Bericht der Bundesregierung Regionen-Vergleich – Lebenserwartung in Ostfriesland ist niedrig
Die Bundesregierung strebt gleichwertige Lebensverhältnisse an. Sie hat daher die Entwicklung der Gesellschaft untersucht – regional. Ein Ergebnis: Die Lebenserwartung in Ostfriesland ist niedrig.
Ostfriesland/Berlin - „Die Stärkung gleichwertiger Lebensverhältnisse ist von enormer Relevanz und Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland“, schreibt die Bundesregierung in ihrem Gleichwertigkeitsbericht 2024. „Nur mit guten und gleichwertigen Lebens- und Arbeitsverhältnissen, einer intakten Umwelt und einem sozialen Miteinander vor Ort gedeihen Teilhabe, Zugehörigkeit und Zusammenhalt in einer Gesellschaft und letztendlich auch unsere Demokratie.“
Das Ziel der Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP: „Jede Bürgerin und jeder Bürger soll in der Region gut leben können, wo sie oder er gerne leben möchte.“ Dabei ist die regionale Lebensqualität nicht nur für die momentane Situation der Bewohner bedeutend, sondern auch dafür, wie sich eine Region und ihre Lebensbedingungen entwickelt. Ist sie beispielsweise attraktiv für Fachkräfte, Spezialisten und Experten – und in der Folge auch für Unternehmen, die solche Leute brauchen?
Für Ostfriesinnen und Ostfriesen dürften oder könnten die gegenwärtigen wie auch die künftigen Lebensverhältnisse in ihrer Region von ganz besonderem Interesse sein. Denn sie sind offenbar überdurchschnittlich standorttreu beziehungsweise heimatverbunden. Darauf deuten Statistiken hin, die für den Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung ausgewertet wurden.
Was hat die Bundesregierung in Ostfriesland analysieren lassen?
Die Bundesregierung hat für ihren „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ neben Wirtschaft, Klima und Umwelt sowie Infrastruktur und Daseinsvorsorge auch die gesellschaftliche Lage in den Regionen analysieren lassen. Dafür haben Gutachter statistische Daten aus allen 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland zusammengetragen und ausgewertet.
Der Regierungsbericht gibt folglich auch Auskunft über die Situation in den Kreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der Stadt Emden – über die Bevölkerungsentwicklung, die Zahl der Geburten, die altersmäßige Durchmischung der Bevölkerung, die Lebenserwartung, die vorzeitige Sterblichkeit, den Bedarf an staatlichen Geldhilfen für den Lebensunterhalt und die Beteiligung an Wahlen.
Wie entwickelt sich die Bevölkerung in Ostfriesland?
„Die Bevölkerungsentwicklung ist ein zentraler Indikator für die Lebensverhältnisse in einer Region, da sie das Zusammenspiel zahlreicher Faktoren widerspiegelt“ – die Bundesregierung nennt „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, gesellschaftliche Aspekte und regionale Attraktivität“. Sie sieht folgenden Zusammenhang: „Wächst die Bevölkerung in einer Region, steigt üblicherweise auch das Erwerbspersonenpotenzial.“ Dann gibt es tendenziell also mehr Arbeitskräfte. Und an Arbeitskräften mangelt es verschiedentlich, wie Arbeitgeber landauf-landab berichten – unter anderem im ostfriesischen Gesundheitswesen.
Wenn die Bevölkerung jedoch wachse und es mehr Erwerbstätige gebe, dann verbessere sich auch die „Finanzsituation der Kommunen“, erklärt die Bundesregierung. Dadurch könne „die Ausstattung an Infrastruktur beziehungsweise das Niveau der Daseinsvorsorge sichergestellt beziehungsweise erweitert werden“. Dann ist also die Versorgung der Einwohner in ganz verschiedener Hinsicht gut oder sie wird sogar besser.
Andererseits ist der Bundesregierung bewusst: „Gerade bei anhaltendem Bevölkerungswachstum können auch negative Effekte eintreten, wie etwa angespannte Wohnungsmärkte, erhöhtes Verkehrsaufkommen, Umweltbeeinträchtigungen sowie steigende Lebenshaltungskosten.“ Und: „Ein Bevölkerungsrückgang kann vor allem für Regionen eine Herausforderung sein, die gleichzeitig eine geringe wirtschaftliche Dynamik verzeichnen.“
Für Zuwandernde aus dem In- und Ausland seien diese Regionen eher unattraktiv, meint die Bundesregierung. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Teil der Einwohner abwandere, vor allem Leute im erwerbsfähigen Alter. Die Folge in den betroffenen Regionen sei „eine weiter schrumpfende und alternde Bevölkerung und – damit verbunden – neue Herausforderungen für die Versorgung“.
