Landwirtschaft im Wandel  200 Hektar, 160 Kühe, 45 Pferde – das klappt nur im Team

| | 12.11.2024 07:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Aufgestellt fürs Familienfoto: Herdenmanager Frank Steffens (von links), Betriebsleiter Holger Willms und seine Frau Elfi Willms mit den Ponys, einem ihrer Zuchtpferde sowie Hund Aiden und Hündin Enna. Foto: Ortgies
Aufgestellt fürs Familienfoto: Herdenmanager Frank Steffens (von links), Betriebsleiter Holger Willms und seine Frau Elfi Willms mit den Ponys, einem ihrer Zuchtpferde sowie Hund Aiden und Hündin Enna. Foto: Ortgies
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In der Serie „Landwirtschaft im Wandel“ stellen wir Betriebe und die Menschen dahinter vor. Für Folge fünf haben wir den Milchvieh- und Pferdebetrieb von Holger Willms in Groß Midlum besucht.

Groß Midlum - Ohne seine drei Mitarbeiter könnte Holger Willms die Arbeit auf seinem Hof in Groß Midlum in der Gemeinde Hinte wohl kaum bewerkstelligen. 200 Hektar Grünland, 160 Milchkühe, 20 eigene Pferde und 24 Pensionspferde. In den warmen Monaten kommen 80 Pensionspferde für die Sommerweide hinzu. Der Betrieb zählt zu den größeren - und ist trotzdem in Familienhand.

Holger Willms ist erst später über seine Ex-Frau zur Landwirtschaft gekommen. „Ich bin in den Betrieb eingeheiratet“, sagt er. Bis Anfang der 2000er Jahre hatte er noch als Industriemechaniker bei VW in Emden gearbeitet, stieg aber in den Betrieb seiner damaligen Frau ein und gründete mit ihr eine GbR. „2006 habe ich mich dann bei VW freistellen lassen und eine Ausbildung und den Meister in der Landwirtschaft gemacht“, sagt er. Danach arbeitete er zunächst weiter bei VW, ehe er 2018 voll in den Betrieb einstieg.

Neben den Pferden hält Familie Willms 160 Kühe. Foto: Ortgies
Neben den Pferden hält Familie Willms 160 Kühe. Foto: Ortgies

Betrieb ist stark gewachsen

An seiner Seite ist sein 21-jähriger Sohn Lennart, der gerade seinen Meister in der Landwirtschaft macht, der langjährige Mitarbeiter Frank Steffens sowie ein Hilfsarbeiter aus Tadschikistan. Insgesamt sind es also vier Vollzeitkräfte, die den Laden schmeißen. Holger Willms und seine Frau haben sechs Kinder - je zwei aus vorherigen Beziehungen und die beiden Kinder von Holger Willms Bruder, der frühzeitig verstorben ist. Die Kinder sind im Teenie- beziehungsweise jungen Erwachsenenalter. „Die packen auch alle fleißig mit an und identifizieren sich mit dem Betrieb“, sagt Holger Willms. Das mache es auch möglich, dass die Mitarbeiter jedes zweite Wochenende frei machen können.

Frank Steffens ist Herdenmangaer auf dem Hof von Holger Willms. Er ist für die Versorgung der Kühe zuständig. Foto: Ortgies
Frank Steffens ist Herdenmangaer auf dem Hof von Holger Willms. Er ist für die Versorgung der Kühe zuständig. Foto: Ortgies

„Der Betrieb ist in den vergangenen 40 bis 50 Jahren stark gewachsen“, sagt Frank Steffens. Sein Onkel Reinhard Wilms war Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre mit der Pferdezucht angefangen und hatte 1998 schließlich die große Reithalle gebaut. „Das ist dann immer mehr geworden“, sagt er. Als Herdenmanager ist er vor allem für die 160 Milchkühe zuständig und verbringt viel Zeit bei den Tieren im Stall und im Melkstand. Aber auch die Feldarbeiten, also etwa die Heuernte, gehören zu seinen Aufgaben. „Das ist auch das Schöne an dem Beruf. Man hat viele verschiedene Aufgaben, es ist sehr abwechslungsreich.“

Bürokratieabbau nicht bei Betrieben angekommen

Holger Willms muss als Betriebsleiter das große Ganze im Blick behalten und kümmert sich zudem um die Pferde. Neben Zucht und Weiterverkauf der Tiere gehört auch die Betreuung der Reiterinnen und Reiter dazu, die die Boxen für ihre Pferde mieten. Im Sommer müssen die Weiden so weit vorbereitet sein, dass weitere 80 Tiere auf ihr Platz finden. Die Kühe sind ebenfalls ab Frühjahr auf den Weiden.

