Theater in Mittegroßefehn In der Weihnachtsnacht brachen in Ostfriesland die Deiche
In dem Stück „Stille Nacht“ erzählt Andrea Henkelmann von der verheerenden Weihnachtsflut im Jahr 1717. Trotz des schweren Stoffs kommen bei der Kostümprobe vor allem schöne Geschichten ans Licht.
Mittegroßefehn - Vereinzelt tröpfeln die Akteure ins Gemeindehaus der Johann-Heinrich-Leiner-Kirche in Mittegroßefehn. Marlene Hedemann erwartet sie gespannt. Sie ist beim Musiktheater „Stille Nacht“ über die Weihnachtsflut im Jahr 1717 zuständig für die Kostüme – und die erste Anprobe steht bevor. „Die Kostüme habe ich nach Augenmaß ausgesucht“, erklärt sie. Hedemann kneift die Augen zusammen. Werden sie passen? Am Ende wird sie erleichtert feststellen: „Es sind nur noch ein paar kleine Änderungen notwendig.“ Auf ihr Augenmaß kann sie sich eben verlassen.
Die Geschichte der Kostüm-Schneiderin
Hedemann ist beim Schneidern und der Auswahl von Kostümen schon lange kein Neuling mehr. Wie für viele der am Stück Beteiligten begann ihr Engagement fürs Theater mit dem ersten großen Timmeler Projekt „De Shippers van Timmel“ im Jahr 2011. Es war eigentlich eher ein Festspiel als ein Theaterstück: Damals mussten mehr als 100 Personen eingekleidet werden. „Wir sind über uns selbst hinausgewachsen“, postete Hedemann vor sechs Jahren in Erinnerung an diese Zeit auf Facebook.
Damals stand mit „Steerns över Timmel“ schon das zweite Mega-Projekt in den Startlöchern. In genau einem Jahr wird mit „Timmel unner Strom“ das dritte große Theaterstück aufgeführt – aus der Übung kommt so in Großefehn niemand. Geschneidert hat Hedemann schon, seit sie denken kann: „Ich habe es von meiner Großmutter gelernt. Sie hat früher immer im Winter für andere Leute genäht und sich dadurch etwas dazuverdient.“ Um zu zeigen, was sie dabei gelernt hat, zieht Hedemann ihre perfekt sitzende Jacke aus blauem Wollstoff an und lacht. „Selbst gemacht?“ Natürlich!
Die Geschichte der Kostüme
Angeleitet wurden das Kostüm-Team 2011 von Venna Denef, der Leiterin des Kostümfundus der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. Auch für das Theater-Projekt „Stille Nacht“ mit zwölf Schauspielern und 20 Sängern kommen einige Kostüme von dort. Doch Hedemann weiß sich auch selbst zu helfen. „Wenn etwas fehlt, recherchiere ich die typische Kleidung und schneidere sie nach“, erklärt sie. Möglichst originalgetreu, aber gut tragbar. Hier mal eine historische Kappe oder dort eine Tasche nach historischem Vorbild – sogar ganze Kostüme.
Für „Stille Nacht“ konnte Marlene Hedemann auf ihren eigenen Fundus der vergangenen Theater-Projekte zurückgreifen. „Ich habe inzwischen eine große Auswahl auf dem Dachboden“, sagt sie. Neben den eigenen Kostümen lagern dort auch Kostüme einer verstorbenen Freundin. „Immer wieder haben mir auch andere Menschen Kleidung überlassen, die ich zu Kostümen umarbeiten kann.“ Sogar alte Seidenkleider habe sie bekommen. „So etwas könnte man heute gar nicht mehr bezahlen.“
Eine Geschichte hinter den Figuren
Dann hilft Hedemann Darsteller Hermann Willms in seine schweren Ledergamaschen. Mit dem lila Mantel und dem Dreispitz auf dem Kopf schlüpft er in die Rolle des zur Sturmflut amtierenden Fürsten Georg Albrecht. Der hatte aufgrund der Naturkatastrophe 1717 eine besonders schwere Amtszeit. Hermann Willms ist davon bei der Kostümprobe nichts anzumerken. „Es macht einfach viel Spaß und der Zusammenhalt in der Gruppe ist toll“, sagt er und bedauert, erst im Ruhestand zum Theater gekommen zu sein. Wie für Marlene Hedemann war „De Shippers van Timmel“ sein erstes Stück. „Ein Kollege hatte mich damals gefragt, was ich in meinem Vorruhestand vorhabe“, sagt Willms. Schwupps, war er dabei.
Willms bringt etwas mit, was ihn zu einem gefragten Darsteller macht: seine tiefe und raumgreifende Stimme, die niemanden unbeeindruckt lässt. So kam er auch zu einem Herzensprojekt: Willms geht für den Automobilclub ADAC an Schulen und Kindergärten und bringt dort den Kindern in einem Rollenspiel die Verkehrsregeln bei. „Die Kinder spielen Motorradfahrer, Autofahrer und Fußgänger. Es ist toll zu sehen, wie begeistert sie mitmachen“, sagt Willms. Ein erster Schritt für die Kleinen in Richtung Theaterbühne. Fürst Georg Albrecht starb übrigens 1734 im Schloss Sandhorst, dessen Nachfolgebau an der Dornumer Straße heute ein Gästehaus des Windkraftanlagenherstellers Enercon ist.