Für Deutschland sei der natürliche Saldo aus Geburten und Todesfällen bereits seit 1972 negativ, heißt es im Gleichwertigkeitsbericht 2024. „Er wurde in den vergangenen Jahren aber immer wieder durch eine entsprechend große Zuwanderung aus dem Ausland überkompensiert.“ Ohne Wanderungsgewinne würde die Bevölkerung Deutschlands demnach „schon seit Anfang der 1970er Jahre schrumpfen“.
Bei der Bevölkerungsentwicklung auf Kreisebene mache sich zusätzlich die Wanderung innerhalb Deutschlands bemerkbar, also zwischen den Regionen. Eine positive Tendenz bei der Einwohnerzahl wurde beispielsweise „in prosperierenden ländlichen Räumen etwa in Nordwestdeutschland, Bayern und Baden-Württemberg verzeichnet“, so das Regierungsgutachten. Ostfriesland konnte einwohnermäßig etwas zulegen.
Wie standorttreu sind die Arbeitnehmer in Ostfriesland?
Wenn das Einkommens-Niveau so niedrig ist wie in Ostfriesland, kann es Arbeitgebern passieren, dass ihre Leute in Regionen mit besserer Bezahlung abwandern – in Gegenden, in denen beispielsweise die Flächentarifbindung höher ist. Die „Ab- und Rückwanderung von Erwerbspersonen“ hat die Bundesregierung landkreisscharf in ihrem Gleichwertigkeitsbericht betrachtet. Zunächst zur Begriffsdefinition: „Die Erwerbspersonen setzen sich aus den Erwerbstätigen und den Erwerbslosen zusammen“, erklärt das Statistische Bundesamt.
„Die innerdeutsche Binnenwanderung kann für Erwerbspersonen mit Hilfe von Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf Kreisebene nachvollzogen werden“, erläutert die Bundesregierung. „Dabei errechnet sich die Abwanderungsquote für einen Landkreis aus der Anzahl der Personen, die den Kreis wegen eines innerdeutschen Umzugs verlassen, im Verhältnis zu den Erwerbspersonen im Kreis.“
Im betrachteten Zeitraum – es geht um die Jahre 2000 bis 2020 – sind demnach in Deutschland pro Jahr durchschnittlich 3,6 Prozent der Erwerbspersonen über Kreis- oder Stadtgrenzen hinaus umgezogen: „Dabei überstieg die westdeutsche Abwanderungsquote mit 3,7 Prozent den ostdeutschen Vergleichswert (3,1 Prozent).“ Aus den Daten ergab sich, „dass die Abwanderungsquote in Städten tendenziell höher war.“
Ein „besonders niedriges Abwanderungsgeschehen“ war laut Regierungsbericht für einzelne Kreise in Bayern (Landkreis Cham), Baden-Württemberg (Ortenaukreis) und Sachsen (Vogtlandkreis, Erzgebirgskreis und Zwickau) zu beobachten. Auch in Ostfriesland ist relativ wenig Abwanderung zu verzeichnen, obwohl das Medianeinkommen in der Region vergleichsweise niedrig ist. Die Abwanderungsverluste in den Landkreisen Leer und Aurich fallen besonders klein aus.
Wie viele Abwanderer kehren wieder nach Ostfriesland zurück?
Einerseits sind aus den ostfriesischen Landkreisen und der Stadt Emden in den Jahren 2000 bis 2020 nur relativ wenige Erwerbspersonen abgewandert – und das womöglich nicht einmal in die Ferne, sondern beispielsweise in den Nachbarkreis. Andererseits kamen in dieser kreis- und stadtscharfen Betrachtung überdurchschnittlich viele wieder zurück. „Um die Rückwanderungsquote pro Kreis für den Zeitraum 2001 bis 2021 zu berechnen, wurden die in die Kreise zurückgewanderten Personen ins Verhältnis zu den jeweils abgewanderten Personen gesetzt“, erklären die Gutachter der Bundesregierung.
