Osnabrück  Einst das Outfit für Nonkonformisten: Kleine Kulturphilosophie des Rollkragenpullovers

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 18.11.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Cool im Rollkragenpullover: Christian Lindner, FDP-Parteivorsitzender, kommt zu einer Sitzung der Bundestagsfraktion. Foto: dpa/picture-alliance
Cool im Rollkragenpullover: Christian Lindner, FDP-Parteivorsitzender, kommt zu einer Sitzung der Bundestagsfraktion. Foto: dpa/picture-alliance
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Er war lange abgetaucht, jetzt ist der Allrounder wieder da: Der Rollkragenpullover pendelt zwischen Uniform für Nonkonformisten und stylischem Zeitgeist-Textil. Eine kleine Parade der Rollkragenpullover-Typen.

Er wärmt angenehm am Hals. Und signalisiert zugleich ein modisches Statement. Der Rollkragenpullover hat Konjunktur: in Herbst und Winter als Schutz vor Nässe und Kälte, zu jeder Saison als Signal einer ganz persönlichen Haltung. Der Rollkragenpullover war eine Zeit lang en vogue und richtig umstritten. Dann ist er abgetaucht, um in den letzten Jahren sein Comeback zu feiern, als Klassiker ebenso wie als Utensil eines individuellen Lebensstils. Höchste Zeit also, um diesen Vagabunden der Unisex-Mode einmal genauer, also auch kulturell in den Blick zu nehmen.

Was hat der Rollkragenpullover mit dem Polohemd oder dem Parka gemeinsam? Richtig, den Karriereweg, der ihn von Sport und Arbeitswelt mitten hinein in den Lifestyle geführt hat. Kurz vor 1900 erblickt er das Licht der Modewelt. Der Rollkragenpullover wird beim Golf getragen, später bei Sportarten wie Fußball oder Hockey. Mit Rollkragenpullover und Flatcap liefen vor Zeiten zum Beispiel Fußballtorhüter auf. Ab 1950 fand das Kleidungsstück Eingang in die Alltagsmode – als Straßenjunge in der Welt des Establishments und als Chamäleon in der Welt der kulturellen Zeichen. Eine Typenparade:

Sie wirkte wie eine „Heilige unter Sünderinnen“, um den Titel eines 1949 gedrehten Films zu zitieren. Juliette Gréco (1927-2020) trug Schwarz wie eine Farbe der Reinheit. Die Chansonsängerin und Schauspielerin prägte ihre Epoche, als dunkler Engel der Existenzialisten. Sie trug den Rollkragenpullover als Zeichen jener Emanzipation, die Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ beschrieb. Den Rollkragenpullover zog sie wie ein Fanal des Unisex über ihre Haut – als Textil gewordene Geste einer gar nicht so dezenten Gleichberechtigung.

Ist ein Rollkragenpullover noch aus Wolle oder schon aus einem Metall, sagen wir, aus Titan? Rollkragenpullover beulen aus, werden mit der Zeit unansehnlich. Nicht der des FDP-Vorsitzenden. Das Exemplar, das er gern unter einem Anzug in Anthrazit trägt, sieht so makellos aus wie eine synthetische Schutzschicht. Lindner hat gerade die Berliner Ampel im Alleingang abgeschaltet. An diesem Mann gleitet, so scheint es, fast alles ab. Der Rollkragenpullover avanciert bei ihm zum Statement des Einzelgängers, der perfekt gestylt ist und doch den parlamentarischen Dresscode verneint. Das findet nicht jeder sympathisch. Kümmert Lindner das?

Er moderierte „Musik aus Studio B“, schrieb für die Satirezeitschrift „Pardon“, war ein scharfzüngiger Kabarettist: Der heute 85 Jahre alte Henning Venske verkörperte den radikal kritischen Zeitgeist der Siebziger des vergangenen Jahrhunderts so konsequent wie kaum ein anderer Akteur der damaligen Medienwelt. Er trug den Rollkragenpullover als Zeichen einer kaum kaschierten Aufmüpfigkeit. Wer korrekt sein und etwas gelten wollte in jener Zeit, trug Schlips und Kragen. Venske zog nicht einfach nur den Rolli über, er warf auch die Krawatte weg. Der Rollkragenpullover als Signet der Linken: Noch heute fällt einem zuerst der Name Henning Venske ein, wenn für diese Haltung ein Protagonist gesucht werden soll.

