Deutschland  Ewige Diskussionen: Der VAR braucht mehr Menschenverstand

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 24.10.2024 17:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wohl die Aufreger-Szene des Bundesliga-Wochenendes: Hugo Ekitiké (Eintracht Frankfurt) wird von Jonathan Tah (Bayer 04 Leverkusen) geschubst. Foto: IMAGO/NurPhoto
Wohl die Aufreger-Szene des Bundesliga-Wochenendes: Hugo Ekitiké (Eintracht Frankfurt) wird von Jonathan Tah (Bayer 04 Leverkusen) geschubst. Foto: IMAGO/NurPhoto
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Die Kontroversen um den VAR reißen nicht ab. Der Einsatz des Video-Schiedsrichters im Fußball sorgt permanent für Frust und Unverständnis bei Fans und Fachleuten. Warum gesunder Menschenverstand in der Entscheidungsfindung so dringend benötigt wird, beleuchtet Fußball-Kolumnist Udo Muras.

Der Ärger über die VAR-heiten des Wochenendes ist allmählich verrauscht, es geht ja immer weiter. Insbesondere im Herbst, wenn jede Woche eine „englische“ ist. Der nächste Ärger aber kommt bestimmt und deshalb ist es opportun, über den Ist-Zustand nachzudenken, auch wenn er sich während einer Saison, so wie ich unsere Verbände und Statuten kenne, nicht ändern wird.

Also noch mal ein Blick aufs zurückliegende Wochenende: wer sich einen Rundumüberblick über die 1. und 2. Liga mittels Konferenzübertragungen verschaffte, hat wohl nur selten zuvor so viele Tore unter Vorbehalt gesehen. Gefühlt wurden 90 % noch mal überprüft wegen irgendwelcher Vorkommnisse in der Antike des Spiels und selbst wenn das Tor dann doch zählte, war der Jubel nur noch halb so schön.

Das Thema hatten wir schon, aber nur weil ein Missstand einen langen, grauen Bart trägt, muss man ja nicht auf ewig schweigen. Ab und zu muss der Frust mal raus. Wenn aber Konsens besteht, dass Tore, weil sie nun mal das Wichtigste im Spiel sind, gecheckt werden müssen, werden wir bis zur Abschaffung der Plage weiter damit leben müssen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Ich bin bereit, mit dem VAR zu leben, wenn endlich gesunder Menschenverstand damit einherginge.

Wir hatten neulich den Fall des Stuttgarters Karazor, der zwar gefoult, aber versehentlich als Übeltäter ausgemacht und vom Platz gestellt wurde. Der VAR, der übrigens ein Mensch ist, nur nicht immer derselbe, sah das und durfte nicht eingreifen, weil es „nur“ eine Gelbe Karte war. Dass die, mit einer vorherigen addiert, zu Rot führte, spielte keine Rolle. Verstanden hat’s keiner, aber es war ja alles korrekt…

Der Fußball ist wegen seiner Einfachheit ein populäres Spiel geworden, das man auch ohne Abitur problemlos verfolgen kann – oder konnte? Das Spiel begeistert durch seine Aha-Momente und geht irgendwann zugrunde an den zunehmenden Hä?-Momenten. Niemand im Stadion versteht, warum jetzt die Szene in Leverkusen in letzter Minute, als Frankfurts Ekitiké beim Kopfball ins leere Tor von Jonathan Tah gestört wurde, nicht noch mal gecheckt wurde. Ob es eine glasklare Fehlentscheidung war, kann doch bei Zweikämpfen sowieso niemand festlegen. Es war aber eine glasklare Spielentscheidung und Schiedsrichter sollen Spiele leiten, statt sie zu entscheiden.

Unser vermeintlich bester Schiedsrichter Dr. Felix Brych und sein Team inklusive VAR haben im Kicker für ihre Spielleitung, in die auch zwei mithilfe der Forensik ermittelte Elfmeter in schlicht albernen Situationen fielen, eine Sechs bekommen. Fast jeder Fußballfan hätte das auch so gesehen, auch wenn sich über die Szene trefflich streiten lässt – was Leverkusener und Frankfurter dann auch taten. Ich für meinen Teil bin etwa der Meinung, dass Ekitiké den Ball wegen des Rückwärtsdralls auch ohne Tahs Eingreifen nicht eingeköpft hätte und sah eigentlich auch kein Foul, nur eine Bedrängung. Das ist aber egal.

Warum schaut sich Dr. Brych das nicht einfach noch mal an? Er wird dann so oder so eine Entscheidung treffen, die einer Seite nicht gefällt, aber auf den Rängen und in den Medien wird sich der Ärger in Grenzen halten. Wir haben uns für die Totalüberwachung des Spiels entschieden, schauen aber zu oft weg – oder zu genau hin. Didi Hamann hat wieder mal recht, wenn er sagt, dass die Elfmeter in Leverkusen ohne VAR niemals gegeben worden wären – und sie wohl auch keiner gefordert hätte.

Ich verstehe zum Beispiel auch nicht, warum es nicht sein darf, falsche Eckballentscheidungen zu korrigieren? Das hält das Spiel nicht wirklich auf, da gibt es einen Zuruf vom VAR, der dazu keine kalibrierte Abseitslinie anlegen und zu der ein Expertenrat zusammentreten muss. Wer die Illusion hatte, dass mit dem VAR absolute Gerechtigkeit hergestellt werden kann, dürfte sie seit Einführung vor sieben Jahren ohnehin längst verloren haben.

Aber Regeln und Verhaltensweisen, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen, führen zu noch mehr Verdruss. Jetzt leuchtet am Horizont der Silberstreif namens „Challenges“ auf. Was ist das, ist das gut? Hauptsache erst mal, dass es ein englisches Wort ist. Übersetzt heißt es Herausforderung und trifft zwar den Kern nicht, aber dafür sollen andere gerade stehen.

Gemeint ist die Möglichkeit, eine gewisse Anzahl von Situationen und Entscheidungen von Mannschaftsseite überprüfen zu lassen. Dann hätte Frankfurts Trainer Dino Toppmöller Felix Brych am Samstag gewiss an den Bildschirm geschickt. Ich bin dagegen, es wäre der letzte Schritt zur Enteierung der Schiedsrichter, die vom VAR und dessen geistigen Vätern schon zu oft alleine gelassen werden. Und ein Grund mehr, kein Schiri zu werden – was uns gerade noch gefehlt hätte.

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