Das Ergebnis der Betrachtung: „Durchschnittlich kehrte im betrachteten Zeitraum etwa ein Fünftel aller Abgewanderten eines Kreises wieder in diesen zurück. Dabei ist die Rückwanderungsquote in Ostdeutschland (21,6 Prozent) etwas höher als in Westdeutschland (20,2 Prozent).“ Demnach haben die Landkreise Aurich und Leer eine überdurchschnittliche Rückkehrerquote.
„Es wird deutlich, dass Städte – zusätzlich zu ihren höheren Abwanderungsquoten – tendenziell auch eine niedrigere Rückwanderung verzeichnen als viele ländliche Regionen“, heißt es im Regierungsbericht. Das trifft in Ostfriesland ebenfalls zu, im Verhältnis der Stadt Emden einerseits zu den Landkreisen andererseits.
Wie wirkt sich Zuwanderung auf die Bevölkerungsprognosen aus?
„Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen sind für Planungsprozesse von großer Bedeutung“, schreibt die Bundesregierung. So gilt es beispielsweise, genug Schulen und Krankenhaus-Kapazitäten vorzuhalten.
Die Zukunftsforscher des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) haben dabei offenbar aus Fehleinschätzungen der Vergangenheit gelernt: „Im Gegensatz zu regionalen Bevölkerungsvorausberechnungen der Vergangenheit wird in der jüngsten BBSR-Bevölkerungsprognose aufgrund der hohen Zuwanderung bundesweit bis zum Jahr 2045 ein Bevölkerungsanstieg auf 85,5 Millionen Menschen erwartet“, heißt es im Gleichwertigkeitsbericht.
In der BBSR-Bevölkerungsprognose für die Jahre 2018 bis 2022 war demnach ein Einwohnerzuwachs (Außenwanderungszugewinn) in Höhe von 1,4 Millionen Personen unterstellt – durch Zuwanderung aus dem Ausland. Tatsächlich wurden es aber 2,74 Millionen, wie die Bundesregierung berichtet. „Bis 2045 summieren sich die angenommenen Außenwanderungsgewinne gemäß BBSR-Prognose auf 9,1 Millionen Personen. Dies ist ein sehr hoher Wert, entspricht diese Zuwanderung doch knapp 11 Prozent der heutigen Bevölkerung Deutschlands.“
Dabei sei allerdings zu beachten, „dass Deutschland ohne Zuwanderung erheblich um rund 10 Millionen Personen schrumpfen würde“. Die Zuwanderung wirkt laut Bundesregierung „auf alle Kreise Deutschlands als stabilisierender Faktor für die Bevölkerungszahl“. Aber: „Nicht alle Kreise profitieren in gleichem Umfang von diesem Zuwachs. Vielmehr sind im Zeitraum 2021 bis 2045 in mehr als 150 von 400 Kreisen in Deutschland die Sterbeüberschüsse größer als die Außenwanderungsgewinne, sodass dort mit sinkenden Bevölkerungszahlen zu rechnen ist.“
Die Gutachter der Bundesregierung kommen zu dem Ergebnis: „Wachstum und Schrumpfung der Bevölkerung wird in regionaler Hinsicht auch künftig sehr unterschiedlich ablaufen.“ Während sich der Bevölkerungsanteil zentral gelegener, strukturstärkerer Kreise langfristig weiter erhöhe, sinke der Bevölkerungsanteil peripherer gelegener, strukturschwächerer Kreise zum Teil um weit mehr als 10 Prozent. In Ostfriesland soll die Einwohnerzahl ungefähr stabil bleiben.
Deuten ostfriesische Geburtenraten auf brummende Wirtschaft hin?
„Ein Faktor, der sich auf vielfältige Art und Weise auf die Lebensbedingungen in Regionen auswirken kann und auch von ihnen beeinflusst ist, ist die Geburtenrate“, erklärt die Bundesregierung. „Besonders groß ist dabei die Relevanz der Geburtenrate auf die Planung und Bereitstellung von Kinderbetreuung, Schulen, die Nachfrage nach Ausbildungs- und Studienplätzen und die (regionsübergreifende) Stabilität der Sozialversicherung.“
Zugleich geben Geburtenraten demnach Hinweise auf die Attraktivität einer Region für Menschen, die eine Familie gründen wollen: „Besonders hohe Geburtenraten sind häufig in wirtschaftlich prosperierenden Regionen zu finden, die durch den Zuzug von Menschen im Familiengründungsalter geprägt sind.“ Dieser Effekt ist in Ostfriesland nicht erkennbar.
