Als Friesen und Franken sich heftig zankten Neuer Roman über Friesenkönig Radbod
Um den Friesenkönig Radbod ranken sich viele Legenden. Der Auricher Bestseller-Autor Lothar Englert hat sich davon inspirieren lassen: „Radbods Zorn“ heißt sein neuer Roman. Worum geht’s darin?
Aurich - Manche bezweifeln, dass er überhaupt jemals gelebt hat. Andere hingegen glauben, dass in seiner Person verschiedene Zeitgenossen vereinigt sein könnten. Um den Friesenkönig Radbod ranken sich zahllose Legenden. Der Auricher Bestseller-Autor Lothar Englert („Friesische Freiheit“) hat sich in seinem jüngsten historischen Roman intensiv mit dieser schillernden Figur beschäftigt. Nach „Radbods Schwert“ legt er mit „Radbods Zorn“ jetzt einen Fortsetzungsband vor.
Friesen handelten – mit Fellen, aber auch mit Sklaven
Die Herrschaftszeit von Radbod wird im allgemeinen grob zwischen den Jahren 680 und 720 nach Christus datiert. Sein Regiment erstreckte sich auf einen breiten Küstenstreifen, der in seiner größten Ausdehnung ungefähr von Brügge bis zur Weser-Mündung reichte. Dies beinhaltete die Kontrolle über das für die Schifffahrt strategisch wichtige Rhein-Maas-Delta.
„Die Friesen waren eifrige Händler, die damals bereits zum Beispiel die Britischen Inseln bereisten“, berichtet Lothar Englert. „Das zeigen entsprechende Münzfunde. Hauptsächlich haben sie mit Fellen und Tüchern gehandelt, aber auch mit Sklaven.“
Die Romane
Der erste Band „Radbods Schwert“ von Lothar Englert ist vom Gmeiner Verlag veröffentlicht worden und nach wie vor erhältlich. Er umfasst rund 400 Seiten und kostet 15 Euro. Der Fortsetzungsband „Radbods Zorn“ ist im Ellert & Richter Verlag erschienen. Er umfasst 412 Seiten und kostet 19,95 Euro.
Friesenkönig Radbod sagte Franken den Kampf an
Radbod galt als entschiedener Verfechter der friesischen Unabhängigkeit und wurde damit zwangsläufig zu einem erbitterten Gegner der fränkisch-christlichen Missionierung. „Die war in erster Linie politisch motiviert und sollte dazu dienen, die Friesen zu unterwerfen“, erläutert Englert. Das wollten Radbod und seine Anhänger unbedingt verhindern.
Eine Legende besagt zwar, dass er irgendwann kurz davor war, sich taufen zu lassen und sogar schon einen Fuß im Wasser hatte. Den soll er dann aber doch wieder zurückgezogen haben, als ihm klar wurde, dass er seine Vorfahren, die ja allesamt Heiden waren, nicht treffen würde. „Lieber will ich elend bei ihnen in der Hölle wohnen als herrlich ohne sie im Himmelreich“, wird Radbod von den Gebrüdern Grimm zitiert.
Stattdessen soll der Friesenkönig den Franken den Kampf angesagt haben. Sein größter militärischer Triumph war demnach ein Sieg, den er 716 bei Köln gegen die Truppen des fränkischen Hausmeiers Karl Martell errungen hat. Wenn das tatsächlich stimmt, wäre dies die erste und einzige Niederlage jenes Feldherrn, der später in der Schlacht von Tour und Poitiers immerhin den Vormarsch der Araber stoppen konnte.
Radbods Biographie – viele offene Fragen
Wie und warum es ausgerechnet Radbod gelang, mit einem mehr oder minder bunt zusammen gewürfelten Heerhaufen seine zahlenmäßig wie materiell sehr wahrscheinlich deutlich stärkeren Widersacher Paroli zu bieten, ist eines der Geheimnisse, denen Lothar Englert auf die Spur zu kommen versucht. Eine seiner Theorien lautet, dass damalige friesische Hightech-Experten die Katapulte der Franken nachgebaut und optimiert haben könnten. Wenngleich es dafür keine Beweise gibt, ist diese Idee trotzdem nicht völlig aus der Luft gegriffen.
