Tierschutz und Tierleid  Haustiere aus dem Ausland – kein Notfall wie jeder andere

| | 16.10.2024 19:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wenn Klaus Frieden nach Hause kommt, ist Katze Missy glücklich. Foto: Böning
Wenn Klaus Frieden nach Hause kommt, ist Katze Missy glücklich. Foto: Böning
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Seit einem Gran-Canaria-Urlaub vermittelt der Wiesmoorer Klaus Frieden Hunde und Katzen nach Deutschland. Der Tierretter und eine Hunde-Dolmetscherin erzählen, was neue Besitzer wissen sollten.

Wiesmoor/Uplengen - Die meisten der elf haarigen Mitbewohner warten schon sehnsüchtig, wenn Klaus Frieden in der Mittagspause von der Arbeit nach Hause kommt. Kaum ist er da, streifen sie um seine Beine. Frieden kontrolliert das Futter, füllt Wasser nach, streichelt hier, schmust dort. Kaum sitzt er am Küchentisch, springt Kater Bobby auf seinen Schoß und massiert ihm den Bauch zufrieden mit den Vorderpfoten. Dann rollt er sich in seinem Arm zusammen und sieht nicht so aus, als würde er Frieden wieder gehen lassen.

Mit einem solchen Ausweis kommen die Tiere geimpft und gechippt von Gran Canaria in Wiesmoor an – mit einer frischen Tollwutimpfung. Foto: Böning
Mit einem solchen Ausweis kommen die Tiere geimpft und gechippt von Gran Canaria in Wiesmoor an – mit einer frischen Tollwutimpfung. Foto: Böning

Frieden schmunzelt. „Das sind unsere Kinder“, sagt er und knuddelt Bobby. So geht es bei den Friedens seit einem Urlaub vor fast 15 Jahren auf der spanischen Insel Gran Canaria. Damals hatte er dort die Tierschützer des Vereins „Auxilio Animal“ kennengelernt und hatte bis dahin nicht eine Katze. Der Verein kastriert, chippt und impft die Streuner der Insel und versorgt sie, wenn sie krank sind. Nicht alle ehemaligen Streuner werden ins Ausland gebracht – nur die, die dort zurechtkommen können.

Mit dem Urlaub begann der Tierschutz

Seit diesem Urlaub nehmen die Friedens selbst heimatlose Katzen auf und vermitteln Katzen und Hunde an neue Besitzer. Sechs ihrer elf Katzen sind Spanier. „Es sind Tierschutzfälle, ihnen drohte dort die Tötungsstation“, sagt Frieden. Manche sind körperlich eingeschränkt, wie die blinde Micky. Eine weitere Katze haben Klaus Frieden und seine Frau von ehemaligen Nachbarn übernommen und vier andere sind Fundkatzen aus der Umgebung. Wie Hilti, der im Wiesmoorer Gewerbegebiet herumstreunte und ein neues zu Hause mit Auslauf sucht.

Manchmal muss Missy auch ein wenig zur Seite rücken – Kater Balu ist schließlich auch empfänglich für Streicheleinheiten. Foto: Böning
Manchmal muss Missy auch ein wenig zur Seite rücken – Kater Balu ist schließlich auch empfänglich für Streicheleinheiten. Foto: Böning

Wenn man sich erst einmal im Tierschutz engagiert, kommt schnell ein Tier zum anderen. Davon kann Frieden ein Lied singen. „Vor allem, weil die Tierheime völlig überlastet sind“, sagt er. Nicht alle der elf Stubentiger im Haus der Friedens sollen für immer bleiben. Einige hatte er für Tierfreunde nach Deutschland eingeflogen, sie wurden aber nie abgeholt. Jetzt suchen sie wie Hilti eine neue Bleibe. Im Gegensatz zu den Streunern aus Deutschland würden die meisten Auslandskatzen am liebsten in Gruppen leben, sagt Frieden. „Das sind sie so gewohnt.“

Neuen Hundebesitzern auf den Zahn fühlen

Nicht alle Neuankömmlinge sind so verschmust wie Missy. „Manche brauchen erst einmal Ruhe und sind lieber für sich“, sagt Frieden. Bei den Friedens gehört ihnen das ganze Haus – da können sich die Katzen gut aus dem Weg gehen. „Nur die Vorratskammer ist tabu“, sagt Klaus Frieden und lacht. Auch fünf bis zehn Hunde kommen pro Jahr von Gran Canaria nach Wiesmoor und werden von Klaus Frieden in ein neues Zuhause vermittelt. Bei ihnen lässt er sich den Charakter und die Lebensgeschichte ganz genau schildern: „Die neuen Besitzer müssen schließlich wissen, worauf sie sich einlassen.“

Mona Göbel kommt aus Uplengen und betreibt ein Trainingsgelände für Hunde in Hesel. Foto: Böning
Mona Göbel kommt aus Uplengen und betreibt ein Trainingsgelände für Hunde in Hesel. Foto: Böning

Auch die zukünftigen Herrchen schaut Frieden sich genau an. Er prüft das zukünftige Zuhause auf Hundetauglichkeit und stellt viele Fragen, um herauszufinden, ob die Tiere zu den Menschen passen: Sind die neuen Herrchen erfahren? Passen sie zum Charakter des Tieres? „Es soll schließlich langfristig klappen“, sagt Frieden. Was ihm wichtig ist: Es gibt immer einen Weg zurück, wenn es nicht passt: „Aber bisher musste ich noch keinen Hund zurücknehmen.“

Das sagt die Dolmetscherin

Mona Göbel findet es wichtig, dass bei der Vermittlung von Auslandstieren genau hingeschaut wird. Göbel nennt sich bewusst nicht Hundetrainerin. Sie sieht sich als Dolmetscherin zwischen Hund und Mensch. In dieser Funktion hat sie schon vielen Hundebesitzern und Hunden geholfen, einander besser zu verstehen. Viele Tiere kamen aus dem Ausland. Göbel hat vor allem eine Beobachtung gemacht: „Menschen sehen Hunde oft als Kindersatz und neigen dazu, sie zu vermenschlichen“, sagt Göbel.

