Prozess in Aurich  Betrug per Schocknachricht – Ihlower muss ins Gefängnis

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 21.10.2024 19:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit solchen Schocknachrichten soll ein 25-jähriger Ihlower mehr als 38.000 Euro erbeutet haben. Foto: Gollnow/dpa
Mit solchen Schocknachrichten soll ein 25-jähriger Ihlower mehr als 38.000 Euro erbeutet haben. Foto: Gollnow/dpa
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Ein 25-jähriger Ihlower soll sieben Menschen durch sogenannte Schocknachrichten um ihre Ersparnisse gebracht haben. Nun droht ihm Knast.

Aurich - Er brachte ältere Menschen durch sogenannte Schocknachrichten um ihre Ersparnisse, nun muss er ins Gefängnis: Wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in 24 Fällen hat das Schöffengericht in Aurich am Montag, 21. Oktober 2024, einen 25-jährigen Ihlower zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Nach Überzeugung des Gerichts betrog der Mann sieben Menschen um insgesamt 38.429 Euro. Zwischen dem 25. Juli und dem 13. Dezember 2022 verschickte er demnach als Mitglied einer Bande WhatsApp-Nachrichten, in denen er sich als Tochter oder Sohn des jeweiligen Adressaten ausgab. Aufgrund einer vorgetäuschten Notlage bat er die Personen um Überweisung hoher Beträge auf sein Konto. In 17 weiteren Fällen blieb es beim Versuch. Der Angeklagte muss den Opfern das Geld zurückzahlen, urteilte das Gericht.

Filmreife Geschichte aufgetischt

Der einschlägig Vorbestrafte hatte dem Gericht eine filmreife Geschichte aufgetischt, die ihm nicht abgenommen wurde. Sie handelte von der Liebe zu einer Auricher Prostituierten aus Rumänien, die ihn nach Strich und Faden ausnehme. Er sei ihr nach Bukarest und Rotterdam gefolgt, wo er von Marokkanern unter Drogen gesetzt worden sei. Im Crack-Rausch habe er ihnen sein Handy, seine PIN und seine Bankkarten gegeben. Seine Eltern hätten ihn aus den Fängen der Bande gerettet und zurück nach Ostfriesland geholt.

Plötzlich sei auf seinem Konto viel Geld eingegangen. Die Marokkaner seien in Aurich aufgetaucht, hätten ihn gezwungen, das Geld abzuheben und ihnen auszuhändigen. Sie seien ein zweites Mal erschienen und hätten ihn mit dem Tod bedroht, weil er Geld unterschlagen habe. Sie hätten ihn ihrem Auto verschleppt. In Hesel habe er sich mit einem Sprung aus dem Wagen gerettet.

„Die perfideste Form des Betrugs“

Der Staatsanwalt nannte die Geschichte in seinem Plädoyer „ziemlich abstrus“. Die Beweismittel sprächen vollständig gegen diese Darstellung. Den Angeklagten schätzte er innerhalb der Bande als gleichwertigen Geschäftspartner ein. Der Enkeltrick sei die perfideste Form des Betrugs – „er nutzt die Emotionen von Menschen aus, die jemandem helfen möchten“.

Das Gericht war ebenfalls von der Schuld des Ihlowers überzeugt und folgte mit dem Urteil dem Antrag des Staatsanwalts. „Sie haben sich in Rotterdam nicht passiv, sondern aktiv der Bande angeschlossen, um Gelder zu generieren“, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Markus Gralla. Chatverläufe dokumentierten, dass der Angeklagte – er ist arbeitslos, spielsüchtig und konsumiert Alkohol wie Kokain – eine aktive Rolle gespielt habe. „Please come today, I’m home now“, soll er den beiden unbekannt gebliebenen Mittätern geschrieben haben.

Von einer Person 18.900 Euro erlangt

„Sie fragten die Marokkaner, ob sie Ihnen 2000 Euro geben. Da gehen wir davon aus, dass Sie an den Betrugstaten beteiligt waren“, führte Gralla weiter als Beweis an. Zudem soll der Ihlower den Marokkanern die Nachricht „I want to work with you“ geschickt haben. Ebenso eine Bitte um 3000 Euro, „dann gehe ich nach Rumänien“. „Da schließt sich der Kreis. Er hat immer noch Gefühle für sie. Das klingt nicht nach unter Drogen gesetzt und als passives Mitglied“, stellte der Richter fest. Der Angeklagte habe den Marokkanern sein Konto zur Verfügung gestellt, um beteiligt zu werden.

Die höchste Einzelstrafe von zwei Jahren und acht Monaten erhielt der Angeklagte für die Tat am 18. November 2022, bei der ihm eine Person 18.900 Euro überwiesen hat. Die weiteren eingegangenen Beträge bewegten sich jeweils zwischen 2000 und 3000 Euro.

Mutter des Angeklagten aufgebracht

Im sogenannten letzten Wort versicherte der Ihlower mit Nachdruck, sein Leben ändern zu wollen. Er habe eine Entgiftung gemacht, wolle nun „komplett Abstand zu Drogen nehmen“ und arbeiten gehen. „Ich bereue die Sachen sehr und möchte den entstandenen Schaden zurückzahlen“, sagte er. Dass solche Bemühungen bisher ausgeblieben sind, brachte ihm keine Pluspunkte ein. „Von dem Schaden ist bisher nichts zurückgeflossen“, hielt ihm der Richter vor.

Der Angeklagte war über die Freiheitsstrafe empört. Er sieht sich zu Unrecht verurteilt. „Die ganzen Nachrichten sind nicht von mir gekommen. Hier müssten eigentlich andere Leute sitzen“, warf er nach Beendigung der Sitzung in den Raum. Er wolle Namen und Adressen von Mittätern nennen. Auch seine Mutter, die am vorherigen Verhandlungstag im Zeugenstand seine Aussage gestützt hatte, reagierte im Zuschauerbereich aufgebracht. Sie verwies auf den Besitz weiterer Dokumente und Beweismittel. Doch weder „Polizei, noch LKA oder BKA“ hätten sich bisher dafür interessiert.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Sein Verteidiger hatte eine einjährige Bewährungsstrafe beantragt. Sein Mandant sei bemüht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Er wisse, dass sein Konto in Deutschland maßgeblichen Einfluss darauf hatte, dass die Taten durchgeführt werden konnten. Dafür habe er kein Geld, sondern nur Drogen bekommen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte kann binnen einer Woche Berufung oder Revision einlegen.

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