Hannover  Wenn Kinder Täter werden: Was tun Sie gegen Gewalt an Schulen, Frau Hamburg?

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 11.11.2024 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen), Kultusministerin von Niedersachsen, bei einer Unterrichtsstunde für Kinder und Jugendliche in einer Außenstelle der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen. Foto: dpa/Moritz Frankenberg
Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen), Kultusministerin von Niedersachsen, bei einer Unterrichtsstunde für Kinder und Jugendliche in einer Außenstelle der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen. Foto: dpa/Moritz Frankenberg
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Eine neue Gewaltwelle an Schulen alarmiert die niedersächsische Kultusministerin. Im Interview erklärt Julia Willie Hamburg (Grüne), wie sie Schüler und Lehrer vor gewalttätigen Kindern schützen möchte und warum die Verträge von 2400 nicht-pädagogischen Kräften nicht verlängert wurden.

Eine neue Qualität von Gewalt lässt teilweise sprachlos machen, sagt Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Wie will sie darauf reagieren?

Frage: Frau Hamburg, die dunkle Jahreszeit hat begonnen. Bildungsforscher sagen, ab 9 Uhr lernen Jugendliche besser. Was halten Sie von einem späteren Unterrichtsstart?

Antwort: Es gibt Kinder, die lieber später lernen; andere sind Frühaufsteher. Bei dieser Frage muss man immer aber auch einige andere Punkte abwägen. Berufstätige Eltern zum Beispiel sind auf eine verlässliche Betreuung ihrer Kinder angewiesen.

Antwort: Das Land gibt lediglich vor, dass die Schule nicht vor 7.30 Uhr beginnen darf. Über alles andere entscheiden Schulträger und Schule gemeinsam. Insofern ist auch eine Schule ab 9 Uhr möglich.

Frage: Einer aktuellen Erhebung zufolge sind fast ein Fünftel der Schüler von Cybermobbing betroffen. Ist die Schule mittlerweile ein Spielfeld für Täter geworden?

Antwort: Die Gefahren des Internets und von sozialen Netzwerken werden stark unterschätzt. Das überfordert auch manche Eltern und viele Eltern achten nicht ausreichend auf ihre Kinder oder wissen gar nicht, wo bereits eine Straftat beginnt.

Antwort: Ein Beispiel: Wenn per KI ein Nacktbild einer Schülerin produziert und gepostet wird, gilt das als Verbreitung von Kinderpornografie. Wir brauchen mehr Sensibilität in den Elternhäusern und den Schulen.

Frage: Wie steuern Sie gegen? Mit weiteren Programmen zur Gewaltprävention?

Antwort: Ja, wir überprüfen gerade unsere Regelungen zum Umgang mit Gewalt in der Schule. Neue Gewaltphänomene wie Gewalt im Internet oder Mobbing werden wir ganz gezielt aufnehmen. Es gibt bereits Programme zum Umgang mit Cybermobbing, aber hier müssen wir immer am Ball bleiben und neue Entwicklungen aufnehmen.

Frage: Jede fünfte Lehrkraft hat bereits physische Gewalt erlebt. Wann gibt es ein Gewaltschutzkonzept für Lehrkräfte?

Antwort: Es gibt in Niedersachsen bereits Regelungen zum Umgang mit Gewalt in Schule. Allerdings wünschen sich die Schulen mehr Handlungsklarheit. Vor diesem Hintergrund überarbeiten wir gerade unseren Erlass und werden zusätzliche Handreichungen für verschiedene Bereiche anbieten. Das Thema Gewalt gegen Lehrkräfte werden wir hier dezidiert aufnehmen.

Frage: Brauchen wir in den Schulen einen Alarmknopf, um schnell die Polizei rufen zu können?

Antwort: In der Situation sind wir zum Glück nicht. Schulen, die häufiger Erfahrungen mit Gewalt machen, benötigen eine Handreichung, auf der sie mit einem Blick sehen, was zu tun ist: mit Rufnummern, Ansprechpersonen und einem guten Konzept.

Antwort: In der Regel haben die Schulen ein Präventionskonzept. Wir erleben aber in Teilen eine neue Qualität von Gewalt, die manchmal vor Ort sprachlos werden lässt.

Frage: Welche Formen von Gewalt meinen Sie?

Antwort: Immer häufiger gibt es Berichte, dass auch jüngere Schüler oder Schülerinnen plötzlich zuschlagen. In einer Form, die wir bisher so eher nicht kannten. Um damit umzugehen, müssen wir klare Regeln festlegen. Dass Waffen in der Schule verboten sind, wird bereits in den Schul-Hausordnungen festgelegt.

Frage: Bei einem vorgetäuschten Amok-Alarm an einer Schule in Oldenburg hat ein Schüler ein Video des Polizei-Einsatzes ins Netz gestellt. Ist der Fall Anlass, erneut über ein grundsätzliches Handyverbot in Schulen nachzudenken?

Antwort: Ein Handyverbot löst das Problem nicht. Kinder und Jugendliche müssen lernen, mit Handys vernünftig umzugehen und vor allem die Regeln einzuhalten. Und wenn Regeln verletzt werden, muss das Konsequenzen haben.

Frage: Niedersachsen will 2460 Lehrkräfte zusätzlich einstellen. Gibt es überhaupt Personal für chronisch unterversorgte Fächer wie beispielsweise Mathematik und Naturwissenschaften?

Antwort: Durch die Schaffung der 2460 Stellen in diesem Schuljahr können wir jeder Absolventin und jedem Absolventen aus den Referendariaten ein Einstellungsangebot machen. Richtig ist aber auch, dass in manchen Fächern wie Mathematik und Physik weiterhin großer Bedarf sein wird. Insofern kann ich nur immer wieder dafür werben, sich für die MINT-Fächer zu begeistern.