Gerade ehemalige Streuner, die in einem Rudel unterwegs waren, hätten mit diesem Umgang Probleme. „Viele von ihnen lassen sich nicht einfach retten, auf ein Sofa setzen, knuddeln und sind dann bis zum Lebensende dankbar“, sagt sie. Das sollte wissen, wer Auslandshunde aufnehmen möchte. Manchmal gehe es den Tieren in ihrer gewohnten Umgebung sogar besser als in einem neuen Zuhause in Deutschland, gibt sie zu bedenken. „Man muss immer überlegen, dass man einem Hund das Rudel und damit die Familie und die gewohnten Strukturen und Sicherheit nimmt“, sagt Mona Göbel.

Ein gutes Mensch-Hund-Rudel gibt Sicherheit

Vor allem Streuner aus dem Ausland seien oft noch ganz nah an ihrem natürlichen Verhalten – also noch mit ihrem Wolfs-Ich verbunden. „Das muss man wissen, wenn man mit ihnen leben möchte“, sagt Göbel. Göbel hat sich selbst als junge Frau im Tierschutz engagiert: „Ich erinnere mich daran, dass wir Katzen von der Straße geholt, untergebracht und versorgt haben, und sie waren todunglücklich.“ Die Katzen waren oft über lange Zeit ein freies Leben gewohnt. Deshalb sei man dazu übergegangen, die Tiere zu kastrieren und sie in ihrer gewohnten Umgebung zu versorgen. Jedenfalls, wenn die Gesundheit es zulässt.

„Die neuen Hundebesitzer müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie ihrem Tier die Sicherheit eines Rudels geben müssen“, sagt Göbel. Auch der von ihr betreute Auslandshund Camillo hat erst durch Göbels Hilfe Vertrauen zu seinen Menschen aufgebaut. „Mit den üblichen Methoden geht das oft nicht“, so Göbel. Die berücksichtigten oft nicht das natürliche Verhalten der Hunde und ihre Fähigkeiten. Es gehe ihr vor allem darum, den Stress abzubauen, den diese Tiere in der ungewohnten Umgebung empfinden. Anfangs bräuchten sie viel Ruhe und viel Zeit, die Wohnung nach und nach zu erkunden. Göbel: „Territoriale Sicherheit steht bei diesen Hunden im Vordergrund. Sie möchten ihren Besitzern etwas mitteilen, wenn sie nicht spazieren gehen wollen, das Haus oder einen Raum nicht verlassen.“

Vom Hunde-Trauma und Katzen-Freiheit

Gerade streunende Tiere aus dem Ausland könnten wie Menschen Traumata entwickeln, so Mona Göbel. „Man weiß nie, was sie erlebt haben – darauf müssen sich Besitzer von Auslandstieren vorbereiteten.“ Ein Hund, der durch einen Flashback im Schlaf zusammenzuckt und schnappt, alles sei möglich. Außerdem müsse man sich vor Augen führen, dass sich die Tiere lange allein versorgt haben. Eine von ihr betreute Familie habe sich zum Beispiel lange gewundert, wer ihren Kühlschrank plündert. „Bis wir eine Kamera aufstellten und die Hündin dabei filmten, wie sie den Kühlschrank öffnete, etwas herausnahm und ihn wieder schloss.“

„Die Hilfe ist immer ein zweischneidiges Schwert“, sagt Göbel. Wenn die Tötungsstation drohe, müsse man eingreifen – das sehe sie auch so. Es sei aber wichtig, die vermittelnde Organisation zu prüfen. Wie überall, wo Geld verdient werden kann, gebe es auch hier weniger seriöse Organisationen. „Manchmal ist die Drohung mit der Tötungsstation auch nur eine Masche, um die Tiere besser loszuwerden“, sagt Göbel. „Wenn die Hunde eingefangen und kastriert werden, dort weiterhin frei leben können und zugefüttert werden, das wäre für mein Empfinden ein wirklich guter Tierschutz. Die Population stirbt aus und dann sind auch keine Tötungsstationen mehr notwendig.“

Klaus Frieden kennt die Tierschützer gut, die ihm die Tiere vermitteln. Zweimal im Jahr ist er selbst auf Gran Canaria und unterstützt sie dort. Durch die enge Zusammenarbeit sei es leichter, die Tiere richtig zu vermitteln, sagt er. Manchmal werde er gefragt, warum er sich für Tiere aus dem Ausland einsetzt. „Oft heißt es ,Hier sind die Tierheime doch voll genug‘“, so Frieden. „Wenn ich dann von den Tötungsstation berichte, fragen viele nicht mehr weiter.“

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