„Radbods Biografie hat jede Menge weiße Flecken und Grauzonen, die ich fantasievoll ausgeschmückt habe“, räumt der Autor offen ein. In seinen Romanen verbünden sich die Friesen mit den Dänen und den Sachsen. Obwohl auch ein solcher Pakt nirgendwo historisch belegt ist, bedeutet dies wiederum nicht, dass sich das Ganze nicht vielleicht trotzdem so oder zumindest so ähnlich zugetragen haben könnte. Wie schon erwähnt, galten die Friesen als umtriebiges Handelsvolk mit exzellenten internationalen Kontakten. Dass und wie gut er politisch-strategische Zusammenhänge zu „entschlüsseln“ versteht, hat Lothar Englert, der während seiner Zeit als Berufssoldat auch drei Jahre für die Nato in Brüssel tätig war, in seiner mittelalterlichen Trilogie über die „Friesische Freiheit“ bereits hinlänglich bewiesen. Und mit „Radbods Schwert“ schlägt er buchstäblich in die gleiche Kerbe genauso wie in der jetzt vorliegenden Fortsetzung „Radbods Zorn“.
Wo Ostfriesland ins Spiel kommt
Selbst wenn die politischen Scharmützel und Feldzüge im einzelnen vermutlich anders abgelaufen sein dürften, als sie der Autor beschreibt, sind die grundsätzlichen Rahmenbedingungen wie die Markierung der Grenzverläufe und Verteilung der Herrschaftsräume durchaus authentisch. Dazu gehört, dass die Friesen trotz ihrer militärischen Siege ziemlich sicher auch regelmäßig Niederlagen inklusive der Preisgabe zuvor eroberter Territorien einstecken und sich zurückziehen mussten. Denn natürlich dürften die Franken ihrerseits bestrebt gewesen sein, die renitenten Friesen irgendwie im Zaum zu halten.
Und an dieser Stelle kommt Ostfriesland als möglicher Schauplatz ins Spiel. Vom Rheinland aus gesehen stellte diese Region jedenfalls damals ein potenzielles Rückzugsgebiet dar. In den Romanen von Lothar Englert verschanzt sich Radbod auch zeitweilig in der Gegend vom heutigen Aurich.
Friesenkönig Radbod – Stress wegen seiner Frauengeschichten?
Was die persönlichen Merkmale des Protagonisten und dessen familiäre Verhältnisse angeht, beruht nahezu alles, was in den Romanen von Lothar Englert nachzulesen steht, auf reiner Spekulation.
„Dazu weiß man einfach zu wenig über Radbod“, meint der Autor. „Deswegen musste ich da besonders viel Fantasie walten lassen.“
In dem neuen Roman bekommt der Protagonist nicht nur während seines politischen und militärischen „Arbeitsalltags“, sondern ebenso bei sich daheim mächtig viel Ärger, weil ihm die Gattin wegen einer Nebenfrau und einer Geliebten, die ihr beide ein Dorn im Auge sind, ordentlich Stress macht.
Legenden ranken sich um Radbods Tod
Last but not least ranken sich auch um den Tod von Radbod etliche Legenden. Laut einer alten Volkssage soll man ihn im Radbodsholz in Berumerfehn unter einem großen Stein begraben haben. Andere Überlieferungen vermuten seine letzte Ruhestätte wahlweise beim Dunumer Radbodsberg, auf Helgoland, wohin er zwischenzeitlich geflohen war, bewacht von Erdmantjes am Leeraner Plytenberg oder auf der untergegangenen ostfriesischen Insel Bant.
„Letztlich existieren aber auch dafür keinerlei gesicherte Erkenntnisse“, gesteht Lothar Englert. „Ich denke mal, er ist irgendwo in den heutigen Niederlanden, wo er hauptsächlich residiert hat, nach heidnischer Sitte verbrannt worden.“ In „Radbods Schwert“ und „Radbods Zorn“ wird dieses Schicksal allerdings noch nicht endgültig besiegelt. Wie schon bei der „Friesischen Freiheit“ plant der Autor eine weitere Fortsetzung.