Hamburg  Wie diese Lehrerin das Genderverbot an ihrer Schule umgeht

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 01.11.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An bayerischen Schulen ist das Gendern tabu. Lehrerin Verena Brunschweiger hat ihren eigenen Umgang damit gefunden. Foto: dpa/Uli Deck
An bayerischen Schulen ist das Gendern tabu. Lehrerin Verena Brunschweiger hat ihren eigenen Umgang damit gefunden. Foto: dpa/Uli Deck
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An bayerischen Schulen darf nicht gegendert werden – für Lehrerin Verena Brunschweiger ein unhaltbarer Zustand. Doch sie hat ihren eigenen Weg gefunden, um mit dem Verbot umzugehen und ihre Werte zu vermitteln. So begrüßt sie ihre Schüler im Klassenzimmer.

Verena Brunschweiger sorgt immer wieder für Aufsehen – als Autorin, Lehrerin und überzeugte Antinatalistin. Antinatalisten sind überzeugt, dass Menschen auf Kinder verzichten sollten. Die verbeamtete Gymnasiallehrerin und Publizistin, die mit ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos” eine breite Debatte ausgelöst hat, sieht das Kinderkriegen als ökologische und politische Fehlentscheidung. In diesem Interview erklärt sie, warum sie sich aus klimapolitischen Gründen gegen eigene Kinder entschieden hat und wie sie im Schulalltag mit dem Genderverbot in Bayern umgeht.

Frage: Sie haben einmal gesagt, dass Kinder zu bekommen das Schlimmste ist, was man machen kann. Warum sehen Sie das so?

Antwort: Ja, das hängt für mich vor allem mit ökologischen und politischen Gründen zusammen. Ökologisch betrachtet ist es problematisch, da jedes zusätzliche Kind den Ressourcenverbrauch weiter erhöht und den Klimawandel verschärft. Politisch hat sich meine Sicht in den letzten Jahren noch verstärkt. Frauen tun dem Patriarchat größtmöglichen Gefallen, wenn sie sich als Brutkasten benutzen lassen. Schaut man sich Programme wie das der AfD an, sieht man, dass sie eine höhere Geburtenrate von „deutschen“ Kindern fördern wollen, um ihre nationalistischen Ziele zu unterstützen. Das erinnert an historische Muster, wie sie auch in anderen Ländern zu beobachten sind. Für mich ist es fatal, dass Menschen, die solche Ideologien ablehnen, durch ihre Reproduktion indirekt diesen politischen Strömungen in die Hände spielen.

Frage: Sie arbeiten als Lehrerin. Warum ist Ihnen die Arbeit mit Jugendlichen wichtig?

Antwort: Die Arbeit mit Jugendlichen gibt mir die Möglichkeit, junge Menschen zu begleiten und ihnen wichtige Werte zu vermitteln. Das empfinde ich als sehr bereichernd. Allerdings erlebe ich als kinderfreie Lehrkraft auch Diskriminierung. In Bayern darf ich zum Beispiel keine unterhälftige Teilzeit arbeiten, weil ich keine Mutter bin. Diese Vorschriften erscheinen mir wie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Es frustriert mich, dass solch traditionelle Rollenbilder immer noch in unserem System verankert sind.

Frage: Inwiefern nehmen Sie das Schulsystem auch als politischen Raum wahr?

Antwort: Die Schule ist ein Raum, in dem wir junge Menschen zu mündigen Bürgern erziehen sollen. Gleichzeitig stehe ich als Lehrkraft aber unter dem sogenannten Mäßigungsgebot, das bedeutet, ich muss mich in meinem beruflichen Kontext politisch neutral verhalten und keine parteipolitischen Positionen vertreten. Das ist ein Widerspruch, den ich jeden Tag spüre.

Frage: Sie äußern sich kritisch gegenüber der bayerischen Landesregierung, zuletzt zum Beispiel beim Thema Genderverbot an Schulen. Was genau stört Sie daran?

Antwort: Ich finde das Genderverbot an Schulen, das Markus Söder auf den Weg gebracht hat, furchtbar. Es macht bestimmte gesellschaftliche Gruppen unsichtbar und ignoriert ihre Identität. Das betrifft vor allem non-binäre und trans Menschen, die in der Sprache nicht repräsentiert werden. Das Verbot, in der Schule zu gendern, ist für mich ein Versuch, eine konservative Vorstellung von Gesellschaft durchzusetzen. Dabei sollten Schulen doch Orte sein, an denen wir Vielfalt abbilden und junge Menschen dazu ermutigen, sich selbst und andere so zu akzeptieren, wie sie sind.

Frage: Wie gehen Sie persönlich mit dem Genderverbot in Ihrem Unterricht um?

Antwort: Das Genderverbot in Bayern macht es für mich natürlich schwierig, meine Überzeugungen offen zu vertreten. Allerdings versuche ich, das Thema trotzdem subtil in den Unterricht einzubringen. Beispielsweise spreche ich meine Schüler mit „Liebe Schülerinnen, liebe Schüler und all jene, die ich offiziell nicht nennen darf“ an. Das ist eine indirekte Art, die Schüler darauf aufmerksam zu machen, dass es noch mehr Geschlechtsidentitäten gibt, ohne explizit gegen das Verbot zu verstoßen. Ich umschreibe die Problematik, was erlaubt ist, aber gleichzeitig den Schülern eine Art von Denkanstoß gibt.

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