„Dagegen weisen Regionen mit einer geringeren ökonomischen Leistungsfähigkeit häufig niedrigere Geburtenraten auf, die die Entwicklung dieser Regionen langfristig schwächen können“, heißt es im Gleichwertigkeitsbericht. Aber: „Für Menschen in der Phase der Familiengründung können ländliche Regionen aufgrund ihrer tendenziell günstigeren Immobilienpreise interessant sein und in der Folge können diese (Regionen) entsprechend höhere Geburtenraten aufweisen. Fehlt jedoch vor Ort ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuung, wird diese häufig von den Müttern übernommen, die dann nicht oder nur in geringem Umfang dem regionalen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.“
Einige Zahlen zur bundesweiten Entwicklung: „Im Jahr 2011 wurde mit 663.000 Neugeborenen die niedrigste Geburtenzahl seit 1946 registriert, anschließend stieg die Zahl der Neugeborenen bis zum Jahr 2021 wieder auf 795.500 an. 2022 und 2023 sank die Geburtenrate und lag 2023 auf dem niedrigsten Stand seit 2013 (vorläufige Ergebnisse, 693.000 Geburten).“
Die Gutachter der Bundesregierung stellten fest, dass „die Anzahl der Geburten je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner in den ostdeutschen ländlichen Kreisen ebenso wie in Schleswig-Holstein 2022 besonders niedrig war“. Dagegen seien in Süddeutschland ebenso wie im Oldenburger Münsterland hohe Geburtenraten zu beobachten. „Diese deutlichen regionalen Unterschiede bei den Geburten haben zwar am unteren und oberen Ende der Verteilung seit 2013 bezogen auf die relative Veränderung noch weiter zugenommen“, schreibt die Bundesregierung.
Wie viele Berufstätige müssen wie viele Rentner finanzieren?
Der demografische Wandel, auch als Überalterung der Gesellschaft bezeichnet, ist ein Aspekt, der regelmäßig Politik und Öffentlichkeit beschäftigt. Die Bundesregierung nutzt in ihrem Bericht einen Altenquotienten zur Lage-Bestimmung: „Der Altenquotient setzt die Anzahl der Menschen über 65 Jahre ins Verhältnis zur Anzahl der Menschen von 20 bis 65 Jahre, und informiert damit über die Relation zwischen der Erwerbsbevölkerung und den potenziellen Rentenbezieherinnen und Rentenbeziehern.“ Das bedeutet: „Wenn die Zahl der Älteren zunimmt, während die Zahl der Erwerbsfähigen konstant bleibt oder sinkt, nimmt der Altenquotient zu.“
Die Bundesregierung erklärt: „Das Verhältnis ist gesamtwirtschaftlich deshalb bedeutend, da im umlagefinanzierten Rentensystem die Renten durch die von den Erwerbstätigen erbrachte wirtschaftliche Leistung finanziert werden.“ Außerdem sei ein hoher regionaler Altenquotient mit einer erhöhten Nachfrage nach spezifischen staatlichen, medizinischen und wirtschaftlichen Leistungen verbunden, beispielsweise im Bereich der Gesundheitsversorgung. Es könne „negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit haben, wenn nicht ausreichend jüngere Arbeitskräfte zur Verfügung stehen“.
Bundesweit sieht die Entwicklung demnach wie folgt aus: „Im Jahr 1950 standen in Deutschland 16 Personen im Rentenalter 100 Personen im Erwerbsalter gegenüber. 2022 lag der Altenquotient dagegen bei 37,4 und hat sich seit 1950 somit mehr als verdoppelt.“ Aus dem Gleichwertigkeitsbericht geht nun hervor, „wie regional unterschiedlich der demografische Wandel“ – gemessen am Altenquotienten – verläuft. In den ostfriesischen Landkreisen Aurich und Wittmund liegt er höher als der deutsche Mittelwert, in Emden und im Kreis Leer ein bisschen niedriger.
