
Das Geld ist bis heute verschwunden. Ebenso ist bis heute ungeklärt, wer tatsächlich die Räuber mit dem Sturmgewehr waren. Der Verdacht richtete sich schnell auf die gut eine Woche später in Spohle Festgenommenen: die Spreizzange, das Sturmgewehr, die Baustellenabsperrung, die Verbindungen ins Clan-Milieu… Das konnte doch kein Zufall sein!
Doch was wollten die Berliner überhaupt in Spohle? Der Vermieter erinnert sich an einen Anruf, der in der Rückschau nur wenige Tage nach dem Geldtransporterüberfall in M-V einging. Die Kölner Entrümpelungsfirma „Victor P.” – die Firma war frei erfunden – suche eine Unterkunft für seine Monteure, erinnert sich der Spohler an das Telefonat. Ungewöhnlich sei das nicht gewesen.
Im Winter verirren sich traditionell wenig Touristen an den Baggersee nach Spohle. Unternehmen aber suchten das ganze Jahr über Unterkünfte für ihre Arbeiter. Der Anrufer kam selbst vorbei. Gepflegtes Äußeres, akzentfreies Deutsch und die Miete für das Ferienhaus in Bar dabei – er hinterließ einen rundum guten Eindruck.
Die Monteure indes sah er nur einmal: Gleich am ersten Tag nach ihrer Ankunft hatten sie einen Kurzschluss verursacht. Auf das Angebot des Vermieters, das technische Gerät im Wohnhaus ausfindig zu machen, das da Probleme machte, hätten sie aber nicht eingehen wollen. Später stellt sich heraus, dass sie mit Sprengstoff herumgebastelt haben.
Etwas anderes erregte hingegen Misstrauen: Eine Sicherheitskamera auf dem Grundstück war fast schon tölpelhaft mit einem Blatt verdeckt. Beim Auswerten der Aufzeichnungen erkannte er, wie einer der vermeintlichen Monteure an der Kamera hantierte. Das weitere Videomaterial zeigte, wie die Männer mit Sturmhauben über dem Gesicht nachts in ihrem Mercedes davon fuhren. Es war der Prolog für den großen Einsatz im März 2023, in dessen Folge die Ermittler in Niedersachsen sich direkt an den Vorfall Mecklenburg-Vorpommern erinnerten.
Doch der entscheidende Hinweis blieb wohl aus. Eine Verflechtung ließ sich nicht nachweisen. Mehr noch: Nach Informationen unserer Redaktion ergab ein Probeschießen mit der Kalaschnikow aus Spohle, dass mit dieser wohl nicht auf den Geldtransporter auf der A20 geschossen worden sein konnte. Trotz allen Mühen und insgesamt sogar zehn Tatverdächtigen gibt die Staatsanwaltschaft Stralsund im April 2024 auf. Es fehlen einfach die nötigen Beweise. Ergäben sich neue Hinweise, könnte man die Ermittlungen jederzeit wieder aufnehmen, heißt es von der Staatsanwaltschaft in Stralsund.
Die falschen Monteure aus Spohle kamen so oder so zunächst in Untersuchungshaft, unter anderem wegen der geklauten Kennzeichen und dem Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Ebenso zwei weitere Männer, die zuvor am Ferienhaus gesehen worden waren, dann aber vor dem Zugriff der Polizei davonfuhren.
Dabei sorgte ein Vorfall Anfang April 2023 in Hameln für Aufsehen, wo der Jüngste der Verdächtigen in der Jugendanstalt hinter Gittern saß: Eine Reihe von Autos mit Berliner Kennzeichen reiste an und – so empfand es das Personal der Anstalt – beschoss die Einrichtung mit Feuerwerk. Die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen werteten das als Solidaritätsbekundung mit dem Inhaftierten.
Der ist mittlerweile, wie seine mutmaßlichen Komplizen auch, wieder auf freiem Fuß. Entsprechende Haftbefehle wurden nach einigen Monaten außer Vollzug gesetzt, die Verdächtigen unter Meldeauflagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Sie reisten zurück nach Berlin und zumindest einer fiel unmittelbar wieder negativ auf: Bei der routinemäßigen Meldung auf der Polizeiwache in der Berliner Sonnenallee soll er den anwesenden Beamten unter anderem als „Schlampensohn“ bezeichnet haben.
Wann er sich in Niedersachsen vor Gericht verantworten muss, bleibt indes unklar. Das Verfahren am Landgericht Oldenburg ist noch nicht eröffnet. Mit den Festnahmen im März hatte sich die Sache für den Vermieter übrigens noch nicht erledigt: Nicht nur durchkämmte die Polizei eine Woche lang mit Spürhunden und Polizeitauchern das Grundstück und den angrenzenden See.
Tage später rief ein Unbekannter an, trieb sich zudem auch im kleinen Ort herum: Wo denn wohl die Monteure seien. Er könne sie nicht erreichen, wollte der Anrufer wissen. Der Spohler informierte wieder die Polizei. Doch weitere Rückfragen, beteuert er, habe es bis heute nicht gegeben. Weder von der Polizei noch von Angehörigen der zwielichtigen „Monteure“.