Trödel und Geschichte Warum das „Oll Reef Hus“ selbst ein kurioses Fundstück ist
Im Museum und in der großen Flohmarkthalle von Jürgen Tjaden in Wrisse gibt es jede Menge Fundstücke aus längst und gerade vergangenen Zeiten. Jetzt erzählt er, wie es dazu kam.
Wrisse - Zögerlich drücke ich die Pforte zum Hintereingang des „Oll Reef Hus“ herunter und stehe schließlich vor einer alten Telefonzelle und anderen historischen und wetterfesten Fundstücken. Links von mir liegt ein vor 25 Jahren zum Museum umfunktioniertes Bauernhaus und rechts die große Flohmarkthalle. „Hallo?“, rufe ich. Keine Antwort. Es ist kein offizieller Öffnungstag, aber ich hatte mich angekündigt. Bis auf ein paar Informationen von Kolleginnen habe ich keine Vorstellung davon, was mich hier erwartet.
Schließlich folge ich dem Klang eines Radios und trete durch das Spalier zweier alter Verkehrsampeln am Eingang der Halle. „Hallo, ist hier jemand?“, rufe ich immer wieder, während ich mich durch die endlos erscheinenden Schneisen zwischen ausgestelltem Trödel schlängele. „Das ist alles zu verkaufen“, wird mir Jürgen Tjaden später erklären. Er ist derjenige, der diesen Ort verzapft hat.
Endlose Gänge durch den Trödel
Doch noch streife ich suchend durch die verwinkelten Gänge. Regelmäßig jagen mir unerwartet auftauchende Schaufensterpuppen einen Schrecken ein. Es geht vorbei an Dingen wie alten Waschmaschinen, Staubsaugern, Fernsehgeräten, Werkzeugmaschinen, Puppen und jeder Menge Schlüsseln. Irgendwann frage ich mich, ob ich überhaupt noch den Weg nach draußen finde. So erschlagend sind die unfassbare Menge der Dinge und die verwinkelten Gänge, die durch sie hindurchführen.
Eins steht schon jetzt fest: Das „Oll Reef Hus“ ist einer der kuriosesten Orte, die ich jemals gesehen habe – dabei habe ich das eigentliche Museum noch nicht einmal betreten. Wie sind diese Berge von Trödel und historischen Zeugnissen aus mehreren Jahrhunderten bloß alle hier gelandet? Die Geschichte erzählt mir Jürgen Tjaden in der guten Stube des Museums, die auch traditionell als Wahllokal dient. Das „Oll Reef Hus“ hat sich über die Jahrzehnte zu einem Treffpunkt im gerade einmal 200 Einwohner zählenden Wrisse entwickelt.
Jürgen Tjaden und seine Geschichten
„Angefangen hat alles 1983“, holt Tjaden aus. Noch weiß ich nicht, dass sich bei dem inzwischen 82-Jährigen Geschichten und Denkspiele durch schelmisch zum Grinsen verzogene Mundwinkel ankündigen. Doch bald ist klar: So leicht bekommt man aus dem ehemaligen Landwirt nichts heraus. Seine Erinnerungen schlagen dieselben Haken wie die Gänge der Trödelhalle. Doch da alles, wie der Trödel, so schön geordnet ist, kommt am Ende ein Kunstwerk dabei heraus.
So landen wir nach der Geschichte der beiden Teufelsgeigen neben der Tür und der zu seinem ältesten Buch – einer 1691 erschienenen Sonn- und Festtagschronik – beim Kern seiner eigenen Geschichte im Jahr 1983. „Wir hatten eine gute und aktive Dorfgemeinschaft und waren damals dabei, ein großes Fest vorzubereiten“, erklärt Tjaden. Was auch er noch nicht ahnte: Das Fest wurde zur Geburtsstunde des „Oll Reef Hus“, das als Museum im Jahr 1999 das erste Mal offiziell seine Türen öffnete.
