Zahnarzt in Hinte Zahnarztmangel nimmt zu – diese Praxis trotzt dem Trend
Viele Zahnärzte in Ostfriesland schließen derzeit ihre Praxen, weil die Bedingungen schlechter werden und weil Nachwuchs fehlt. Eine Praxis in Hinte trotzt diesem Trend.
Hinte - Wer einen Termin beim Zahnarzt braucht, muss schon jetzt teilweise lange darauf warten oder weite Wege auf sich nehmen. Nach Auskunft des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) waren die bestehenden Rahmenbedingungen für zahnärztliche Praxen noch nie so schlecht wie in dieser Zeit. Das führt vermehrt zu Praxisaufgaben und zu einer zunehmenden Verschlechterung der Patientenversorgung – besonders auf dem Land. Das teilt Dr. Stefan Gebelein, Vorsitzender der FVDZ-Bezirksgruppe für Ostfriesland, auf Nachfrage dieser Zeitung mit.
„In Zahlen bedeutet dies für Niedersachsen, dass sich die Kollegenschaft bis 2030 um fast 1000 Zahnärzte reduzieren könnte“, so Gebelein. In Ostfriesland habe sich die Anzahl der Praxen in den Jahren 2013 bis 2024 von 225 auf 195 reduziert. Hinzu komme, dass mehr als jeder zweite Zahnarzt in Niedersachsen das 50. Lebensjahr bereits überschritten habe. Für jüngere Zahnärztinnen und Zahnärzte fehle aufgrund der bestehenden Rahmenbedingungen Planungssicherheit für eine Praxisgründung oder Praxisübernahme.
Moderne Gemeinschaftspraxis statt Praxisaufgabe in Hinte
Dass es auch anders geht, zeigt Georg Baumann in Hinte. „Entgegen dem Trend ist es mir gelungen, zwei Kollegen nach Hinte zu bekommen“, sagt der Zahnarzt. Dabei handelt es sich um seinen Sohn Dr. Arne Baumann und dessen Partnerin Dr. Kieu Minh Phan. Gemeinsam wollen sie die bestehende Praxis von Georg Baumann im Gewerbegebiet in Hinte zu einer modernen Gemeinschaftspraxis mit erweitertem Behandlungsspektrum ausbauen. In der neuen Praxis sollen dann nahezu alle Bereiche der Zahnmedizin von der Prothetik bis hin zur Chirurgie abgedeckt werden, sagt er. Georg Baumann ist nun 63 Jahre alt. Mittelfristig soll sein Sohn die Praxis übernehmen.
Für junge Zahnärzte ohne familiäre Bindung sei eine Praxisübernahme aktuell nicht sonderlich attraktiv, schreibt Stefan Gebelein vom FVDZ. „Abschreckender Faktor ist beispielsweise der steigende bürokratische Aufwand in den Praxen, wodurch wichtige Behandlungszeit für die Patienten entfremdet wird.“ Durchschnittlich verbringe ein niedergelassener Zahnarzt 51 Arbeitstage mit Dokumentieren, Validieren, Prüfen und Abhaken. In einer Studie hätten 97 Prozent der bundesweit befragten Zahnärzte angegeben, sich von dieser Vielzahl der bürokratischen Aufgaben überlastet zu fühlen. Rund 81 Prozent von ihnen sehen ihren Praxisablauf infolge einer „praxisfernen Digitalisierung“ beeinträchtigt. Junge Zahnmediziner entscheiden sich aus diesen Gründen zunehmend gegen eine Niederlassung, besonders im ländlichen Raum, so Gebelein.
Viele Patienten in Ostfriesland sind auf der Suche nach neuen Zahnärzten
Dass diese Zuspitzung der Situation längst in der Region angekommen ist, bestätigt auch Georg Baumann. In seine Praxis kämen zunehmend Kunden aus anderen Praxen, die entweder bereits geschlossen sind oder auf Sicht geschlossen werden, weil es keinen Nachfolger gibt. Seine Patientinnen und Patienten kämen entsprechend nicht nur aus Hinte, sondern auch aus der Krummhörn, Emden und ganz Ostfriesland. Aktuell behandele er sogar Patienten aus Oldenburg, so Baumann. Als bekannt wurde, dass er seine Praxis erweitern wird, seien weitere Anfragen von Neupatienten hinzugekommen. „Es ist jetzt also eine gute Zeit, um mutig zu sein“, sagt er.
Seine neue Praxis soll auf dem bisherigen Grundstück in zwei Bauphasen entstehen, damit der Betrieb möglichst parallel weiterlaufen kann. Das heißt, dass in einem ersten Schritt auf dem hinteren Teil des Grundstücks ein zweistöckiger Neubau entsteht. Sobald dieser fertig ist, wird die Praxis dann in die neuen Räume umziehen, der alte Praxisteil zurückgebaut und ebenfalls neu aufgezogen. Wenn alles nach Plan klappt, soll die neue, dann knapp 800 Quadratmeter große Praxis im Sommer des kommenden Jahres fertig werden.
Das freut auch Hintes Bürgermeister Uwe Redenius (parteilos). Der einzige Hausarzt in der Gemeinde wird demnächst in den Ruhestand gehen. Die Suche nach einem Nachfolger verlief trotz intensiver Bemühungen bisher erfolglos. „Umso glücklicher sind wir natürlich, dass Herr Baumann seine Praxis in Hinte jetzt sogar erweitert“, sagt er. Die Gemeinde Hinte sei so zumindest in Sachen Zahnmedizin „ganz weit vorne“.
Verband fordert Handeln der Politik
Der FVDZ fordert derweil die Politik dringend dazu auf, den ambulanten Sektor zu stärken und die Gesundheitspolitik zukunftsorientiert zu gestalten. Zahnärztinnen und Zahnärzte bräuchten dringend mehr Planungssicherheit, so Stefan Gebelein.
Im Landkreis Wittmund gebe es zudem ein Pilotprojekt, mit dem die zahnärztliche Versorgung auf dem Land gestärkt werden soll. Pro Jahr können acht junge Studenten des Abschlussjahrgangs der Medizinischen Hochschule in Hannover in den Praxen des Landkreises eine Art Praktikum machen, um den Praxisablauf nah am Patienten kennenzulernen. Außerdem werde den Studenten ein touristisches Rahmenprogramm geboten, um die Schönheit und Lebensqualität Ostfrieslands herauszustellen.