Hamburg  Alle lieben diesen Lehrer: Warum der Unterricht von Kai Passchier so besonders ist

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 29.10.2024 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kai Passchier mit seinem Physik-Leistungskurs an der IGS Marienhafe-Moorhusen. Foto: Ankea Janßen
Kai Passchier mit seinem Physik-Leistungskurs an der IGS Marienhafe-Moorhusen. Foto: Ankea Janßen
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Wer gute Noten schreibt, darf über seine Haarfarbe entscheiden: Für seine originellen Unterrichtsmethoden wurde Kai Passchier mit dem „Deutschen Lehrkräftepreis“ ausgezeichnet. Ein Besuch bei dem Schülerliebling in Ostfriesland.

Er ist lustig, kann gut erklären, spendiert auch mal eine Pizza und ist immer fair: Wer sich unter den Schülern der Integrierten Gesamtschule Marienhafe-Moorhusen nach Kai Passchier erkundigt, der hört tatsächlich nur Positives. „Er ist der Einzige, bei dem ich Mathe verstehe“, sagt Achtklässler Hauke.

Passchier, 36, unterrichtet Naturwissenschaften und Mathematik an der IGS in Ostfriesland im Landkreis Aurich. Im vergangenen April wurde er mit dem „Deutschen Lehrkräftepreis“ ausgezeichnet. Schülerinnen und Schüler hatten den Pädagogen aus Niedersachsen aufgrund seines außergewöhnlich guten Unterrichts in einem selbst gedrehten Video vorgeschlagen – und die Fachjury überzeugt.

„Er hat den Titel auf jeden Fall verdient“, meint auch Luca, der an einem Mittwochmorgen Ende Oktober vor einem Lego-Roboter sitzt. Mit seinen Mitschülern probiert er sich im Programmieren aus. Ziel ist es, an der diesjährigen Lego League Challenge teilzunehmen. Andere Gruppen tüfteln an Projekten für „Jugend forscht“, einem Wettbewerb im Bereich Naturwissenschaften.

Will Passchier die Aufmerksamkeit seiner Schüler, dann ruft er „ihr Lieben“. Luca, der fragend vor den Lego-Bauteilen sitzt, legt er aufmunternd eine Hand auf die Schulter und gibt einen hilfreichen Tipp. „Geben Sie mir ihr Gehirn, Herr Passchier“, ruft Hauke. „Ihr habt alle selbst das Potential dazu“, lautet die Antwort des Pädagogen. Es ist ihm wichtig, seine Schülerschaft zur Teilnahme an Wettbewerben zu ermutigen: „Die sollen nicht denken, dass da nur Schüler vom Gymnasium eine Chance haben.“

Wie gut ein Kind in der Schule ist, da ist sich Passchier sicher, hängt sehr viel von der Lehrerpersönlichkeit ab. „Ein Schüler muss sich wohlfühlen, ungezwungen sein. Wer eine Abneigung gegenüber dem Lehrer hat, sich ungerecht behandelt fühlt oder Angst hat, der blockiert von Anfang an.“

Nach dem Studium und Referendariat in Berlin verließ Passchier die Hauptstadt, um in die Heimat seiner Frau nach Ostfriesland zu ziehen, die dort ebenfalls als Lehrerin arbeitet. Gemeinsam haben die beiden zwei Töchter. „Ich kann mittlerweile ganz guten Tee kochen, aber wenn jemand Platt spricht, verstehe ich immer noch nichts“, sagt er.

Soll er Unterschiede zwischen Schulen auf dem Land und der Großstadt nennen, fällt ihm vor allem eine Sache ein. „Wenn ich noch etwas mit Schülern nach dem Unterricht besprechen will, bleibt mir kaum Zeit dafür. Ist der Bus erstmal weg, kommen die nicht mehr nach Hause.“

Zeit ist etwas, wovon Passchier gerne mehr hätte. Er investiert viel davon in die Unterrichtsvorbereitung und die teilweise sehr persönliche Eins-zu-eins-Betreuung seiner Schüler. „Er antwortet auch mal um drei Uhr morgens auf eine Mail oder bietet eine Videokonferenz an“, sagt Laura, die einen Physik-Leistungskurs bei Passchier belegt. „Er gibt nicht auf, bis wir es verstanden haben“, sagt Klassenkamerad Emke.

Aber wo tankt der Vollzeit-Lehrer selbst mal auf? „Darin bin ich leider nicht so gut und arbeite aktuell daran“, gibt Passchier zu.

Ganz bewusst habe er sich gegen die Arbeit an einem Gymnasium entschieden. „Dort geht es nur um Leistung. Wer nicht gut ist, fliegt.“ Er aber will seine Schützlinge zu selbstbewussten Persönlichkeiten machen. „Sie sollen wissen, dass sie Fehler machen dürfen. Und selbst wenn sie kein Abitur machen, sollen sie hier rausgehen und in Bewerbungsgesprächen bei potentiellen Arbeitgebern ganz genau wissen, was sie alles können und warum sie gebraucht werden.“

Um seinen Unterricht interessant zu gestalten, setzt Paschier auf originelle Methoden. Bekannt ist er zum Beispiel dafür, dass seine T-Shirts meist etwas mit dem Thema der Stunde zu tun haben. Auf seiner Brust prangt der Slogan: „Gib niemals auf“. Zu sehen ist außerdem ein Fischreiher, in dessen Hals ein Frosch steckt und sich dagegen wehrt, gefressen zu werden. Tatsächlich erraten die Schüler des Physikkurses die Lösung: elektrischer Widerstand.

Und um zu verdeutlichen, wie die Beziehung zwischen Spannung, Strom und Widerstand funktioniert und durch das Ohmsche Gesetz berechnet werden kann, arbeitet Passchier mit Künstlicher Intelligenz und entwirft Bilder, die seine Schüler erstmal nur beschreiben sollen. „Er setzt außerdem immer wieder soziale Medien ein und holt uns in unserer Lebensrealität ab“, sagt der 17-jährige Timo.

Und manchmal setzt Passchier auf ganz besondere Motivationstricks: „Wenn du in der nächsten Mathearbeit eine drei schreibst, darfst du bestimmen, wie ich meine Haare färben soll“, ruft er einem Schüler in der Pause zu. „Die meisten wollen Pink“, sagt er. Aktuell sind sie orange.

Natürlich könne er am Ende nicht jeden mitziehen. „Manche können oder wollen auch einfach nicht“, sagt Passchier und betont, dass jeder sein Päckchen zu tragen habe. „Neulich hatte ich wirklich Probleme mit einer Schülerin. Als ich dann erfahren habe, was zu Hause gerade los ist, tat sie mir richtig leid.“

Den meisten Kindern und Jugendlichen aber scheint Passchier das Schulleben angenehmer zu machen. Oder wie Dominik sagt: „Schule an sich ist nicht das Beste, aber mit Lehrern wie Herrn Passchier auf jeden Fall cooler.“

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