24 Pensionspferde leben auf dem Hof von Familie Willms in Groß Midlum. Foto: Ortgies
24 Pensionspferde leben auf dem Hof von Familie Willms in Groß Midlum. Foto: Ortgies

Als Leiter des Betriebs muss Holger Willms viel Zeit im Büro verbringen - eine Tatsache, die ihn wie vieler seiner Berufskollegen stört. „Von dem versprochenen Bürokratieabbau haben wir bisher noch nichts gespürt“, sagt Holger Willms. „Das ist manchmal echt schade. Man freut sich auf die Arbeit auf dem Hof, wird dann aber regelrecht ins Büro gedrängt.“ Ähnlich sei es bei den Auflagen: „Wenn wir einen Stall bauen, machen wir das natürlich nach aktuellen Richtlinien. Die Finanzierung läuft aber über 20 Jahre, wo dann wieder ganz andere Dinge gelten. Da ist man immer gespannt, was wohl als nächstes kommt.“ Als Landwirt müsse man sich daher genau überlegen, ob sich die großen Investitionen lohnen.

Elfi Willms und zwei kleine Ponys, die ebenfalls auf dem Hof leben. Foto: Ortgies
Elfi Willms und zwei kleine Ponys, die ebenfalls auf dem Hof leben. Foto: Ortgies

Kapital wird an nächste Generation weitergegeben

Gleichzeitig seien diese Investitionen wichtig, um den Betrieb auf modernem Stand zu halten. Das verbessere nicht nur die Arbeitsbedingungen und -Abläufe für Mensch und Tier, sondern sichere auch das Bestehen des Betriebes für die kommende Generation – sofern wie bei Holger Willms ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin vorhanden ist. „Alles, was hier steht, wird ja weitergegeben“, sagt Willms. Das Kapital befinde sich also - entgegen vieler Vorurteile – nicht auf dem Konto, sondern bleibe auf dem Hof.

Mit dem Wachstum der Betriebe sei es nun aber erst einmal vorbei, vermuten die beiden Landwirte. „Wachsen könnte man aktuell auch gar nicht mehr, weil es zu wenig Arbeitskräfte gibt“, sagt Holger Willms. Er ist deshalb sehr glücklich, so zuverlässige Mitarbeiter gefunden zu haben. Außerdem, so Frank Steffens, bedeute Wachstum der Betriebsgröße nicht immer Wachstum der Einnahmen. Das sei schon bei einigen Betrieben schief gegangen.

Für die Zukunft werden auch auf ihrem Betrieb Nachhaltigkeit und die Anpassung an die klimatischen Veränderungen eine wichtige Rolle spielen. Der Umgang mit Extremwetterereignissen, Trockenheit und Nässe zum Beispiel. Aber auch der Einsatz erneuerbarer Energien, zum Beispiel auf den Dächern der Wirtschaftsgebäude oder das Separieren der Gülle, wodurch Emissionen gesenkt werden. Das alles ist zwar durchaus herausfordernd, macht den Job aber auch spannend.

Landwirte gesucht – wir stellen Ihren Hof vor!

Emden/Krummhörn/Hinte - Die Landwirtschaft in Ostfriesland ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Teil der ostfriesischen Kultur und Identität. Ob traditionsreicher Familienbetrieb oder innovative, moderne Landwirtschaft – hinter jedem Hof steckt eine eigene Geschichte. Diese Geschichten möchten wir künftig im Rahmen unserer Serie „Landwirtschaft im Wandel“ erzählen.

Von Milchviehhaltung über Gemüseanbau bis hin zu Nischenbetrieben: Ob Sie im Haupt- oder Nebenerwerb arbeiten, spielt dabei keine Rolle. Uns interessieren die Herausforderungen und Chancen, mit denen Sie sich täglich auseinandersetzen, aber auch die persönlichen Geschichten hinter Ihrem Betrieb.

Hier kann man sich melden

Wie sieht der Arbeitsalltag aus? Welche Besonderheiten gibt es? Wie vereinen Sie Tradition und Innovation? Wie gehen Sie mit all den Auflagen um? Mit unserer Serie möchten wir zeigen, was die Landwirtschaft in Ostfriesland heute ausmacht. Wir wollen die Vielfalt der Betriebe in den Vordergrund rücken und die Menschen, die dahinterstehen, vorstellen.

Zum Start der Serie wollen wir mit Betrieben aus Emden, der Krummhörn und Hinte beginnen. Sie können sich vorstellen, uns Ihren Hof und Ihre Arbeit zu präsentieren? Dann melden Sie sich bei Redakteurin Hannah Weiden unter h.weiden@zgo.de.

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