Bei der Betrachtung der Raumtypen sei deutlich geworden, dass der Altenquotient in Großstädten vergleichsweise gering sei, schreibt die Bundesregierung. Und: „Zwischen 2013 und 2022 ist der Altenquotient tendenziell überall gestiegen – allerdings war der Anstieg in Regionen mit ohnehin schon hohen Werten höher, sodass regionale Unterschiede zugenommen haben.“
Welche Lebenserwartung haben Menschen in Ostfriesland?
Die Lebenserwartung betrachtet die Bundesregierung als „wesentlichen Indikator für den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Bevölkerung“. Sie werde von einer Vielzahl an strukturellen und individuellen Faktoren beeinflusst.
„Zu den individuellen Faktoren gehören beispielsweise persönliche Konsumgewohnheiten (dazu gehören vor allem Bewegung, Ernährung, Konsum von Alkohol und Tabak) oder die Art der zu verrichtenden Arbeit“, heißt es im Gleichwertigkeitsbericht. „Schwere körperliche Arbeit oder Berufe, die mit der Verwendung von Gefahrstoffen verbunden sind, können die Lebenserwartung senken.“
Zu den strukturellen Faktoren zählt die Bundesregierung unter anderem „die Qualität und Erreichbarkeit von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung“. Je nach Situation könne es passieren, „dass Krankheiten unentdeckt bleiben oder eine Behandlung nicht in ausreichendem Maß wahrgenommen wird“.
Ein Blick in die Geschichte zeigt: „Der langfristige Trend einer steigenden Lebenserwartung in Deutschland lässt sich seit der Veröffentlichung der ersten allgemeinen Sterbetafel von 1871/1881 für das damalige Reichsgebiet nachvollziehen. Damals betrug vor allem aufgrund einer hohen Kindersterblichkeit die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt für Frauen 38,5 Jahre und für Männer 35,6 Jahre.“ Zum Vergleich – aus der Sterbetafel 2020/2022 geht hervor: „Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt heute bei 83,2 Jahren für Frauen und 78,3 Jahren für Männer.“
Etwas niedriger fällt die Lebenserwartung aus, wenn jemand in Ostfriesland lebt. Dort ist die Lebenserwartung jedenfalls niedriger als in großen Teilen Deutschlands. Das geht aus dem Bericht der Bundesregierung hervor.
Die Gutachter haben „sowohl ein West-Ost-Gefälle als auch ein weniger ausgeprägtes Süd-Nord-Gefälle“ festgestellt. Die höchsten Lebenserwartungen weisen demnach Kreise in Mittel- und Süddeutschland auf.
Wie ist es um die „vorzeitige Sterblichkeit“ in Ostfriesland bestellt?
Die Lebenserwartung ist eine Prognose – in der Gegenwart kann die „vorzeitige Sterblichkeit“ verglichen werden. Auch das hat die Bundesregierung bezüglich Landkreisen und kreisfreien Städten gemacht. Und in diesem Vergleich hat Ostfriesland ebenfalls nicht gut abgeschnitten.
„Auf regionaler Ebene kann die Belastung durch gesundheitsgefährdende externe Faktoren erheblich variieren“, heißt es im Gleichwertigkeitsbericht. „Zentral sind hierbei Aspekte wie die Luftqualität, die das allgemeine Gesundheitsniveau und somit das Risiko einer vorzeitigen Sterblichkeit beeinflussen kann.“
Auch die Verkehrssituation, Lärmbelastung und der Infrastrukturausbau gelten als „bedeutende externe Einflussfaktoren, die regional unterschiedlich ausgeprägt sind“. Nach aktueller Studienlage sei zudem von einer Übersterblichkeit im Rahmen der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 auszugehen: „Erklärende Faktoren für die erhöhte Sterblichkeit im Jahr 2022 werden derzeit noch erforscht.“
Um die vorzeitige Sterblichkeit in den Regionen vergleichen zu können, wurde die Anzahl der verstorbenen Menschen betrachtet, die zum Todeszeitpunkt im Jahr 2022 jünger als 70 Jahre alt waren – und zwar in Relation zu allen Einwohnerinnen und Einwohnern dieser Altersgruppe auf Kreisebene (multipliziert mit 100.000).
Ein Ergebnis: „In Bayern und Baden-Württemberg sowie zwischen Oldenburg und dem Münsterland ist die vorzeitige Sterblichkeit geringer.“ Hohe Werte fänden sich dagegen unter anderem im Ruhrgebiet, in Wilhelmshaven oder in Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens – und durchaus auch in Ostfriesland.
