Osnabrück  Ronya Othmanns „Vierundsiebzig“ über den Völkermord an den Jesiden

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 11.10.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ronya Othmann, Schriftstellerin und Journalistin, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024, steht im Schauspiel Frankfurt. Foto: dpa
Ronya Othmann, Schriftstellerin und Journalistin, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024, steht im Schauspiel Frankfurt. Foto: dpa
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Welcher Roman holt den Deutschen Buchpreis 2024? Wir stellen die sechs Titel der Shortlist vor. Dieses Mal: Ronya Othmanns Roman „Vierundsiebzig“.

„Jedes Schreiben ist für mich Fiktion“. Ein Satz wie ein Bekenntnis. Und wie eine bohrende Frage. Denn wie lässt sich dann über einen Völkermord berichten, wenn doch alles Schreiben nur Fiktion, also untauglich sein kann? Ronya Othmann nennt ihr Buch „Vierundsiebzig“ einen Roman. Othmann schreibt über einen Genozid

Ronya Othmann thematisiert in „Vierundsiebzig“ den Genozid an den Jesiden und macht sich auf die Spuren des Verbrechens der Terrororganisation Islamischer Staat. „Sie besucht die Schauplätze der Massaker, die Flüchtlingscamps, die Gedenkstätten. Sie lässt jene, die der Mordlust des IS nur knapp entfliehen konnten, zu Wort kommen“, hielt die Jury des Buchpreises in ihrem Votum fest. Othmann mische dabei Gattungen und Erzählformen wie Reisereportage, Gerichtsprotokoll, historische Exkurse und Autobiografisches.

„Angesichts der Gräueltaten, und ich streiche das Wort Gräueltaten, angesichts der Verbrechen und ich streiche das Wort Verbrechen, weil sowohl das Wort Gräueltaten als auch das Wort Verbrechen nicht tragen“: Othmann begibt sich in ihrem Buch folgerichtig auf eine doppelte Spurensuche. Sie versammelt Berichte über den Mord an den Jesiden und sucht zugleich nach einem Weg, wie über die Schrecken dieser Terrortaten angemessen gesprochen werden kann.

Die Kombination der Textgattungen ist deshalb der einzige Weg. Othmann erkennt, wo die angestrebte Wahrheit über das menschliche Leid überhaupt nur für Momente aufblitzen kann – an den Schnittpunkten der Dokumente, dort, wo sich die Zeugnisse gegenseitig spiegeln und so in einen Dialog eintreten.

Das Buch „Vierundsiebzig“ setzt einen starken Akzent in jenem literarischen Trend, der fiktionale Schreibweisen mit Essays, Berichten und Reportagen mischt. Die Fiktionalität wird überall dort zu einer fragwürdigen Größe, wo es um ein Geschehen geht, das mit einer einzigen Schreibweise nicht mehr adäquat einzufangen ist.

Ronya Othmann geht für ihr Buch buchstäblich selbst auf die Reise, begegnet Menschen, untersucht Orte und Landschaften, sammelt Berichte, spürt Erinnerung und Zeugnis der Opfer nach. Und sie hält fest, was sich mit dem Verbrechen des sogenannten Islamischen Staates verändert hat.

„Ich erinnere mich, dass es erst wieder Feste gab, als die ersten Frauen und Mädchen au der Gefangenschaft befreit worden waren. Ich kann mich an Fotos erinnern von Überlebenden in êzîdischer Tracht. Sie standen, von einer Menschenmenge umringt, und hielten die Ċira-Lichter in ihren Händen. Es hat wieder Feste gegeben, aber es waren andere Feste“, heißt es in einem Reisebericht. Ein starkes, weil eindringliches Buch – auch über die Möglichkeiten authentischen Schreibens.

Ronya Othmann. Vierundsiebzig. Roman. Rowohlt Verlag. 512 Seiten. 26 Euro.

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