Osnabrück Hohe Nachfrage nach Versicherungen für Treibjagd und Drückjagd: Tierleiden oder Naturschutz?
In der kalten Jahreszeit beginnt die Saison für Drück- und Treibjagden. Zwar sind sie hochumstritten, doch die Nachfrage nach dem Versicherungsschutz für die eingesetzten Hunde wächst. Wie passen Tierschutz und Jagd zusammen?
Mit dem Herbst beginnt in Deutschlands Wäldern die Zeit der Treib- und Drückjagden. Während ausgebildete Hunde Wild aufspüren, sind Jäger auf Hochsitzen in Bereitschaft. Kleintiere wie Hasen und Fasane werden bei der Treibjagd mit Schrot gejagt.
Bei der Drückjagd durchstöbern ausgebildete Hunde das Dickicht nach Wildschweinen, Rehen oder Füchsen. „Jäger auf Hochsitzen haben dann die Chance, einige davon zu erlegen“, erklärt Torsten Reinwald, Pressesprecher des Deutschen Jagdverbands.
„Das Interesse an der Jagd nimmt zu“, sagt er. Die Nachfrage nach einem Jagdschein sei ungebrochen. Einen Trend hin zu einer bestimmten Jagdart könne er zwar nicht erkennen, doch hat erst kürzlich das Versicherungsunternehmen Barmenia/Gothaer eine neue Police auf den Markt gebracht: für die Gesellschaftsjagd, unter die Treib- und Drückjagd fallen. „Wir registrieren eine erhöhte Nachfrage nach einer solchen Absicherung“, so der Versicherer.
Mit der Bewegungsjagdversicherung sollen Jäger die finanziellen Risiken für ihre eingesetzten Jagdhunde absichern können. Verletzt sich ein Hund, stirbt er oder kommt nicht mehr zurück, übernimmt der Versicherer die Kosten. Doch nicht nur das: „Sollte es während der Jagdausübung zu einem Wolfsangriff kommen und der Hund verletzt werden, würde das unter den Versicherungsschutz fallen“, fügt Jule Müller, Pressesprecherin der Barmenia/Gothaer, hinzu. Andere Versicherer haben den speziellen Schutz ebenfalls im Angebot.
Ein Grund: Die Tierarztgebühren sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, die Operation eines Hundes schlägt schnell ein Loch ins Kontor. Und Hunde sind bei einer Gesellschaftsjagd viele im Einsatz, 50 bis 60 Tiere spüren das Wild auf. Bei der Jagd gibt es für sie viele Gefahren, eine davon: die immer tödlich verlaufende Aujeszkysche Krankheit, eine Virus-Infektion, die über den Kontakt mit rohem Schweinefleisch übertragen wird. Es kann aber auch zu Verletzungen durch den Kampf mit Wildschweinen kommen, durch einen Aufprall mit einem Auto oder durch Stacheldraht.
Auch wenn unklar ist, ob die Teilnahme an Bewegungsjagden zugenommen hat oder lediglich die Nachfrage nach dem Versicherungsschutz, bleibt die Frage, wie sich das Angebot der Versicherer mit dem Tierschutz verträgt. Den schreiben sie sich – wie es auch bei der Barmenia/Gothaer der Fall ist – offiziell nämlich gerne auf die Fahnen.
Pressesprecherin Müller erklärt: „Die Bewegungsjagd ist eine der Jagdformen, die vom Gesetzgeber sehr genau geregelt wird, um sicherzustellen, dass sie im Einklang mit den Naturschutz- und Tierschutzvorgaben steht.“ Das Unternehmen gesteht dennoch ein, dass „Bewegungsjagden ein kontrovers diskutiertes Thema sind“.
Um das zu verstehen, muss man die Jagdformen kennen: Bei der Drückjagd nutzen Jäger eine sogenannte Büchse. „Das Geschoss ist sehr schnell, es verursacht im Körper tödliche Verletzungen“, erklärt Reinwald. Im Idealfall würden Herz oder Lunge getroffen, dann sei das Tier gleich tot. Bei der Treibjagd treffen viele Stahlkügelchen auf eine breitere Körperfläche. „Dadurch gibt es einen sogenannten Schock-Tod, das Tier ist also schnell tot und leidet nicht lange. Das ist fast immer der Fall.“
Organisationen wie „Wildtierschutz Deutschland“ oder „Peta“ sehen das anders. Demnach seien Drückjagden alles andere als tierfreundlich: Durch die panischen Fluchtbewegungen der Tiere seien gezielte Schüsse oft gar nicht möglich. Lediglich ein Drittel der Tiere werde sofort getötet, heißt es. „Mit zerschossenen Knochen und heraushängenden Innereien flüchten die Tiere, leiden oft tagelang unter den Verletzungen und sterben qualvoll, wenn sie bei der sogenannten Nachsuche nicht gefunden werden“, kritisiert die Tierschutzorganisation Peta.
Reinwald entgegnet, die Hunde würden nach der Jagd verletzte Tiere schnell aufspüren, damit die Jäger sie töten können, um ihr Leiden zu minimieren. „Bei Gesellschaftsjagden müssen Jäger einen brauchbaren Hund vorhalten, der speziell ausgebildet ist, verletzte Tiere zu finden.“
Die Nachsuche sei wie eine Detektivarbeit: Findet man Haare? Wenn ja, von welcher Körperpartie stammen sie? Wie ist die Farbe des Blutes? Arterielles Blut sei hellrot. Ist es schaumig, habe man die Lunge getroffen. „Dann ist das Tier schnell tot“, so Reinwald. Eine dunkelrote Farbe sei ein Indiz für venöses Blut. „Dann hat man eventuell schlecht getroffen.“ Ist das Blut bräunlich und riecht nach Urin, könnte die Leber getroffen worden sei. „Auch dann ist das Tier schnell gestorben.“
Als Grund für die Jagd führen Jäger den Schutz des Waldes an. So auch Reinwald: „Neu gepflanzte, junge Bäume sind besonders attraktiv für Wildtiere.“ Und weil in deutschen Wälder vor allem Nadelbäume wachsen, die unter dem Klimawandel leiden, müssten Aufforstungsflächen besonders geschützt werden. Und zu dem Schutz gehöre auch die Jagd.
Doch nicht nur das: „Wer jagt, spricht auch mit Landwirten über Flächen, auf denen Blühstreifen angelegt werden. Es geht darum, Feuchtbiotope zu schaffen. Allein für die Biotop-Pflege gibt ein Jäger durchschnittlich 350 Euro pro Jahr aus“, sagt Reinwald. Jäger würden zudem im Einsatz gegen die Schweinepest oder Vogelgrippe nach verletzten Tieren suchen.
Der Vorteil einer Gesellschaftsjagd: Jäger beunruhigen in kurzer Zeitspanne eine große Fläche. Im Gegensatz zu einer Ansitzjagd würde dabei mehr Wild erlegt. Wer ein möglicherweise getroffenes Tier nicht anschließend sucht, müsse zudem umgehend mit einer Anzeige rechnen. Letztlich bleibt für ein abschließendes Urteil wohl nur eines: Selbst den Jagdschein machen oder sich in Natur- respektive Tierschutzvereinen engagieren.