Hamburg Generationenforscher warnt: Eltern missbrauchen ihre Kinder als Hobby
Schulbildung im Wandel: Die Generation Alpha steht vor einer ungewissen Zukunft, mit Berufen, die es heute noch gar nicht gibt. Was bedeutet das für ihre Ausbildung und wie sollten Eltern und Lehrer darauf reagieren? Antworten darauf hat der Psychologe Rüdiger Maas.
Die Generation Alpha wächst digital auf, sollte in der Schule aber vor allem analog lernen, findet Generationenforscher Rüdiger Maas. In seinem neuen Buch „Konflikt der Generationen“ konfrontiert er Eltern mit ihren Erziehungsmethoden und wagt einen Blick in die Zukunft der Beta-Generation.
Maas leitet das Institut für Generationenforschung und weiß, wie welche Generation tickt und mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hat.
Frage: Herr Maas, Sie sind Psychologe und Generationenforscher. Die Schule ist ein Ort, an dem mit Lehrern, Eltern und Schülern einige Generationen aufeinander treffen. Welche Situation finden wir dort vor?
Antwort: Die Schülerschaft, meist Teil der Generation Alpha, ist mit den digitalen Geräten groß geworden und trifft auf eine teils verunsicherte Lehrerschaft, die nicht weiß, wie viel Digitalisierung sie überhaupt anbieten soll. Und dann gibt es noch die Eltern, die Druck an ihre Kinder und die Lehrkräfte weitergeben. Jedes Kind muss ein Gymnasium besuchen, gute Noten schreiben und später studieren. Wir haben es mit einer Elternschaft zu tun, die sich selbst enorm viel Druck macht, die alles richtig machen will.
Frage: Das mündet dann darin, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren und mit Smartwatches und Ortungshilfen wie Apple AirTags ausstatten, wie Sie in Ihrem aktuellen Buch „Konflikt der Generationen” skizzieren.
Antwort: Eltern wollen gewappnet sein, falls etwas passiert. Das führt dazu, dass die Kinder permanent überwacht werden. Eltern lassen ihre Kinder trotzdem nahezu alles entscheiden. Was willst du anziehen? Wohin sollen wir in den Urlaub fahren und was wollen wir dort machen? Die bedürfnisorientierte Erziehung wird fehl- beziehungsweise überinterpretiert und am Ende wird Bedürfnis mit Wunsch verwechselt. Kinder empfinden das als enormen Druck: Sie werden beobachtet, müssen ständig Entscheidungen treffen, dürfen keine Geheimnisse haben und werden als Hobby der Eltern missbraucht. Das bekomme ich auch immer wieder von jungen Menschen gespiegelt.
Frage: Was wird Ihnen geschildert?
Antwort: Eine Auszubildende berichtete, dass ihre Mutter sie bis zu zehnmal am Tag anrufen und somit von der Arbeit abhalten würde. Eine andere, dass ihre Mutter ihre beste Freundin sein will, sie aber andere beste Freunde hat. Dieses Verhalten der Eltern wird übrigens auch auf die Lehrer übertragen.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Es gibt einen hohen Anteil an Eltern, der regelmäßig vor dem Klassenraum steht, um den Lehrer zu fragen, wie sich das Kind im Unterricht macht und sich Feedback einholt.
Frage: Lehrerverbände berichten auch, dass Eltern Lehrer bedrohen. Etwa, wenn es um schlechte Noten des eigenen Kindes geht, mit denen man nicht einverstanden ist.
Antwort: Jede Note wird kontrolliert und auch gerne mal mit dem Rechtsanwalt gedroht. Die Eltern dringen immer mehr in die Lebensraumwirklichkeit der Kinder vor und nehmen ihnen immer mehr Raum. Etwa, indem sie schon eine halbe Stunde vor Schulschluss auf das Kind warten, damit es bloß keine Minute warten muss. Die erlernte Hilflosigkeit wird dadurch immer mehr trainiert.
Frage: In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einem immer kleiner werdenden Bewegungsradius der Kinder und Jugendlichen.
