Osnabrück Didi Hamann, das neue rote Tuch für die Bayern – zum Glück für die Liga
Kein TV-Fußball-Experte polarisiert derzeit wohl so sehr wie Didi Hamann. Der Ex-Profi und heutige Fachmann des Senders Sky eckt an mit seinen Thesen. Besonders den FC Bayern stört das regelmäßig. Den Rest der Liga aber sollte das freuen, findet Kolumnist Udo Muras.
Nicht wenigen Fußballfans dürfte es so gehen, dass sie auf Fieldinterviews mittlerweile gut verzichten können. Das Gestanzte, Wohlgesetzte und allzu Banale will keiner mehr hören und nutzt nur den Sponsoren, vor deren Logos die Nachbereitungsinterviews gewöhnlich stattfinden. Keine Neuigkeit, musste aber wieder mal raus. Anders verhält es sich allerdings, wenn ein „Experte“ in die Gesprächsrunde eingebunden wird. Das ist zwar kein geschützter Begriff, geschweige denn ein Ausbildungsberuf, sonst müsste man so manche Bildschirmpräsenz ernstlich hinterfragen. Aber auch Kolumnist kann man ohne jegliches Diplom werden, am Rande bemerkt. Egal.
Es schadet jedenfalls nichts, wenn Fußballexperten auch mal Fußball gespielt haben, und je höher, desto größer ist auch die Aufmerksamkeit. In der Hinsicht ist Sky immer noch unser um Längen führender Bundesligasender. Nichts gegen Sascha Bigalke oder Sebastian Kneißl, aber wo haben die noch mal gespielt außer in der Betriebsmannschaft von DAZN? Immerhin haben sie jetzt Michael Ballack entdeckt.
Bei Lothar Matthäus und Didi Hamann aber stellen wir uns diese Fragen nicht und auch nie die, ob es heute mal langweilig werden könnte. Rekordnationalspieler Matthäus und Vizeweltmeister Hamann, mit Liverpool 2005 Champions League-Sieger, sind mittlerweile auch am Mikro Kult. Weil sie Klartext reden, was nicht unbedingt mit absoluter Wahrheit gleichzusetzen ist, zumal es im Fußball laut Otto Rehhagel ja nur eine gibt: dass der Ball ins Tor muss. Auf diese Binse beschränkt sich das Klartext-Duo zum Glück nie, was ihnen nicht nur Zustimmung einbringt in der Branche. Von Matthäus wissen wir, dass er bei den Bayern kein Greenkeeper mehr werden kann, aber Hamann hat ihn als leibhaftiges rotes Tuch für den Rekordmeister nun abgelöst. Der wird in München nicht mal mehr Kartenabreißer.
Vielleicht sollten sie ihm aber besser ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann und ihn als Sponsoren-Bespaßer in den VIP-Logen der Allianz Arena kaltstellen. Einen Job, den einst schon Gerd Müller innehatte. Doch bei Sky dürften sie ihn kaum gehen lassen, andauernd schafft es der Sender dank Didi in die Medien. Laut Bild am Sonntag ist seine Kontroverse mit den Bayern „der größte Zoff der Liga“, ausgebreitet auf einer ganzen Seite. Worum ging’s noch mal und seit wann? Eine eilige Internetrecherche ergab allein im letzten halben Jahr deutliche Kritik an Harry Kane (ist die 100 Millionen nicht wert), Jamal Musiala (hat den Kopf zu oft unten), Thomas Tuchel (ist zu ehrlich), Uli Hoeneß (macht Eberl den Job zu schwer), dem Verein als Ganzes und vermutlich findet er auch, dass Franz Beckenbauer nicht ohne Sommermärchen-Aufklärung hätte sterben dürfen.
Hamanns Kritik trifft mit Vorliebe die Großen. In Dortmund werden sie ihn auch kaum noch mit der Sänfte ins Stadion tragen. Auch die Nationalmannschaft muss zuweilen vor seinen Anwürfen in Deckung gehen, Bundestrainer eingeschlossen. Für meinen Geschmack sagt er oft das Richtige, könnte es aber anders sagen und nicht immer gleich mit einer düsteren Prognose verknüpfen à la „die nächsten Gegner werden nicht leichter“.
Man muss sich allmählich fragen, ob der liebe Didi überhaupt noch irgendwelche Freunde im Fußball haben wird, wenn er weiter nach der Maxime „Viel Feind, viel Ehr“ verfährt. Bei Sky zumindest hat er noch welche, wie er in einem Interview beteuerte: „Der Sender steht hinter mir.“ Außerdem sei seine Kritik ja nie persönlich gemeint. Dann wollen wir mal hoffen, dass er es auch nicht persönlich nimmt, wenn Max Eberl öffentlich posaunt, er sei „wie Tinitus, der kommt alle drei Tage hoch“.
Klingt nach arger Verbitterung, auch darüber, dass sich der Didi einfach nicht einhegen lässt. Schon Ende Januar hatte der FC Bayern ein Statement herausgegeben und beteuert, „dass wir solche Aussagen nicht mehr hinnehmen“. Gebremst hat es ihn nicht und ein Verein wie Bayern München muss das aushalten können. Der Bundesliga kann nix Besseres passieren als wütende Bayern und Experten, die vor ihnen nicht kuschen. Wäre nur doof, wenn Jahre später herauskäme dass alles nur Show war.