Hamburg Clan-Prozess in Stade: Staatsanwalt ermittelt gegen weitere Beteiligte
Wenn in Stade der Mordprozess gegen einen Clan-Angehörigen startet, soll das auch ein Zeichen des Rechtsstaates sein. Die Familien selbst haben zuvor noch auf sogenannte Friedensrichter gesetzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Clans derweil noch aus anderen Gründen.
Rund um den tödlichen Messerstich laufen bei der Staatsanwaltschaft in Stade noch weitere Ermittlungsverfahren. Das bestätigte ein Sprecher der Anklagebehörde unserer Redaktion.
Demnach geht es unter anderem um Auseinandersetzungen vor der tödlichen Eskalation auf einer Brücke in Richtung Stader Innenstadt: Eben hier waren mehrere Männer in einen Shisha-Laden gestürmt und hatten Teile des Mobiliars zertrümmert. Später soll zudem versucht worden sein, in ein Wohnhaus einzudringen.
Beide Vorfälle wurden von Sicherheitskameras aufgezeichnet. Die Videos verbreiteten sich schnell in sozialen Netzwerken. Die Sicherheitsbehörden gehen davon, dass die Vorfälle zusammenhängen: Zwischen zwei Großfamilien soll ein Streit um Shisha-Tabak-Geschäfte eskaliert sein, wobei der angeklagte mutmaßliche Messerstecher aus der Miri-Familie, das Opfer aus der El-Zein-Familie stammen soll.
Offenbar will die Anklagebehörde zunächst den Ausgang des Mordverfahrens abwarten, das am Dienstag beginnt. Danach könnten auch weitere mutmaßliche Straftaten wie Sachbeschädigung oder Körperverletzung zur Anklage gebracht werden.
Er habe großes Vertrauen in die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft, ließ der Stader Bürgermeister Sven Hartlef (CDU) wissen: „Festnahmen und Durchsuchungen im Rahmen von landes- oder gar bundesweit koordinierten Aktionen in der jüngeren Vergangenheit waren erfolgreich und führen letztlich auch dazu, dass Stade eine sichere Stadt bleibt.“
Sicher soll es auch beim diesen Dienstag startenden Mordprozess zugehen. Das Gericht hat nach eigenen Angaben entsprechende Vorkehrung getroffen, um etwa Störungen zu vermeiden. Bisher habe es noch keine Bedrohung durch Clan-Mitglieder gegeben, heißt es aus Justizkreisen. In der Vergangenheit waren schon mal eine Richterin, ein anderes Mal eine Oberstaatsanwältin bedroht worden. Dieses Mal will das Gericht auf Nummer sicher gehen. Und so ist der Prozessauftakt auch symbolträchtig für den Rechtsstaat.
Der Konflikt der kriminellen Clans war zunächst von einem sogenannten Friedensrichter aus Essen beigelegt worden. Im „Metropol“, einer ehemaligen Diskothek, rief der Imam die Familien zum Friedensgipfel. Der Eindruck der Paralleljustiz wollte den Behörden nicht schmecken, doch zumindest konnten Racheakte so offenbar verhindert werden.
Wie wenig „befriedet“ der Konflikt ist, zeigt sich in den sozialen Netzwerken – und auch die Aktivitäten dort könnten nun juristische Konsequenzen haben. Von Seiten des Opfers wird seit Monaten an den Familienvater erinnert und die Täterseite beispielsweise als „Hurensöhne” beschimpft. Relevanter für die Ermittlungsbehörden sind aber gegebenenfalls Ausschnitte aus Dokumenten, die zeitweise zu sehen waren.
Dabei soll es sich um Auszüge aus der Anklageschrift handeln, die am Dienstag vor dem Landgericht durch die Staatsanwaltschaft verlesen werden wird. Die verbreiteten Passagen zeigen, dass das Opfer hinterrücks das Messer in den Kopf gerammt bekam und den Angriff nicht kommen sah.
Entsprechende Veröffentlichungen von Anklageschriften stehen in Deutschland als „Verbotene Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen” unter Strafe. Das Strafgesetzbuch sieht dafür ein Jahr Gefängnis oder eine Geldstrafe vor. Die Staatsanwaltschaft in Stade teilte unserer Redaktion mit, „der Sachverhalt” sei bekannt. Ein Ermittlungsverfahren wurde bislang allerdings noch nicht eingeleitet.