Antwort: Vor hundert Jahren durften sich Kinder noch zehn Kilometer alleine bewegen, heute muss man von Zentimetern sprechen, die nur noch bis zur Haustür oder Gartentor reichen. Auf dem Spielplatz sind mittlerweile infolge mehr Elternteile als Kinder.
Frage: Wie kann gutes Lernen im Zeitalter der Digitalisierung gelingen?
Antwort: Schüler sind ohnehin den ganzen Tag am Smartphone, das muss nicht auch noch in der Schule forciert werden. Deshalb sollte ein klares Handyverbot an Schulen gelten. Es ist essenziell, dass dort Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen und Rechnen vermittelt werden. Studien belegen, dass das analoge Lernen dem digitalen weit überlegen ist. Es ist völlig ausreichend, wenn es einen Tablet-Raum gibt. Kinder benötigen kein eigenes Gerät. Wir müssen sie fit machen für die Digitalisierung, aber das gelingt nicht im Digitalen.
Frage: Sondern?
Antwort: Wenn ein Schüler früher gemobbt wurde, waren die Täter meistens bekannt. Heute haben wir es überwiegend mit Cybermobbing zu tun, das von Kindern, Erwachsenen oder Pädophilen ausgehen kann. Unsere Kinder benötigen Rüstzeug, das wir ihnen in der analogen Welt vermitteln müssen, damit die digitale integriert und effizient genutzt werden kann. Bereits im Studium müssen angehende Lehrer digitales Knowhow vermittelt bekommen, bevor wir sie auf unsere Kinder loslassen.
Frage: Nach dem Schulabschluss kommt der Start ins Studium oder die Ausbildung. Wissen Heranwachsende der Generation Alpha heute noch, was sie beruflich machen wollen?
Antwort: Wir gehen davon aus, dass etwa 65 Prozent der Jobs, die die Generation Alpha einmal ausüben wird, noch gar nicht existiert. Dank Künstlicher Intelligenz wird alles immer schneller und komplexer. Und nochmal: Genau deswegen ist es wichtig, analoge Kulturtechniken gut zu beherrschen. Damit die digitalen Ergebnisse besser verstanden und eingeordnet werden können.
Frage: Die Generation Alpha wächst in einer diverseren Generation auf, als die Generationen vor ihr. Was hat das für Auswirkungen?
Antwort: In der Generation Alpha hat in manchen Gegenden mittlerweile jedes zweite bis dritte Kind Migrationshintergrund. Es gibt allerdings viele Eltern, die ganz gezielt Kitas oder Grundschulen mit geringem Migrationsanteil suchen. Das bedeutet aber, dass sie ihr Kind von der Lebenswirklichkeit fernhalten und ihnen eine Scheinwelt vorgeben und somit dafür sorgen, dass diese Kinder es noch befremdlicher finden, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen umzugehen. Die Ergebnisse sehen wir jetzt schon: Immer mehr junge Menschen wählen die AfD.
Frage: Also fördern manche Eltern mit solchen Entscheidungen die Spaltung der Gesellschaft?
Antwort: Ja, kein Kind ist von sich aus rassistisch. Aber es darf ihnen keine Lebenswirklichkeit gespiegelt werden, die es im Alltag nicht gibt. Das wirkt befremdlich und fördert Unverständnis. Dabei müssen gerade in einer superdiversen Gesellschaft alle toleranter werden, damit ein Zusammenleben funktioniert.
Frage: Das letzte Kapitel Ihres Buches blickt in die Zukunft und auf die Generation Beta, die noch gar nicht geboren ist. Ein mögliches Szenario: Schüler werden dann von Robotern unterrichtet.
Antwort: Das wirkt beängstigend, ist aber natürlich ein denkbares Szenario. Wir werden kleine Klassen haben, weil kaum noch Kinder geboren werden und der Lehrermangel ist noch größer geworden. Schon jetzt bereiten Lehrer mit ChatGPT ihren Unterricht vor, das wird noch mehr zunehmen und Kinder werden verstärkt durch KI-generierte Influencer beeinflusst werden. Das Kapitel soll zum Nachdenken anregen: Wollen wir alles, was die Digitalisierung mit sich bringt, wirklich auch so haben?