Osnabrück Die Überschuldung sinkt? Diese Sondereffekte verfälschen die Zahlen
Der Rückgang der Überschuldungszahlen in Deutschland wirkt auf den ersten Blick wie ein Hoffnungsschimmer. Doch eine tiefergehende Analyse lässt Zweifel aufkommen. Sind die positiven Zahlen nur eine Illusion in wirtschaftlich unsicheren Zeiten?
Die Zeiten sind nicht rosig. Das gilt für die Wirtschaft wie für die privaten Haushalte. Da nimmt man doch jede noch so kleine positive Nachricht dankbar an. Hier ist eine: Die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland ist in diesem Jahr rückläufig. Insgesamt seien es 94.000 Menschen weniger, die ihren finanziellen Verpflichtungen langfristig nicht nachkommen konnten. Die Deutschen scheinen also vernünftiger geworden zu sein und haben sich seltener geleistet, was sie am Ende finanziell gar nicht schultern können. Wunderbar!
Schön wär’s. Die Hiobsbotschaft folgt auf dem Fuße: Ein Grund für die niedrigere Überschuldungsquote liegt nämlich in der Angst der Verbraucher vor der Zukunft. „Wer sich fürchtet, gibt kein Geld aus“, resümierte Wirtschaftsweise Monika Schnitzer erst kürzlich. Wer Angst hat, seine Arbeit zu verlieren, und verunsichert ist durch die Politik der Bundesregierung, hält das Geld zusammen.
Aber es gibt noch einen weiteren Effekt, der die gute Nachricht wieder in sich zusammenfallen lässt: Laut Creditreform sei die aktuelle Überschuldungsquote nicht mit dem Vorjahr vergleichbar. Das liege zum einen an dem Zensus-Effekt, demzufolge schlichtweg weniger Menschen in Deutschland leben als ursprünglich angenommen.
Zum anderen mussten Wirtschaftsauskunfteien nach einem EuGH-Urteil ihre Datenbanken bereinigen. Wurden zuvor Verbraucher, die gerade eine Privatinsolvenz hinter sich hatten, noch drei Jahre in der Statistik geführt, ist das jetzt nur noch ein halbes Jahr der Fall. Würde man also nach der alten Systematik zählen, gäbe es, laut Creditreform, keinen so deutlichen Rückgang, sondern lediglich 19.000 Fälle weniger. So wohltuend eine optimistisch stimmende Nachricht gewesen wäre: Die Realität sieht leider anders aus.