Angefangen hat alles mit einem Döschkefest
Das Döschkefest (Dreschfest) an der Mühle in Felde lockte damals mehr als 20.000 Gäste an und wurde ein voller Erfolg. „Wir hatten für das Fest jede Menge historische Geräte und Maschinen besorgt, um damit den Weg von der Saat bis zum Brot darzustellen“, erinnert sich Tjaden. Allein 30 Trecker waren zusammengekommen. „Damals habe ich gemerkt, wie sehr sich die Menschen für alte Dinge begeistern“, sagt er.
Als Landwirt mit Milchkühen in einer Zeit der Überproduktion mit Butterbergen und Milchseen sei er damals auf der Suche nach einem neuen Standbein gewesen – und fing an zu sammeln. „Bestimmt 90 Prozent der Sachen hier kommen von Flohmärkten“, so Tjaden. Dazu kamen Haushaltsauflösungen, Dachbodenfunde und Sperrmüll. Manchmal haben auch Menschen Dinge auf ihrem Weg ins Altersheim bei ihm gelassen.
Was im Oll Reef Hus gesammelt wird? Alles!
Tjaden hat die Geschichten aller Dinge im Kopf. Fragt man ihn danach, sprudeln sie aus ihm heraus. Ein unerschöpflicher Fundus, wie das „Oll Reef Hus“ selbst. 1000 Quadratmeter voller oll Reef – also voller altem Zeug. Zehntausende Teile. Gesammelt hat Tjaden alles, was alt ist. Schwerpunkte hat er keine. Es gab immer einen Grund, Dinge mitzunehmen. Manche sind besonders alt wie das Stück einer tausendjährigen Eiche, andere besonders klein wie die kleinste Schnapsbrennerei der Welt und wieder andere sind einfach nur kurios.
Die Frage nach seinen Lieblingsdingen umgeht er mit der knappen Antwort: „Alles im Haus sind Lieblingsdinge.“ Sie sind unverkäuflich. Das Besondere am Museum: „Es gibt nichts doppelt“. Allein rund 300 unterschiedliche Tannenbaumständer hat Tjaden gesammelt und 500 unterschiedliche Hämmer. Das Haus ist voll bis unter das Dach. Trotzdem hat Tjaden alles im Blick: „Ich kenne jedes Teil und finde alles wieder.“
So blickt das Museum in die Zukunft
Anfangs lagerte alles im alten Bauernhaus – das vor 25 Jahren zu einem Museum wurde. Bis es dort so voll war, wie jetzt in der Flohmarkthalle nebenan. Dann wurde der Dachboden ausgebaut und unten zog das Café ein, für das seine Frau Gisela noch immer den Kuchen selbst backt. Vor ein paar Jahren kam die riesige Flohmarkthalle dazu. Dort hatte Jürgen Tjaden gerade etwa 4000 Schlüssel entrostet, als ich auf der Suche nach ihm war. Noch immer ist er täglich hier und kümmert sich um die Fundstücke – nichts zu tun fällt ihm schwer.
Aktiv sucht Tjaden heute nicht mehr nach neuen Stücken. Aber er gibt Dingen ein zu Hause, die niemand mehr haben möchte oder einfach nicht behalten kann. Ganze Arztpraxen und Werkstätten sind im „Oll Reef Hus“ gelandet. Die alte Musikbox aus der urigen Emder Kneipe „Gaststätte Kroos“ ist in diesem Jahr eingezogen – sowie ein Teil der Sammlung des aufgelösten Muschelmuseums in Norden. Nur die Sammlung des ebenfalls aufgelösten Norder Comic-Museums hat er abgelehnt: „Dazu habe ich einfach keinen Bezug“, gesteht Jürgen Tjaden und guckt ein wenig schuldbewusst.
„Es wird immer mehr geschlossen. Das geht doch nicht, die Leute wollen doch was geboten bekommen“, findet er. Doch was passiert mit seinen Fundstücken, wenn er sich einmal nicht mehr selbst um sie kümmern und ihre Geschichten erzählen kann? Was nach ihm kommt, wird sich zeigen, sagt Tjaden. Das Café habe seine Tochter gepachtet, das Gebäude sei überschrieben. Wenn alles gut geht, ist die Zukunft des „Oll Reef Hus“ gesichert und es ist weiter sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Auch wenn man sich die Sammlung nur schwer ohne ihre größte Kuriosität vorstellen kann: Jürgen Tjaden selbst.