Die Geschichte der Autorin
Geschichten schreibt Autorin Andrea Henkelmann, die als Pressesprecherin beim Leinerstift in Großefehn arbeitet, schon lange. Wie daraus ihr erstes im Jahr 2021 aufgeführtes Theaterstück „Dat Rettungshus“ wurde, erklärt sie so: „Ich bin mit den Stücken des Ohnsorg-Theaters aufgewachsen und liebe es, ins Theater zu gehen“, sagt sie: „Mit fällt es viel leichter, Informationen auf diese Weise aufzunehmen.“ Als sie von der Gründung des ersten Rettungshauses Ostfrieslands Mitte des 19. Jahrhunderts durch Pastor Johann Heinrich Leiner aus Mittegroßefehn hörte, hatte sie das passende Stück schon im Kopf. „Ich musste es nur noch aufschreiben“, sagt Henkelmann.
Mit der Weihnachtsflut 1717 sei es ihr ähnlich gegangen. „Ich habe immer wieder festgestellt, dass die Weihnachtsflut noch sehr im Bewusstsein der Menschen in der Region ist“, erzählt Andrea Henkelmann. Die Arbeit an „Dat Rettungshus“ habe so viel Spaß gemacht, dass sie mit dem Musiktheater „Stille Nacht“ deshalb noch einmal nachlegen musste. Die Suche nach Darstellern und Helfern sei leicht gewesen. „Viele sind vom letzten Mal dabei oder haben sich auf Anfragen in den sozialen Medien gemeldet.“ Bei der Theatererfahrung in der Region ist das kein Wunder. Für den Projekt-Chor hat sie Astrid Baumann und Jürgen Bahr gewonnen.
Die Geschichte hinter dem Stück
Das Stück spielt zur Zeit der Weihnachtsflut im Jahr 1717. Sie ist eine der schwersten Sturmfluten der Geschichte – ließ Deiche brechen und kostete mehr als 11.000 Menschen das Leben. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember bringt sie Tod und Verwüstung über die Küstenbewohner der Niederlande, Norddeutschlands und Skandinaviens. „Wir stellen nicht die Sturmflut selbst dar“, sagt Henkelmann: „Ich möchte vor allem zeigen, wie die Menschen damals gelebt haben und wie sie die Sturmflut erlebt haben.“
Die verschiedenen Charaktere quer durch die ostfriesische Gesellschaft sind fiktiv. Nur Fürst Georg Albrecht und seine Frau Christine Luise gab es damals wirklich. Zwischen den Liedern erhalten die Zuschauer in kleinen Sequenzen einen Einblick in ihr Leben. Die Naturkatastrophe kommt für die Menschen unerwartet. Der Sturm am Nachmittag des 24. Dezember flaut am Heiligen Abend ab. Die Menschen besuchen den Gottesdienst und feiern Weihnachten. Doch der Wind dreht sich und steigert sich in der Nacht zum Orkan. Das Wasser steigt schnell und um 3 Uhr morgens brechen in Ostfriesland die Deiche.
Auftritte in den Kirchen Ostfrieslands
Premiere des Musiktheaters „Stille Nacht“ ist am 3. November 2024 um 17 Uhr in der Johann-Heinrich-Leiner-Kirche in Mittegroßefehn. Es folgen 13 weitere Aufführungen in ostfriesischen Kirchen. „Diese Orte sind bewusst gewählt, da die Menschen damals bei Sturmfluten oft in Kirchen Schutz gesucht und gefunden haben“, sagt Autorin Andrea Henkelmann. Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch erwünscht. Ein Teil davon geht an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.
Weitere Termine: Freitag, 15. November 2024, um 19 Uhr in der Martin-Luther-Kirche in Bagband; Freitag, 29. November, um 19.30 Uhr in der Liudgerikirche in Hesel; Samstag, 30. November, um 19 Uhr in der Kirche Ihlow in Ihlowerfehn; Sonntag, 1. Dezember, 17 Uhr in der Granitquaderkirche in Middels; Freitag, 6. Dezember, um 19 Uhr in der Lambertikirche in Aurich; Sonntag, 8. Dezember, um 17 Uhr in der St.-Jürgen-Kirche in Holtrop; Donnerstag, 12. Dezember, um 19.30 Uhr in der Christuskirche in Spetzerfehn; Sonntag, 15. Dezember, um 19.30 Uhr in der Lukaskirche in Walle; Freitag, 20. Dezember, um 19 Uhr in der Nikolaikirche in Weene, Samstag, 28. Dezember, um 19 Uhr in der St.-Victor-Kirche in Victorbur sowie Sonntag, 29. Dezember, um 17 Uhr in der Petrus-und-Paulus-Kirche in Timmel.