Betroffener aus Aurich berichtet Leben mit ADHS – Informationsflut, Offenheit und saure Bonbons
Viele fürchten die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Wir haben mit einem Betroffenen aus Aurich darüber gesprochen, wie es ist, damit zu leben.
Aurich - Es gibt Momente, da fangen die Gedanken von Uwe Hinrichs an im Kopf zu kreisen. Wie ein Karussell drehen sie sich um sich selbst, bilden eine Art Strudel, aus dem er sich nur schwer befreien kann. In solchen Momenten steckt sich Uwe Hinrichs ein extrem saures Bonbon in den Mund, unterbricht so die wilde Gedankenfahrt, kommt zur Ruhe. Für den 56-Jährigen ist das nur eine Strategie, mit der er seine ADHS-Störung bewältigt. Uwe Hinrichs gehört zu den rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung, die offiziell an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, leiden. Wobei der Begriff Leiden für Hinrichs vielleicht der falsche Begriff ist. Aber dazu später.
Dauerhafter Input für das Hirn
„Ich muss 24 Stunden am Tag denken, brauche Input, und daher interessiert mich auch alles“, erzählt Hinrichs im Bistro des Familienzentrums Aurich. Er sitzt an diesem Morgen an einem Tisch weit ab der anderen Gäste. Eigentlich ein ruhiges Plätzchen. Aber als Mensch mit ADHS oder einer ähnlichen Diagnose scanne man quasi permanent sein Umfeld, berichtet er. „Wir beide sind hier gerade im Gespräch, aber ich höre auch den Stimmen am Nachbartisch zu, das kann ich nicht einfach ausblenden“, sagt der Auricher. Dabei nimmt er nicht nur die Stimmen der anderen Gäste wahr, sondern hört, worüber sie sprechen. Er muss diese Informationen ebenso verarbeiten, wie das Gespräch mit seinem direkten Gegenüber. „Würde jetzt hinten in der Ecke noch ein Unfall passieren, würde ich das sofort wahrnehmen“, erzählt Hinrichs.
Bei ADHS sind förmlich alle Sinne dauerhaft scharf gestellt, Reize gelangen teils ungefiltert ins Gehirn. Oft sind es zu viele Eindrücke, um sie zu be- und zu verarbeiten. Eine Bahnfahrt etwa wird so zu einer echten Herausforderung. Viele Menschen auf recht engem Raum, Durchsagen, vorüberziehende Landschaften. Eine Informationsflut, die zu Überlastung und Kopfschmerzen führen kann, im schlimmsten Fall zu einem Zusammenbruch oder Wutausbruch. „Ich setze in solchen Fällen meine Kopfhörer auf“, sagt Hinrichs und meint die Modelle, die den Umgebungslärm ausblenden. Dann sei er bei sich selbst, finde die für ihn so wichtige innere Ruhe.
Trotz oder aufgrund der Reizempfänglichkeit sind Routinen für Hinrichs ein wichtiger Bestandteil seines Lebensalltags. „Wenn ich etwa zu einem Gespräch wie diesem heute gehe, habe ich alles schon 25 Mal im Kopf durchgeplant“, erzählt er. Laufe dann etwas anders - verspäte sich der Bus oder werde der Termin kurzfristig verschoben - dann verwirre ihn das, schaffe Unruhe. „Abweichungen vom Plan sind einfach schwierig.“ Terminerinnerungen von Friseur oder Ärzten sind wichtig für ihn, Telefonate führt er nicht gern, kommuniziert lieber per Mail, um die Gedanken und Eindrücke zu filtern.
Späte Diagnose auf Eigeninitiative
Die Lösung zur Linderung von ADHS-Symptomen sind oft Medikamente und ganz individuelle Bewältigungsstrategien. Doch bis zur Diagnose und der anschließenden Behandlung ist es oft ein steiniger und langer Weg. Uwe Hinrichs zum Beispiel habe bereits als Kind bemerkt, dass er anders ist, sagt er im Interview. Er sei oft für sich gewesen, soziales Miteinander, einem Menschen im Gespräch in die Augen zu blicken, seien im fremd gewesen. Nach der Schulzeit arbeitet er unter anderem als Kaufmann sowie als Heizungs- und Lüftungsbauer. Doch kein Arbeitgeber kann ihn lange halten. „Ich habe bestimmt 50 Jobs in meinem Leben gemacht“, sagt Hinrichs, macht den Arbeitgebern aber keinen Vorwurf. Keine Firma habe ihn loswerden wollen. Er habe vielmehr den einzelnen Job und seine Aufgabengebiete durchexerziert und dann sei es ihm langweilig geworden. Typisch für Menschen mit ADHS. Hinrichs braucht immer wieder neuen Input.
