Krise in der Gastronomie  Restaurant-Sterben in Ostfriesland befürchtet

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 10.10.2024 18:03 Uhr | 6 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Erich Wagner (rechts) und sein Sohn Henning kochen gemeinsam im „Hotel zur Post“ in Wiesmoor. Foto: Cordsen/Archiv
Erich Wagner (rechts) und sein Sohn Henning kochen gemeinsam im „Hotel zur Post“ in Wiesmoor. Foto: Cordsen/Archiv
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Die Zahl der Insolvenzen in der Gastronomie steigt bundesweit. Erich Wagner vom Dehoga-Bezirk Ostfriesland fordert: Die Mehrwertsteuer muss wieder sinken. Sonst sieht er für die Zukunft schwarz.

Hannover/Ostfriesland - Auch zwei Jahre nach der Corona-Pandemie kommt die Gastronomie- und Hotel-Branche nicht wieder richtig auf die Beine. Laut einer Dehoga-Verbandsumfrage setzten die Hoteliers und Gastronomen im ersten Halbjahr 2024 trotz gestiegener Preise nominal knapp 11 Prozent weniger um als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn brach demnach sogar um 22 Prozent ein.

„Die Lage in Ostfriesland ist bei den Kollegen überhaupt nicht gut“, sagt Erich Wagner, 1. Vorsitzender des Bezirksverbands Ostfriesland des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). „Die Stimmung ist am Boden. Einige Betriebe sind bisher gerade so mit einem blauen Auge davongekommen.“ Man lebe als Gastronom in Ostfriesland auch sehr stark von Tagestouristen – aber auch die werden weniger. „Wir hatten jetzt auf die Herbstferien gehofft, aber das schlechte Wetter hält die Leute von Ausflügen ab“, sagt der Inhaber vom „Hotel zur Post“ in Wiesmoor.

Dehoga:„Weitere Tausend Betriebe stehen vor dem Aus“

Auch die Fußball-EM brachte bundesweit nicht den erhofften Aufschwung. „Trotz größter Anstrengungen wird es für unsere Betriebe immer schwerer, wirtschaftlich zu arbeiten. Wenn sich nichts ändert, stehen weitere Tausende Betriebe vor dem Aus“, sagt auch der Dehoga-Präsident Guido Zöllick.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (DIHK) sorgen sich 29 Prozent der Unternehmen in der Gastronomie um ihre Liquidität. Die Zahl der Insolvenzen in der Branche ist im vergangenen Jahr mit 27 Prozent überdurchschnittlich gestiegen, wie auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform berichtete. 14.000 haben aufgegeben, etwa jedes zehnte Unternehmen. Wie schwierige die Lage ist, zeigt sich zudem in der Rangliste der risikobehafteten Branchen, die Creditreform für das erste Halbjahr 2024 erstellt hat: Mit 447 gefährdeten Betrieben je 10.000 Unternehmen liegen Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés und Eissalons auf dem 8. Platz.

„Viele Betriebe können keine Steuern mehr zahlen“

Das Gastgewerbe hadert nach wie vor mit der Mehrwertsteuererhöhung von sieben auf 19 Prozent zum Jahresanfang. „Wir haben die Politik immer gewarnt, sie soll die sieben Prozent Mehrwertsteuer lassen. Die Kosten sind für die Betriebe einfach zu hoch geworden“, sagt Wagner. „Die Mehrwertsteuer muss sich verändern, sonst haben wir in den nächsten ein, zwei Jahren ein ganz großes Gastronomie-Sterben“, prophezeit Wagner. „Viele Betriebe können einfach keine Steuern mehr bezahlen, weil sie keine Erträge mehr haben.“

Bundesweit sahen sich knapp 90 Prozent der Betriebe laut einer Dehoga-Umfrage durch die Mehrwertsteuererhöhung von sieben auf 19 Prozent gezwungen, ihre Preise zu erhöhen. Zwei Drittel erlitten sinkende Umsätze und Gästezahlen. „Wir müssen das wieder auf sieben Prozent zurückführen. So gewinnen wir ja auch nichts – im Gegenteil. Das haben wir der Politik ja auch immer wieder gesagt“, erinnert Wagner. Die große Vielfalt in der Gastronomie werde verloren gehen, befürchtet er.

Umfrage: Kunden achten verstärkt auf den Preis

Nach den größten Herausforderungen gefragt, nennen in der Dehoga-Umfrage die meisten Unternehmen neben der Anhebung der Steuer außerdem die steigenden Kosten für Lebensmittel und Getränke – und für Personal. Gleichzeitig sparten die Kunden auch vielfach bei der Nutzung gastronomischer Angebote, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. Jeder Dritte gibt an, in den vergangenen Jahren stärker auf den Preis geachtet zu haben. Das war mehr als in anderen Bereichen wie Tickets für Kino oder Konzerte, Möbel und Elektronik.

„Es findet ein Wandel statt, die Leute wollen wieder schneller irgendwo günstig was essen“, beobachtet auch Wagner. Früher seien die Menschen immer „gerne gut essen gegangen“. Er erinnert auch daran: „Bei den Döner-Buden beispielsweise gibt es ja auch Außer-Haus-Verkauf, darauf entfallen weiterhin nur sieben Prozent Mehrwertsteuer.“

Mit Material von DPA

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