Wie groß ist die Kriminalität in Ostfriesland und anderswo?
Die Lebensqualität kann auch durch Kriminalität gemindert werden: „Finden an einem Ort gehäuft Straftaten statt, hat dies tendenziell ein eingeschränktes Sicherheitsgefühl“, schreibt die Bundesregierung. „Ein hohes Aufkommen an Straftaten belastet zudem die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden vor Ort und kann sich negativ auf das Image und die Attraktivität der Region auswirken.“
Absolut betrachtet habe die bundesweite Anzahl der Straftaten 2016 einen Höhepunkt erreicht – so steht es im Gleichwertigkeitsbericht. Dann sei sie einige Jahre lang gesunken und zuletzt wieder angestiegen.
Die Gutachter haben die polizeilich bekannt gewordenen Straftaten je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner betrachtet: „Tendenziell sind Städte häufiger von Kriminalität betroffen als ländliche Räume.“ Die hohen Quoten in den beiden Grenzregionen Frankfurt (Oder) und Berchtesgadener Land seien allerdings durch unerlaubte Einreisen verzerrt worden.
Im betrachteten Zeitraum – 2013 bis 2022 – ist die Anzahl der Straftaten je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner bundesweit durchschnittlich zurückgegangen, wie aus dem Regierungsbericht hervorgeht. Eine weitere Erkenntnis: Ostfriesland ist – statistisch betrachtet – unterdurchschnittlich von Kriminalität betroffen.
Wie sehr werden Mütter in Ostfriesland beruflich benachteiligt?
Dass Frauen in Ostfriesland im Vergleich zu Männern noch weniger verdienen als in anderen Regionen, ist nur einer von mehreren Hinweisen darauf, dass eine Gleichberechtigung noch aussteht. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, sind damit für sie – jedenfalls tendenziell – weitere Nachteile verbunden, wie aus dem Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung hervorgeht.
„Bis heute gibt es in allen Regionen einen deutlichen Unterschied zwischen Müttern und Vätern sowohl bei der Beteiligung am Elterngeld als auch beim Umfang der Elterngeldnutzung“, schreibt die Regierung und erläutert: „Auf die Entscheidung, wie sich Eltern die Elterngeldmonate untereinander aufteilen, können unterschiedliche Faktoren Einfluss haben, darunter die Betreuungsinfrastruktur vor Ort, die individuellen Einstellungen, die Familienfreundlichkeit der Arbeitgeber, die Einkommensverhältnisse und der Arbeitsmarkt vor Ort.“
Untersuchungen, welche Faktoren Einfluss auf die regional unterschiedlichen Anteile der Väterbeteiligung beim Elterngeld haben, gibt es noch nicht, wie der Regierungsbericht offenbart. „Die Väterbeteiligung beim Elterngeld ist dennoch ein Indikator für Veränderungen bei der Gleichberechtigung. Denn das Elterngeld hat dazu beigetragen, dass die Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen Müttern und Vätern partnerschaftlicher wurde, auch wenn die Mütter weiterhin deutlich mehr übernehmen als die Väter.“ Das Elterngeld habe „dazu beigetragen, dass Mütter ihre Berufstätigkeit nach der Geburt eines Kindes kürzer unterbrechen und mit einem größeren Arbeitszeitumfang in den Beruf zurückkehren“ könnten.
Seit der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 haben sich demnach die staatlich bezuschussten Auszeiten der Väter zur Kindererziehung „erheblich gesteigert“. Die Väterbeteiligung beim früheren Erziehungsgeld habe „lediglich bei drei Prozent“ gelegen und habe sich zwischen 2008 und 2020 von 21 auf 44 Prozent mehr als verdoppelt, so die Bundesregierung. Aber: „Die durchschnittliche Dauer des geplanten Elterngeldbezugs liegt bei Männern deutlich niedriger (2023: 3,7 Monate) als bei den Frauen (2023: 14,8 Monate).“
Die Väterbeteiligung beim Elterngeld bildet den prozentualen Anteil der Kinder ab, deren Vater Elterngeld bezogen hat, wie im Bericht erläutert wird. „Mit der Väterbeteiligung beim Elterngeld soll eine Aussage darüber getroffen werden, ob und inwieweit Väter, die Elterngeld für ihr Kind erhalten könnten, diesen Anspruch auch tatsächlich geltend machen.“
Auf Kreisebene ist festgestellt worden, dass insbesondere im Süden und im Osten Deutschlands überdurchschnittlich viele Väter Elterngeld beziehen. „In den west- und norddeutschen Ländern ist die Väterbeteiligung beim Elterngeld weitestgehend geringer.“ In Ostfriesland lag die Väterbeteiligung beim Elterngeld im Jahr 2020 zwischen 29,4 und 36,6 Prozent, während der Median und der Mittelwert in Deutschland bei knapp 44 Prozent lagen.
