Osnabrück Wenn es auf der Buchmesse um die Krisen der Welt geht: Was steckt hinter „Frankfurt Calling“?
Endlose Debattenschleife oder Turbo für den Zeitgeist? Die Frankfurter Buchmesse startet mit Frankfurt Calling ein neues Format. Programmleiter John Steinmark erklärt es.
Der eine sieht die Gesellschaften des Westens in einer gefährlichen Krise ihrer Kommunikation, der andere möchte aus Klimaschutz und Marxismus eine neue Allianz schmieden: Yuval Noah Harari und Kohei Saito provozieren Streitgespräche. Sie sind angesagte Könner ihres Metiers. Auf der Frankfurter Buchmesse diskutieren sie miteinander, ausgerechnet im Saal „Harmonie“. Ein Highlight vor allem in der neuen Programmlinie „Frankfurt Calling“.
„Mit ‚Frankfurt Calling‘ setzen wir auf Leuchtturmformate wie einer Diskussion zwischen dem internationalen Bestsellerautor Yuval Noah Harari und dem japanischen Neo-Marxisten Kohei Saito zum Thema „NEXUS – Mit Systemsturz in die Zukunft?“, erklärt John Steinmark. Programmleiter von Frankfurt Calling. Nach seinen Worten sollen Video-Ausschnitte dieser Gespräche kurz darauf in den Sozialen Medien veröffentlicht werden, um der internationalen Relevanz dieser Formate gerecht zu werden.
Frankfurt Calling: Das klingt mal nach Werbesignet, mal nach neuer Dringlichkeit, sehr nach einer legendären Anmoderation der BBC („This is London calling“) und unbedingt nach „London Calling“, dem Song der Punkband „The Clash“. Ein Ruf soll jetzt auch von Frankfurt ausgehen. Endzeitlich wie in dem „Clash“-Song soll er nicht gemeint sein, eher als ein Zeichen für Aufbruch – und Aufklärung.
„Frankfurt Calling“ drücke aus, „dass wir von Frankfurt aus in die Welt rufen und Intellektuelle aller Länder dazu einladen, auf der weltgrößten Buchmesse mit uns die drängenden Fragen unserer Zeit zu erörtern“, beschreibt John Steinmark im Gespräch die Intention des neuen Formats. Die Frankfurter Buchmesse hat sich vielleicht zu lange nur als Handelsplatz für Buchrechte verstanden. Dabei sind Bücher und Texte als öffentliche Äußerungen immer politisch. Das stellt die Buchmesse jetzt nach vorn.
Ein Auszug aus dem Programm illustriert dessen Stoßrichtung. Von „Der AfD-Komplex – Demokratie in Gefahr“ bis „Ein Jahr nach dem 7. Oktober. Versuch einer Bestandsaufnahme“ reicht das Spektrum der engagierten Debatten. Was in den beiden letzten Jahren rund um die Themen Krieg in der Ukraine und Konflikt in Gaza bereits zu engagierten Debatten geführt hat, soll nun zu einer ganzen Programmlinie ausgebaut werden.
Dabei zählt nicht nur, dass Diskutanten auch auf dem Buchmarkt stark präsent sind. Yuval Noah Harari und Kohei Saito haben sich mit ihren Bestsellern „Nexus“ und „Systemsturz“ stark positioniert. Die Frankfurter Buchmesse kommt mit diesem Programm auch deshalb in die Offensive, weil es die Debatte auf dem eigenen Gelände besetzt. Die Tumulte um rechte Verlage auf der Messe lieferte 2017 ein bitteres Beispiel dafür, wie eine Buchmesse in die Defensive geraten kann, wenn Rechtspopulisten ihr die Themen aufdrücken.
Mit „Frankfurt Calling“ ist auch der Frankfurt Pavilion endgültig als zentrale Bühne der Buchmesse etabliert. Bei seiner ersten Präsentation 2018 noch als temporäre Konstruktion eingeführt, hat sich der Pavilion längst etabliert. Das Diskurs-Ufo ist gelandet. Luzide Membranhaut auf kurvigen Holzbögen: Das ästhetische Signet hat selbst diskursprogrammatischen Signalwert.
Die Buchmesse habe seit Jahren ein kulturpolitisches Programm. Das werde jetzt nur gebündelt, stapelt John Steinmark ein wenig tief. Mit „Frankfurt Calling“ geht der Messeplatz in die Diskussionsoffensive, ganz so wie es kürzlich der PEN Berlin vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen mit seinem Gesprächsmarathon unter dem Titel „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ vorgeführt hat.
„Das Programm widmet sich solch globalen Herausforderungen wie den Kriegen in der Ukraine und dem Nahen Osten, der Künstlichen Intelligenz, dem Klimawandel und der wachsenden Tendenz zu autokratischen Regimen und Strukturen, auch hier in Europa“, sagt Messemitarbeiter Steinmark. Der letzte Punkt in seiner Aufzählung dürfte dabei besonders wichtig sein. Autokraten vertragen sich mit kultureller Freiheit so wenig wie Rechtspopulisten. Von dieser Freiheit aber lebt eine Buchmesse – lange vor jeder Umsatzzahl.