Berlin „Das Interesse ist sehr gering“ – darum sind gebrauchte E-Autos so unbeliebt
Die Deutschen kaufen nur selten gebrauchte Elektro-Fahrzeuge, obwohl das Angebot steigt. Florian Baur von der Autobörse „mobile.de“ erklärt die Gründe und worauf man bei älteren Stromern achten sollte.
Denken Sie über den Kauf eines Gebrauchswagens nach? Und im Prinzip würden Sie sich gerne ein E-Auto zulegen, aber Sie zögern? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Zwar wächst der Markt an gebrauchten Batteriefahrzeugen, doch Angebot und Nachfrage entwickeln sich nicht im Gleichschritt.
So haben im September 2024 laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) insgesamt rund 530.000 gebrauchte Pkw den Besitzer gewechselt. Darunter waren aber nur 18.000 Elektroautos, sprich etwas mehr als drei Prozent. Und es ist gut möglich, dass der Handel sich größtenteils auf den sogenannten B2B-Bereich beschränkt. Heißt: Der An- und Verkauf gebrauchter E-Autos findet vor allem zwischen Unternehmen statt.
„Unter Privatkunden ist das Interesse sehr gering“, sagt Florian Baur. Er muss es wissen. Baur ist führender Vertriebsmanager, im Englischen CSO, bei „mobile.de“, dem größten Kaufportal für Autos in Deutschland. Dort werden zurzeit mehr als 78.000 elektrische Pkw angeboten.
In den Showrooms und auf den Stellplätzen der Händler bewegt sich jedoch wenig: In der Regel liegt die Zahl der Standtage gebrauchter E-Autos bei 73, wie „mobile.de“ herausgefunden hat. „Das ist ein hoher Kostenfaktor und frustriert die Händler“, berichtet Baur. Zum Vergleich: Autos mit Verbrennermotoren werden die Händler oft nach 55 Tagen wieder los.
Wie sehr batteriebetriebene Pkw auf dem Gebrauchtmarkt in der Defensive sind, verdeutlicht auch eine Studie des Portals. Demnach kann sich in Deutschland fast jeder Zweite den Kauf eines Verbrenners aus zweiter Hand vorstellen. Aber nur etwas jeder Fünfte zieht ein E-Auto in Betracht. Woher kommt diese Zurückhaltung?
„Wie auch bei elektrischen Neuwagen liegen die Preise für Gebrauchte oft über der Zahlungsbereitschaft“, sagt Baur. Rund 30.000 Euro – das ist nach Angaben von „mobile.de“ für die meisten Käufer das Limit.
Allerdings fängt häufig auch auf dem Second-Hand-Markt der Spaß erst bei einigen Tausend Euro darüber an. Das betrifft vor allem Modelle aus dem Hause Mercedes und Audi. „Dabei sind die Preise innerhalb eines Jahres um 15 Prozent gesunken.“
Baur erzählt, dass die Kunden auch die Frage nach dem Restwert-Risiko umtreibt. Der Restwert gibt an, zu welchem Preis ein gebrauchtes Fahrzeug weiter vermarktet werden kann. Während bei Verbrennern das Preisgebilde gut kalkulierbar ist, kann ein elektrisches Modell mit einem sogenannten Facelift neu auf den Markt kommen, also einer Überarbeitung wie einer verbesserten Reichweite. Das gebrauchte Fabrikat verliert somit weiter an Wert. Für den Besitzer ein erheblicher Nachteil, wenn er seinen Wagen verkaufen möchte.
Doch Baur hat einen Tipp: Leasing. Gerade bei gebrauchten Elektrofahrzeugen biete sich das Finanzierungsmodell an, da es hohe Anschaffungskosten und die Risiken des Wertverlustes reduziere. „Da kann ich mein Auto nach zwei oder drei Jahren wieder abgeben, ohne böse Überraschungen zu erleben.“ Zudem sei der Leasingfaktor für gebrauchte Stromer oft unter eins. Was das, grob gesagt, bedeutet: Für weniger Geld gibt es mehr Auto.
Zu den weiteren Herausforderungen zählt die Batterieleistung. Viele Kunden schreckten vor dem Kauf eines Gebrauchswagens zurück, weil sie dem Zustand des Akkus misstrauen. Nach zwei Jahren – so alt sind die E-Autos auf „mobile.de“ in der Regel – hätten die Batterien aber oft noch eine Kapazität von 99 Prozent, erklärt Baur.
Der Verschleiß hänge stark davon ab, wie das Auto behandelt wurde, sprich vom Fahrstil und Ladeverhalten. „Schnelles Laden belastet die Batterie stärker.“ Auch empfiehlt Baur, den Akku nicht immer bis zum Maximum mit Strom zu betanken. Auf Dauer leide darunter die Kapazität.
Interessenten rät er, beim Händler immer nach einem Batteriezertifikat zu fragen. „Eine Art Gesundheitscheck, die den Zustand der Batterie anzeigt.“ Dafür wird der OBD-Port des Autos analysiert, ein Diagnosesystem, das dem Fahrer und der Werkstatt Fehlermeldungen und Daten übermittelt. Die Kapazität der Batterie wird dann in einem Prozentwert angegeben, der das Verhältnis im Vergleich zum Originalzustand angibt. Eine ähnliche Funktion, mit der man die verbleibende Akku-Kapazität überprüfen kann, enthält jedes Smartphone.
Grundsätzlich empfiehlt der Experte: „Wer sich für ein gebrauchtes E-Auto interessiert, sollte sich erstmal einen Überblick verschaffen, unabhängig von Marke und Modell.“ Das betreffe zum Beispiel die Anschaffungskosten. „Wenn ein Fahrzeug für 200 Euro in der Leasingrate angeboten wird, macht es keinen Sinn für 600 Euro eine Finanzierungsrate abzuschließen und zusätzlich noch das Restwertrisiko selbst zu tragen.“
Außerdem sollten Verbraucher weniger festgefahren sein: Wer offener für unterschiedliche Marken und Modelle ist, hat höhere Chancen auf ein Schnäppchen.
Apropos Schnäppchen. Davon dürfe es bald mehr geben. Baur erwartet, dass die Preise weiter purzeln. „Neue, günstigere E-Modelle und eine leistungsfähigere Batterietechnologie werden sich aus Konsumentensicht positiv auswirken.“ Einen zusätzlichen Preisrückgang um bis zu 10 Prozent hält er für möglich.
Ob das die Deutschen in Kauflaune versetzen wird? Schwer zu sagen. Was sich mit großer Sicherheit aber sagen lässt: Für die Gebrauchtwagenhändler wird sich auch in Zukunft das Verbrenner-Geschäft deutlich stärker lohnen.