Frage: Eine Studie der Gewerkschaft GEW schlägt eine „Umverteilung“ von Stunden vor, um dem Lehrkräftemangel zu begegnen. Dazu gehört auch eine Kürzung der Stundentafel. Was halten Sie davon?

Antwort: In der Tat müssen wir auf der einen Seite jede Maßnahme ergreifen, um mehr Lehrkräfte einzustellen und Personal zu gewinnen. Auf der anderen Seite müssen wir die Schulen, die Stellen nicht besetzen können, in die Lage versetzen, damit einen sinnvollen Umgang zu haben.

Antwort: Wir sind in intensiven Gesprächen mit der Schulpraxis darüber, welche Freiräume und Möglichkeiten sie brauchen, um die Beschulung trotz Fachkräftemangel bestmöglich zu gewährleisten. Da werden auch die Maßnahmen aus der Studie diskutiert und in ihren Auswirkungen abzuwägen. Denn am Ende muss das, was wir tun, den Schulen helfen.

Frage: Alle Verbände fordern eine Entlastung der Lehrkräfte von Verwaltungstätigkeiten oder der IT-Betreuung. Wann kommt die versprochene Unterstützung?

Antwort: Gemeinsam mit den Lehrkräfteverbänden haben wir gerade verschiedene Berufsbilder beschrieben, die für eine sinnvolle Entlastung an Schulen sorgen können. Wir werden jetzt unsere Regeln für die Einstellung von Schulassistenten entsprechend anpassen.

Antwort: Unser Ziel ist es, sukzessive weiteres Personal einzustellen. In Niedersachsen gehören inzwischen 17.000 Menschen zum sogenannten nicht lehrenden Personal wie die Schulsozialarbeit, pädagogische und therapeutische Fachkräfte, aber auch Schulassistenten.

Frage: Zum Jahresende laufen die Verträge von 2400 nicht-pädagogischen Kräften aus. Der Aufschrei an den Schulen ist groß. Gibt es noch Chancen auf eine Weiterbeschäftigung?

Antwort: Diese Stellen wurden in einer Krisensituation ad hoc geschaffen und waren von Anfang an nur für einen befristeten Zeitraum vorgesehen und haben die Schulen in dieser Zeit sehr unterstützt.

Antwort: Mit einer erheblichen finanziellen Kraftanstrengung hat das Land für diese Beschäftigungsverhältnisse aus eigenen Mitteln eine Verlängerung bis Ende 2024 gestemmt, um den Übergang in diesen herausfordernden Zeiten noch einmal zu verbessern. Nun aber laufen diese Verträge geplant aus.

Antwort: Übrigens handelt es sich in den meisten Fällen um Beschäftigte auf Mini-Job-Basis. Dennoch besteht in den kommenden Jahren weiterhin ein erhöhter Bedarf an nicht lehrendem Personal, nicht zuletzt durch das Startchancenprogramm und den Rechtsanspruch auf Ganztag ab 2026.

Antwort: Insofern haben Menschen, die derzeit befristet an Schulen beschäftigt sind, gute Perspektiven für eine dauerhafte Beschäftigung an unseren Schulen in Niedersachsen. Unser Ziel ist es, sie im Landesdienst zu halten.

Frage: Vor genau einem Jahr wurde eine Studie zu Lese-, Schreib- und Rechenschwächen vorgelegt. Die Ergebnisse für Niedersachsen waren verheerend. Das Land hat nachgesteuert. Gibt es bereits Erfolge?

Antwort: Wir haben in diesem Schuljahr angefangen, in den ersten Grundschulklassen je eine Stunde zusätzlich zu geben. In den nächsten Jahren werden zwei weitere Unterrichtsstunden dazu kommen. Insofern lassen sich jetzt noch keine Erfolge messen. Zusätzlich bauen wir jetzt das Programm „Lesen macht stark“ aus. Unser Ziel ist klar: Wir wollen den Trend umkehren und haben dafür geeignete Maßnahmen ergriffen.

Frage: Der Landtag fordert, neben den sogenannten individuellen Schulbegleitern eine Klassenbegleitung einzurichten. Kann sich das Land das überhaupt leisten?

Antwort: Die Forderung nach einer Klassenassistenz für alle Grundschulen in Niedersachsen ist unrealistisch. Wir haben weder das Personal noch das Geld. Denn das würde ungefähr 600 Millionen Euro jährlich kosten.

Antwort: Es macht aber auch keinen Sinn, dass drei Personen in einer Klasse sitzen und nur für je ein Kind zuständig sind. Daher erlaubt der Bund, dass man die Kräfte „poolt“. Das bedeutet: Eine Kraft kann für mehrere Kinder zuständig sein. Daher planen wir mit dem Sozialministerium und den Kommunen jetzt einen Fachtag, um Wege für diesen „Pool“ zu entwickeln und stärker voranzubringen.

Frage: Ab Sommer 2026 greift der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen. Die Kommunen sehen große Probleme. Schaffen wir das?

Antwort: Wir schaffen das, müssen uns aber zugestehen, dass wir am Anfang noch nicht 100 Prozent erreichen werden, weil beispielsweise die Mensa noch nicht fertig ist und die Kinder in ihrem Klassenraum essen müssen. Aber jedes Kind wird ein Betreuungsangebot erhalten.

Antwort: Das Land übernimmt im Übrigen schon jetzt die Hälfte der Investitionskosten, damit die Kommunen die Bundesmittel abrufen können. Insofern haben wir uns da sehr stark auf die Kommunen zubewegt. Das Personal im Ganztag finanziert das Land. Dafür geben wir künftig 120 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich aus.

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