Osnabrück  Museen erarbeiten Pläne: Was tun, wenn Krieg und Terror Kunst bedrohen?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 23.10.2024 17:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Museum in der Schusslinie: Im Krieg in der Ukraine schlugen russische Raketen auch in unmittelbarer Nähe des Nationalmuseums von Odessa ein. Foto: dpa/Ukrinform
Das Museum in der Schusslinie: Im Krieg in der Ukraine schlugen russische Raketen auch in unmittelbarer Nähe des Nationalmuseums von Odessa ein. Foto: dpa/Ukrinform
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Museen in der Schusslinie? Nicht nur der Krieg in der Ukraine hat das Thema Sicherheit auf die Agenda der Kulturszene gesetzt. Angriffe drohen auch im Inland. Sylvia Willkomm, Geschäftsführerin des Museumsbundes, sagt, was jetzt zu tun ist.

Wie sicher sind Deutschlands Museen? Experten sehen Museen und die in ihnen bewahrten Kulturschätze wieder bedroht. „Der Krieg in der Ukraine hat dafür gesorgt, dass die Möglichkeit bewaffneter Konflikte auch für uns hierzulande näher gerückt ist“, sagt Sylvia Willkomm, Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes. Nach ihren Worten sind für Museen neue Bedrohungslagen entstanden. Experten arbeiten derzeit eilig Notfallpläne aus.

Kulturmacher fühlten sich lange sicher. Zu lange, wie in einem einschlägigen Thesenpapier inzwischen eingeräumt wird. Das Sicherheitsgefühl in deutschen Kulturhäusern bekam schon mit dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien erste Risse. Als kroatische Truppen die historische Brücke von Mostar 1993 gezielt zerstörten, war klar, dass Kultur auch in Europa wieder ein Kriegsziel sein kann.

Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat sich diese Bedrohung noch einmal verschärft. Am 16. März bombardierten russische Truppen das Theater von Mariupol. Wie Experten auf einer Fachkonferenz im Mai 2024 bilanzierten, sollen während des Krieges in der Ukraine bislang 102 Museen attackiert, zwölf von ihnen vollständig zerstört worden sein.

Für Sylvia Willkomm ist klar: „Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass Kultureinrichtungen gezielt angegriffen werden. Kultur gerät ins Fadenkreuz, weil sie identitätsbildend ist und deshalb unter anderem hohe gesellschaftliche Bedeutung besitzt“. Kulturschätze sind nicht nur materielle, sondern vor allem symbolische Werte. Ein Angriff auf Kultur soll eine Gemeinschaft in ihrer Identität treffen. Genau das galt in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lange Zeit als nicht mehr denkbar.

Klartext gibt es dagegen vom Museumsbund. Der hat nicht nur einen Arbeitskreis „Gebäudemanagement und Sicherheit“ eingerichtet, sondern auch längst ein Rahmenpapier „Sicherheitsleitfaden Kulturgut“ kodifiziert. Darin werden mit „Bombendrohungen und gezielten Anschlägen“ sowie „außer Kontrolle geratenen Großveranstaltungen“ auch „bewaffnete Konflikte“ als mögliche Bedrohungsszenarien offen angesprochen.

Die Verfasser sparen auch die Kritik am Kulturbetrieb nicht aus: „Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden auch in Museen, Archiven und Bibliotheken oftmals auf vorhandene Schutzvorkehrungen verzichtet und diese als „Friedensdividende“ eingespart“. Damit sei es jetzt vorbei. Die Sicherheitslage ist ins Rutschen gekommen.

Das betrifft nicht nur mögliche Bedrohungen von außen, sondern auch neue Anfeindungen, ja, Angriffe von innen. Dazu gehören nicht nur Angriffe von Klimaaktivisten auf Kunstwerke oder von Störaktionen pro-palästinensischer Aktivisten, sondern auch politische Bedrohungen. „Die Spaltung der Gesellschaft und politische Radikalisierungen bringen auch Museen in Bedrängnis. Ich sehe zum Beispiel mit Sorge auf die Wahlergebnisse in Sachsen und Thüringen. Aber auch die westlichen Bundesländer bleiben nicht verschont“, sagt Sylvia Willkomm.

Konkret heißt das: Museen sind schon jetzt Angriffen aus dem rechtsextremen und rechtspopulistischen Lager ausgesetzt. „Wir sehen Versuche von Rechtspopulisten und Rechtsextremen, Museumsleute anzugehen, sie zu verunsichern und persönlich zu destabilisieren. Die sich häufenden schriftlichen „kleinen“ Anfragen an Kulturhäuser zu ihren Programmen, die aus dieser Richtung kommen, sind ein klares Zeichen für diese Tendenz“, erläutert die Geschäftsführerin des Museumsbundes. 

Die Forderung von Sylvia Willkomm ist klar: „Die politische Lage verändert sich. Das ist auch für Museen relevant. Es geht darum, Kulturhäuser vor drohenden politischen Einflussnahmen zuverlässig abzusichern“. Willkomm ruft dazu auf, Instrumente zu entwickeln, mit denen Kulturhäuser gegen politische Einflussnahme geschützt werden können.

„Wir arbeiten an Netzwerken, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Museen Sicherheit geben sollen. Gerade bei diesen Fragen ist es ganz wichtig, Vereinzelung aufzubrechen. Wer davon hört, dass auch andere mit solchen Fragen zu kämpfen haben, gewinnt sofort mehr Sicherheit“, sagt Sylvia Willkomm.

Ihre Forderungen sind alles andere als abstrakt. In Museen werden gerade die entsprechenden Pläne ausgearbeitet. So gestalten etwa Museen in Bremen und Bremerhaven gerade eine neue Notfallplanung, wie aus der Bremer Kunsthalle zu hören war. Die ersten Ergebnisse sollen bald vorliegen. Die Zeit drängt offenbar, wenn es um die Sicherheit von Museen in Deutschland geht.

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