Wie viele Menschen sind in Ostfriesland von staatlicher Hilfe abhängig?
„Die Mindestsicherungsquote zeigt an, wie viele Menschen auf finanzielle Hilfen des Staates zur Sicherung des grundlegenden Lebensunterhalts angewiesen sind“, schreibt die Bundesregierung – eine Definition des Begriffs findet sich beim Statistischen Bundesamt: „Die Mindestsicherungsquote stellt den Anteil der Empfängerinnen und Empfänger von Mindestsicherungsleistungen an der Gesamtbevölkerung (beziehungsweise der jeweiligen Bevölkerungsgruppe) dar.“
Auch diesen Parameter hat die Bundesregierung in ihrem Gleichwertigkeitsbericht betrachtet: „Die staatliche Unterstützung schließt die Grundsicherung für Arbeitsuchende, die Hilfe zum Lebensunterhalt, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie die Regelleistungen nach dem Asylbewerbergesetz mit ein.“ Betroffene verfügen über geringere finanzielle Spielräume, was insbesondere hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Teilhabe große Herausforderungen mit sich bringen könne, merkt die Regierung an.
Ihre Erkenntnis im Gleichwertigkeitsbericht: „Der Anteil der Bezieherinnen und Bezieher von Mindestsicherungsleistungen ist räumlich ungleich verteilt.“ Die Mindestsicherungsquote in Großstädten sei im Jahr 2021 im Schnitt fast doppelt so hoch wie in ländlicheren Regionen und kleineren Städten gewesen.
„Darüber hinaus ist noch immer ein Nord-Süd-Gefälle zu erkennen“, schreibt die Bundesregierung. In den ostfriesischen Landkreisen ging die Mindestsicherungsquote im Vergleich der Jahre 2013 und 2021 zurück. Nur der Landkreis Leer lag 2021 exakt auf dem bundesdeutschen Mittelwert (6,9 Prozent). Der Kreis Wittmund lag knapp darüber und der Landkreis Aurich schlechter. Die Stadt Emden ist zwar noch keine Großstadt – aber mit einer Mindestsicherungsquote von 12,7 Prozent liegt sie deutlich höher als die ländlichen Landkreise.
Wie niedrig war die Bundestagswahlbeteiligung in Ostfriesland?
Die Beteiligung an einer Wahl stellt die grundlegendste Form der politischen Beteiligung dar, wie die Bundesregierung in ihrem Gleichwertigkeitsbericht erinnert. Und eine niedrige Wahlbeteiligung könne verschiedene Ursachen haben, „unter anderem eine fehlende Wertschätzung für die Relevanz der demokratischen Beteiligung oder aber eine generelle Politikverdrossenheit“.
Sozial und wirtschaftlich benachteiligte Personenkreise beteiligen sich demnach „tendenziell seltener an Wahlen – mit der Folge, dass diese Gruppe dann beim Wahlergebnis politisch unterrepräsentiert ist und ihre Belange möglicherweise entsprechend weniger Berücksichtigung finden“.
Die statistische Auswertung hat ergeben, wie unterschiedlich die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2021 auf Kreisebene ausgeprägt war: „Auffällig sind die überwiegend geringen Wahlbeteiligungen in Mecklenburg-Vorpommern, Teilen von Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Großstädten im Ruhrgebiet, in Berlin oder Bremen.“ Ostfriesland gehört zu den Regionen, in denen die Wahlbeteiligung relativ niedrig war.
„Im Vergleich zu 2013 hat die Wahlbeteiligung in den Kreisen und kreisfreien Städten weit überwiegend zugenommen – etwas stärker in jenen Kreisen mit einer besonders geringen Wahlbeteiligung“, so die Gutachter. Diese Zunahme ist auch in Ostfriesland festzustellen.