Hamburg  Während der Menstruation nicht schwanger werden? So aufgeklärt sind Jugendliche

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 13.11.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wie gut Schüler aufgeklärt werden, hängt stark von der Lehrkraft ab. Foto: dpa/ Julian Stratenschulte
Wie gut Schüler aufgeklärt werden, hängt stark von der Lehrkraft ab. Foto: dpa/ Julian Stratenschulte
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Wie gut sind Jugendliche heute wirklich über Sexualität informiert? In der Sexualkunde geht es längst nicht nur um Verhütung und Fortpflanzung. Professorin Sonja Schaal erklärt, warum fundierte Sexualbildung auch Themen wie Transsexualität umfasst – und wie Schulen den richtigen Umgang damit finden können.

Wie gut sind Jugendliche heute wirklich über Sexualität informiert, und welche Herausforderungen entstehen im Sexualkundeunterricht, wenn Schüler mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenkommen? Wie werden Themen wie Transsexualität im Unterricht thematisiert?

Sonja Schaal, Professorin für Biologiedidaktik und Sexualbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, hat sich auf diese Themen spezialisiert. Jahrelang stand sie selbst als Lehrerin im Klassenzimmer, seit 2009 bildet sie angehende Lehrkräfte in Sexualpädagogik aus. Im Interview erklärt sie, was sie von Begriffen wie Schamlippen und Scheide hält.

Frage: Wie aufgeklärt sind Kinder und Jugendliche heute?

Antwort: Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass sie gut aufgeklärt sind, da heutzutage viele Informationen über das Internet und soziale Medien zugänglich sind. Doch die Frage bleibt, ob diese Informationen korrekt sind und wie gut Jugendliche sie einordnen können. Außerdem halten sich viele Mythen hartnäckig.

Frage: Welche Mythen sind das?

Antwort: Ein Beispiel ist der Glaube, dass man während der Menstruation nicht schwanger werden kann – das stimmt so nicht, denn viele wissen nicht genau über fruchtbare Tage Bescheid. Ein anderer weit verbreiteter Irrtum ist, dass der sogenannte Coitus interruptus eine sichere Verhütungsmethode sei. Dabei können bereits in den Lusttropfen Spermien enthalten sein, was zu einer Schwangerschaft führen kann. Selbst unter Biologie-Studierenden sind solche grundlegenden Missverständnisse verbreitet, was zeigt, dass es an fundierter Aufklärung fehlt.

Frage: Wenn wir uns den Ablauf der Sexualbildung in der Schule ansehen – wann beginnt diese in der Regel, und wie sieht der Unterricht über die Schuljahre hinweg aus?

Antwort: Im Idealfall würde man das Thema kontinuierlich behandeln, beginnend in der Kita und fortgeführt durch alle Schuljahre hindurch, natürlich altersgerecht angepasst. In der Grundschule geht es eher um Körperwissen, die Entstehung von Leben, Freundschaften und Beziehungen. Später, in den Klassen fünf bis neun, kommen dann Themen wie Verhütung, Schwangerschaft und auch Intersexualität und Transsexualität hinzu. In der Oberstufe werden oft ethische und gesellschaftliche Diskussionen geführt. Doch die Realität sieht oft anders aus. Es kommt vor, dass Sexualbildung an den Rand des Schuljahres geschoben oder sogar ausgelassen wird.

Frage: Ist es also Glückssache, wie gut der Aufklärungsunterricht ist?

Antwort: Ob Schüler*innen eine fundierte Sexualbildung erhalten, hängt stark von der Einstellung und dem Engagement der einzelnen Lehrkraft sowie den schulischen Rahmenbedingungen ab. Viele Lehrkräfte fühlen sich unsicher, gerade bei sensiblen Themen, und vermeiden sie deshalb oft. Wenn es an einer Schule jedoch ein solides sexualpädagogisches Konzept gibt und die Lehrkräfte gut vorbereitet sind, dann wird der Unterricht planvoll und umfassend – aber das ist nicht überall der Fall.

Frage: Wie gehen Biologie-Lehrkräfte mit Themen wie Transsexualität und Geschlechtervielfalt um?

Antwort: Das ist ein zunehmend wichtiger Bereich, der im Unterricht Raum finden muss, da Geschlechtervielfalt eine gesellschaftliche Realität ist. Die Biologie bietet hier eine gute Grundlage, um zu erklären, dass es ein Spektrum von Geschlechtsmerkmalen gibt und dass es nicht nur „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gibt. Lehrkräfte sollten diese Themen kontrovers, sachlich und werteorientiert behandeln, ohne ihre eigenen Werte zur Norm zu machen.

Frage: Um Begriffe wie „Schamlippen” oder „Scheide” und andere Begriffe wird immer wieder debattiert. Wie spricht man korrekt über Sexualität?

Antwort: Die korrekten Begriffe wie „Vulva“ oder „Penis“ sind medizinisch genau, aber viele Schüler*innen benutzen stattdessen Worte wie „Mumu“, „Pipimann“ oder auch vulgärere Begriffe wie „Titten“ oder „Fotze“. Um Verständigung zu schaffen, sollte man alle Begriffe offen auf den Tisch bringen und gemeinsam besprechen, welche angemessen sind. Das Ziel ist, eine Sprache zu finden, die klar und respektvoll ist, ohne den Bezug zu den Schüler*innen zu verlieren. Das Wort „Schamlippen“ ist umstritten, weil es Scham impliziert, aber ich finde, Scham sollte nicht komplett wegdiskutiert werden. Sie zeigt persönliche Grenzen auf, und diese zu respektieren ist wichtig, auch im präventiven Sinne.

Frage: Welche Herausforderungen ergeben sich durch die Integration von Schülern mit Migrationsgeschichte? 

Antwort: In manchen Kulturen ist Sexualität ein Tabuthema, über das kaum oder gar nicht gesprochen wird. Diese Jugendlichen sind es oft nicht gewohnt, offen über Sexualität zu reden. Besonders Themen wie Homosexualität oder geschlechtliche Vielfalt stoßen oft auf Widerstände, weil sie in einigen Herkunftsländern sogar gesetzlich geächtet oder gesellschaftlich stark abgelehnt werden. Ein kultursensibler Zugang fordert die Akzeptanz von Unterschieden und  würde eigentlich bedeuten, das Thema nicht anzusprechen, um ihre kulturellen Vorstellungen zu respektieren – aber das ist natürlich keine Option. Wir können und dürfen Diskriminierung nicht tolerieren. Wir müssen Sexualbildung vermitteln, gerade auch, um Jugendliche über den Schutz des eigenen Körpers aufzuklären. Hier eine Balance zu finden, ist die Herausforderung: auf die kulturellen Hintergründe einzugehen, ohne das Thema zu umgehen.

Frage: Wie wichtig ist die Elternarbeit bei der Sexualaufklärung?

Antwort: Viele Eltern fürchten, ihre Kinder würden zu früh oder unpassend mit Sexualität konfrontiert. Ein offenes Gespräch hilft hier: Wenn Eltern verstehen, dass Sexualbildung auch Themen wie Beziehung, Identität und Schutz vor Missbrauch umfasst, finden wir meist eine gemeinsame Basis. Zudem stärkt das Schulrecht die Lehrkräfte – Eltern haben ein Recht auf Information, aber kein Mitspracherecht bei der Frage, ob Sexualaufklärung- und bildung stattfindet.

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