Warum ist der Polizeifilm „Bullitt“ von 1968 so nachhaltig im Gedächtnis geblieben? Wegen einer ebenso rasanten wie endlos gedehnten Verfolgungsjagd quer durch San Francisco. Und wegen der Figur eines Cops, dem Steve McQueen (1930-1980) eine unwiderstehlich maskuline Aura verliehen hat. Bullitt trägt den schwarzen Rollkragenpullover und darüber das Holster für die Pistole. Der Pullover signalisiert den Pragmatismus eines desillusionierten Helden, der immer auf dem Sprung ist, ortlos und einsam. McQueen trägt den Pullover als sportives Textil und als Statement einer Coolness, die in „Bullitt“ ihren einsamen Höhepunkt fand. Darin lag schon damals mehr als nur ein Modetrend.

„Es geht dabei um die eigene Selbstwahrnehmung! Darum, dass sich Frauen darüber im Klaren sind, dass sie ein Grundrecht darauf haben, sich selbst zu verwirklichen“, beschrieb die heute 87 Jahre alte Jane Fonda, was sie unter Feminismus versteht. Ja, sie startete einst als Sexsymbol, wandelte sich dann aber zur Bürgerrechtlerin, bevor wie dann munter auf der Fitnesswelle surfte. Jane Fonda wirkte bisweilen wie eine Ikone vielerlei Zeitgeistes. Trug sie den Rollkragenpullover als Zeichen ihrer Wandelbarkeit? Das Kleidungsstück ist ein typischer Vertreter des Unisex. Allein darin schon liegt sein emanzipatives Potenzial. Jane Fonda hat es glänzend ausgespielt. Sie sah im Rolli mindestens so sexy aus wie im Aerobic-Dress.

Gibt es ein Kleidungsstück, das besser Pragmatismus verkörpert als der Rollkragenpullover? Steve Jobs (1955-2011) hat genau das gelebt, als Erfinder, als Firmengründer, als Designer und vor allem als Self-Made-Man. Legendär seine Auftritte auf der Bühne wie 2007 bei der Präsentation des ersten iPhones. Steve Jobs, Mitbegründer von Apple, avanciert zum Verkünder einer Technologie, die alles, wirklich alles verändert – als Messias im Rollkragenpullover. Jobs trägt den Pulli mit hochgeschobenen Ärmeln. Yes, we can: Barack Obama prägte die Formel 2008 als Wahlkampfslogan, Jobs machte aus ihm Wirklichkeit. Der Rollkragenpullover als Outfit einer technologischen Revolution: Erstaunlich, was so ein ausgeleiertes Kleidungsstück alles zu verkörpern vermag.

Helmut Schön trug Schiebermütze, Jupp Derwall Trainingsanzug. Auch der Bundestrainer war in ihrer Zeit immer nur ein Fußballtrainer, also bieder und in seinem Milieu verhaftet. Der heute 64 Jahre alte Joachim Löw hat aus dem Trainer den Konzept-Trainer gemacht, den Planer des perfekten Spiels. Seine bis 2021 andauernde Amtszeit ist als Ära Löw in die Zeitgeschichte eingegangen. Den Trainingsanzug hat er nur ab und zu getragen. „Jogi“ Löw präsentierte sich als Trainer gern in Sakko und Rollkragenpullover. Er trägt den Pulli als Zeichen jenes Understatements, mit dem Perfektionisten ihre innere Strenge zu kaschieren suchen. Jogi sieht im Rollkragenpullover selbst wie ein Konzeptkunstwerk aus, lässig und leger, zugleich aber perfekt geplant bis in die Haarspitzen. Wie macht der Mann das bloß?

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