Erst mit Anfang 50 lässt er sich diagnostizieren, erfährt, dass er Asperger-Autismus in Kombination mit ADHS hat. Er habe die Diagnose als Erleichterung empfunden, da sie ihm Gewissheit und Erklärung gebracht habe. Seitdem macht sich Uwe Hinrichs stark für die Aufklärung über diese vielfältige und komplexe psychische Erkrankung. Denn ADHS sei nicht gleich ADHS. „Man kann nicht alle Betroffenen über einen Kamm scheren“, sagt er. So gebe es unterschiedliche Kombinationen und Ausprägungen mit unterschiedlichen Folgen, wie Dyskalkulie, Koordinationsstörungen oder Lernschwächen. Andererseits gäbe es Betroffene, die ein Berufsleben lang in guten Positionen arbeiteten, weiß der Auricher. Die Vielfalt dieser Erkrankung, die Hinrichs lieber „andere Wesensart“ nennt, mache Aufklärung und Unterstützung so wichtig.
Selbsthilfegruppen schaffen Transparenz und geben Halt
Uwe Hinrichs hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Selbsthilfegruppen in Aurich und Umgebung ins Leben gerufen, organisiert Spieltreffen für neurodivergente Kinder und Familien, also für Menschen, die nicht dem neurotypischen Bild entsprechen. Damit schafft er Verbindung und Transparenz, Austausch und einen Schutzraum für Betroffene. „Hier müssen sich die Menschen nicht erklären, treffen Gleichgesinnte“, sagt er. Da er die gleiche Diagnose teile, sei er oft ein Türöffner. Akzeptanz und Offenheit sei auch das Mittel der Wahl, wenn es um den Kontakt mit neurotypischen Menschen, den „Normalen“, gehe, so Uwe Hinrichs. „Es gibt eine Zauberwaffe für alles und das ist mit dem Menschen zu reden.“ Denn viele wüssten gar nicht, wie man mit ADHSlern umgehen solle.
Wichtig ist Hinrichs auch: ADHS ist kein neues Krankheitsbild. „Das hat es schon immer gegeben“, sagt er und verweist auf das Buch „Der Struwwelpeter“. Darin beschrieb der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann bereits im Jahr 1844 den „Zappel-Phillip“. In der Geschichte geht es um den Jungen Philipp, der am Tisch nicht stillsitzen kann, mit dem Stuhl kippelt und daraufhin mitsamt der Tischdecke nebst Mahlzeit auf den Boden fällt. .
Was ist ADHS?
Die Abkürzung ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung. Dahinter verbirgt sich eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Die drei Hauptsymptome sind: Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Reize werden bei Betroffenen im Gehirn anders verarbeitet, sie nehmen ihre Umgebung anders wahr. Das Verhalten kann weniger gut gesteuert und kontrolliert werden. Die Erkrankung beginnt in der Kindheit, kann aber im Erwachsenenalter anhalten. Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, Strategien für den Alltag, die Schule und das Berufsleben zu entwickeln. Im Oktober weisen Mediziner, Organisationen und Betroffene verstärkt auf diese Erkrankung hin. Mehr Informationen unter www.adhs-deutschland.de.
Laut des Selbsthilfevereins ADHS Deutschland sind derzeit in Deutschland knapp fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren von ADHS betroffen. Bei etwa 60 Prozent der Betroffenen bleiben wesentliche Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen. Uwe Hinrichs tut sich schwer damit, konkrete Zahlen zu nennen, die Störung, die psychische Erkrankung in Kategorien zu stecken. „Man muss nicht immer alles definieren und festlegen.“ Ausschlaggebend ist für ihn eine bessere Aufklärung und gute Unterstützung für Betroffene. Denn ADHS sei heute deutlich mehr als das Bild vom Zappel-Phillip.