Berlin  Alice Weidel und Sahra Wagenknecht: Ein Chaos-Duo für Deutschland

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 10.10.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Politische Außenseiterinnen im TV-Duell: Alice Weidel (links) lacht, Sahra Wagenknecht ist hochkonzentriert. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Politische Außenseiterinnen im TV-Duell: Alice Weidel (links) lacht, Sahra Wagenknecht ist hochkonzentriert. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
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Alice Weidel präsentierte sich gemäßigt, Sahra Wagenknecht öffnete sogar eine Tür für künftige Koalitionen mit der AfD. Eine Vorstellung, die nach diesem TV-Duell noch beunruhigender ist.

Die Versuchsanordnung ist geglückt: Neben der hohen Einschaltquote, die das TV-Duell zwischen Wagenknecht und Weidel für den Sender welt tv versprach, war das Anliegen, die beiden Frauen aufeinander loszulassen, zwischen denen Ähnlichkeiten bisher nur vermutet wurden, ein richtiges. Mehrere Erkenntnisse konnte man aus dem Abend gewinnen:

Beide würden Waffenlieferungen an die Ukraine einstellen und diplomatische Lösungen vorantreiben wollen - aus unterschiedlichen Motiven. Bei Wagenknecht ist der tiefe Argwohn gegen die USA die treibende Kraft, Weidel bleibt da eher im Ungefähren. Im Augenblick erscheint die Kritik an der Unterstützung Weidel offenbar nützlich, um vor allem im Osten bei Wählern zu punkten. Unterschiede traten in den Positionen zum Nahost-Konflikt zutage. Während Weidel Israel anders als der Ukraine uneingeschränkt das Recht zur Selbstverteidigung zuspricht, hält Wagenknecht Israels Vorgehen (anders als das Vorgehen Russlands) für einen „Vernichtungsfeldzug“. 

Interessant war vor allem, wie freundlich sich die beiden Frauen begegneten. Anders als beim TV-Duell vor der Thüringen-Wahl zwischen CDU-Mann Mario Voigt und AfD-Rechtsaußen Björn Höcke schienen beide geradezu neugierig aufeinander. Alice Weidel nutzte den Abend, um sich gemäßigt zu präsentieren. Sie lächelte viel und hatte sich offenbar vorgenommen, die sonst gern mit zorniger Stimme vorgetragene Fundamentalkritik an den „Altparteien“ anders zu intonieren. Gar nicht so schlimm, die Frau, dürfte sich mancher gedacht haben, während sie mit Perlenkette und Einstecktuch darüber sprach, dass ihre Partei in der Migrationspolitik nur wieder Recht und Ordnung herstellen wolle. 

Wagenknecht hatte ihren stärksten Moment, als sie Weidel mit Aussagen von Björn Höcke konfrontierte, wie er sich die „Remigration” vorstellt. Alice Weidel wich daraufhin aus. Man spreche ja heute mit ihr und nicht mit Björn Höcke. Wann darüber vorher noch Unklarheit bestand: Alice Weidel hat sich mit Höcke arrangiert. Sie distanziert sich nicht, weil er erfolgreich ist. Er könnte ihr zur Macht verhelfen. Dass das umgekehrt genauso gilt, ist für sie ganz offensichtlich gar kein Problem. Wenn es denn überhaupt je eines war. 

Sahra Wagenknecht wiederum ließ erkennen, dass eine Koalition mit der AfD ohne Höcke für sie vorstellbar wäre. Nach diesem Abend ist das eine noch beunruhigendere Vorstellung. Beide Frauen versprechen, dass mit ihnen sofort alles anders und besser würde im Land.

Wenn es dann konkret wird, sind ihre Vorschläge erschreckend einfallslos: Gefragt, was sie gegen die sich verfestigende Rezession tun würden, schlagen sie als erste Maßnahmen niedrige Energiepreise (Wagenknecht will Gas aus Russland, Weidel einen Energiemix aus Kohlekraft und Atomstrom), Bürokratieabbau (beide) und bessere Bildung (Wagenknecht) und Ausbildung (Weidel) vor.

Dafür, dass die Ampel-Koalition seit Monaten entsprechende Maßnahmen diskutiert und teils auch schon beschlossen hat, sind das nicht gerade revolutionäre Ideen. Weidel jedenfalls würde an der Schuldenbremse nicht rütteln wollen, Wagenknecht dagegen mit großer Entschiedenheit. 

Aber das sind im Vergleich zu den außenpolitischen Unsicherheiten, in die beide Frauen das über Jahrzehnte so stabile Deutschland in der Mitte Europas stürzen würden, wenn sie die Macht dazu hätten, dann fast schon Nebensächlichkeiten. 

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