Stade  Nach Messer-Mord in Stade: Hochsicherheits-Prozess gibt erste Einblicke in Clan-Konflikt

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 05.11.2024 16:57 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Einem 34-Jährigen wird vorgeworfen, in einem Clan-Streit einem Kontrahenten ein Messer in den Kopf gerammt zu haben. Foto: dpa
Einem 34-Jährigen wird vorgeworfen, in einem Clan-Streit einem Kontrahenten ein Messer in den Kopf gerammt zu haben. Foto: dpa
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Abgesperrte Straßen, entnervte Clan-Mitglieder und eineinhalb Stunden Verspätung. Der Auftakt des Mordprozesses gegen ein Clan-Mitglied aus Stade hatte viele Randgeräusche. Die Staatsanwaltschaft zeichnete zudem das Bild des „Shisha-Krieges“ detailliert nach.

Als der Angeklagte im Prozess um den tödlichen Messerstich von Stade in Handschellen und von Wachpersonal begleitet, den Gerichtssaal betritt, kocht die Stimmung hoch. Mehrere Zuschauer gehen den Angeklagten verbal an. Besonders die Mutter und die Witwe des Getöteten können kaum an sich halten. Ein Bruder des Opfers – er nimmt als Nebenkläger an dem Verfahren teil – versucht die Frauen zu beschwichtigen. Was wolle man dagegen sagen, da sei der Mörder ihres Mannes, ihres Sohnes, meint er zu einem mahnenden Wachtmeister.  

Was die Frauen dem Angeklagten zurufen, bleibt unklar. Sie rufen auf Arabisch. Das ist einer der Gründe, warum Staatsanwaltschaft und Gericht sich später darauf verständigen werden, dass künftig Dolmetscher im Saal sein sollen; falls etwas Strafbares gesagt wird.

Der Aufschrei der Frauen bildet den emotionalen Auftakt zu einem Prozess am Landgericht, der Stade noch über Wochen begleiten wird. Zig Termine sind vor der Strafkammer angesetzt, um zu klären, wie genau ein 35-Jähriger Mann im Frühjahr in der Innenstadt ums Leben kam. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Weil der Mann, den sie angeklagt hat, ihm hinterrücks ein Messer in den Kopf rammte – der blutige Tiefpunkt einer Auseinandersetzung im Clan-Milieu zwischen Mitgliedern der Familien El Zein und Miri.

Details zu dem Konflikt werden an diesem Dienstagmorgen von der Staatsanwältin aus der Anklage verlesen. Es wird deutlich, was längst durch Stade als Gerücht waberte: Konkurrenz auf dem Shisha-Tabak-Markt soll den Streit verursacht haben, der tödlich endete. 

Erst in Buchholz in der Nordheide, dann in Stade konkurrierten die Clans mit Shishaläden gegeneinander. Im März 2024 wurde aus dem Preiskampf dann eine handfeste Auseinandersetzung. Das spätere Opfer, sein Bruder und einige weitere mutmaßliche Clan-Mitglieder ziehen laut Anklage gemeinsam in die Innenstadt. Hier sollen Angehörige der Großfamilie Miri infolge des Streites in Buchholz ein neues Geschäft eröffnet haben. Der Angeklagte im Mordprozess wird den Miris zugeordnet.

Die Kontrahenten sollen Pfefferspray und Teleskopschlagstöcke zu der Auseinandersetzung mitgebracht haben. Die Angegriffenen wehren sich laut Staatsanwaltschaft mit Shisha-Pfeifen, Scheiben gehen zu Bruch. Doch als in der ferne Polizeisirenen zu hören sind, ziehen sich die Angreifer zurück.

Die Angegriffenen sollen noch am selben Tag zum Gegenangriff übergangen sein: mit einem Hausbesuch beim späteren Opfer, das zu diesem Zeitpunkt aber wohl gar nicht daheim war. Die Szenen einer Überwachungskamera haben im Netz die Runde gemacht. Einer der Angreifer aus dem Kreis der Miri-Familie soll eine Schusswaffe und ein Messer dabei gehabt haben. Andere Familienmitglieder müssen ihn beruhigen. 

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass gleichzeitig der Angeklagte und ein Begleiter auf dem dem Weg zum Wohnhaus bereits einen weiteren Kontrahenten attackiert haben – inklusive Tritten ins Gesicht. Deswegen lautet die Anklage vor dem Landgericht nicht nur auf Mord, sondern auch auf Körperverletzung.

Die Auseinandersetzung geht wenig später auf einer Brücke in Richtung Stader Innenstadt weiter: Autos krachen offenbar gezielt ineinander. Männer schlagen aufeinander ein, Polizisten kriegen die Situation nicht unter Kontrolle. Zwischendurch fliegt ein Messer in den Fluss.

Und der Angeklagte? Der kommt mit zwei Begleitern etwas später zum Tatort. Während die anderen aus dem Wagen springen, um bei der Prügelei mitzumischen, soll er ein Messer aus der Mittelkonsole geholt haben. 

Das Opfer steht gerade bei einer Polizistin, will wohl ebenfalls mit ins Getümmel, als der Angeklagte von hinten ankommt und ihm das Messer in den Kopf rammt. Er habe dem „ehrenlosen Verhalten“ endgültig ein Ende setzen wollen, heißt es in der Anklage. Der mutmaßliche Mörder flieht, sein Opfer sackt zusammen. 

Das Messer soll bis ins Stammhirn eingedrungen sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Opfer deswegen nicht einmal Schmerzen verspürt haben soll, bevor es auf der Brücke zusammenbricht. Erst am nächsten Tag soll der Angegriffene in einem Krankenhaus gestorben sein.

Mehr als sieben Monate später hat vor dem Landgericht Stade mit der Verlesung der Anklage die juristische Aufarbeitung begonnen. Die Justiz wirkt an diesem Tag überfordert. Erst mit 90 Minuten Verzögerung kann die Verhandlung beginnen. Die Verteidiger des Angeklagten gehen in der Wartezeit einen Kaffee trinken, während die Einlasskontrollen für das Publikum andauern.

Medienvertreter, Nebenkläger und Besucher quetschen sich allesamt nacheinander durch einen Nebeneingang. Die Mutter des Opfers darf zunächst gar nicht rein, weil ein gültiger Lichtbildausweis fehlt. Der Gerichtssaal ist schwer abgesichert. 

An die 50 Menschen warten vor dem Gericht, mutmaßlich auch viele Angehörige des Opfers. Viele von ihnen werden es nicht in den Saal schaffen, er ist zu klein angesichts des Andrangs. Die Polizei hat das Gerichtsgebäude weiträumig abgesperrt. Eine Fortsetzung des Streits zwischen den Großfamilien soll von vornherein unterbunden werden. Tatsächlich finden sich an diesem Tag wohl keine Unterstützer des Angeklagten vor dem Landgericht ein.

Im Saal dauert es dann nur wenige Minuten bis zur ersten Unterbrechung. Die Frau des Angeklagten möchte als Beistand zugelassen werden. Die Kammer zieht sich zur Beratung zurück, bejaht den Antrag dann, bevor die Staatsanwältin die Anklage mit all den brutalen Details verliest. Der Angeklagte will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Nach 30 Minuten war es das. Einige Angehörige des Opfers scheinen das gar nicht glauben zu wollen, schauen sich ratlos an, ehe sie das Gericht wieder verlassen. Doch bis in diesem Verfahren ein Urteil gesprochen wird, wird es noch mehrere Wochen dauern. 

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