Osnabrück  Von Intervallfasten bis Wikinger-Kost: Diese Diäten helfen bei Corona und Bluthochdruck

Jörg Zittlau
|
Von Jörg Zittlau
| 22.11.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Nordic Diet, bekannt als Wikinger-Diät, punktet mit Regionalität und Nachhaltigkeit. Lokale Nahrungsmittel wie Roggen, Beeren und fettreicher Fisch versprechen gesundheitliche Vorteile. Foto: IMAGO/Dawid Kalisinski
Die Nordic Diet, bekannt als Wikinger-Diät, punktet mit Regionalität und Nachhaltigkeit. Lokale Nahrungsmittel wie Roggen, Beeren und fettreicher Fisch versprechen gesundheitliche Vorteile. Foto: IMAGO/Dawid Kalisinski
Artikel teilen:

Ernährung im Dienste der Gesundheit: Studien belegen, dass Diäten mehr bewirken als nur Gewichtsverlust. Mediterrane und nordische Kost schützen vor Erkrankungen wie Covid-19 und Bluthochdruck.

Die meisten Menschen denken bei Diäten an: Entbehrung. Mit dem Ziel, durch den Verzicht ein paar unerwünschte Fettpolster abzuspecken. Doch schon die sprachliche Herkunft vom griechischen „Diaita“ = Lebensweise zeigt, dass dies nicht alles ist. Und auch aktuelle Studien zeigen: Es geht bei Diäten um mehr als nur das Weniger, und ihre Effekte beschränken sich keineswegs nur auf das Körpergewicht.

Mit einer Diät gegen Corona? Ist das nicht wie die Alu-Hüte und Anti-Wurmmittel, die zuzeiten der Pandemie als Prävention und Therapie gegen die Infektion empfohlen wurden, ohne dass es brauchbare Belege dafür gegeben hätte?

Ganz und gar nicht. Denn eine aktuelle Studie, publiziert im angesehenen Wissenschaftsmagazin PLOS One, zeigt nun: Eine mediterrane Kost, also die Mittelmeer-Diät, schützt vor einer Covid-19-Infektion. Und möglicherweise dämpft sie sogar die Symptome, wenn die Erkrankung bereits ausgebrochen ist.

Das Forscherteam um Ceria Halim von der Sumatra Universität in Indonesien fand bei einer Analyse der wissenschaftlichen Datenlage 6 brauchbare Studien an insgesamt 55.000 Probanden aus 5 Ländern, in denen der Zusammenhang von Covid-19 und Mittelmeerdiät untersucht wurde. In der Auswertung zeigten die Mittelmeerköstler ein deutlich niedrigeres Erkrankungsrisiko.

In einer Studie war bei ihnen die Zahl der Infizierten sogar um 78 Prozent niedriger als in der Vergleichsgruppe. Als besonders wirksame Anti-Covid-Bestandteile des mediterranen Speiseplans präsentierten sich Olivenöl, Nüsse, Obst und Gemüse, unter ihren Inhaltsstoffen fielen die entzündungshemmenden Fettsäuren des Olivenöls als Schutzfaktoren auf, aber auch das Vitamin C und die Flavonoide der pflanzlichen Nahrungsmittel.

Was Studienleiterin und Epidemiologin Halim nicht weiter verwundert: „Flavonoide gelten als immunstimulierend und antiviral, und Vitamin C wirkt in vielerlei Sicht entzündungshemmend.“

Immer mehr Studien zeigen: Ein Speiseplan wie Gott in Frankreich oder die Götter des Olymps hilft nicht nur beim Abspecken. „Die mediterrane Ernährung bietet wirklich eine wirkungsvolle Prävention gegenüber den unterschiedlichsten Erkrankungen“, berichtet Benjamin Seethaler von der Universität Hohenheim.

„Von Übergewicht und Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle bis zu unterschiedlichen Tumorerkrankungen wie Brust- und Darmkrebs.“ Die Mittelmeerkost ist aber nicht die einzige Diät, die weit mehr kann, als nur Fettpolster zum Schmelzen zu bringen.

So setzt man an einigen Kliniken auf eine histaminarme Kost, um Urtikaria - auch Nesselsucht - in den Griff zu bekommen. Diese Krankheit betrifft allein in Deutschland rund 800.000 Menschen, und sie zeigt sich durch hellrote, heftig juckende Quaddeln auf der Haut. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Histamine, die als Botenstoffe einerseits vom Immunsystem gebildet, andererseits aber auch über die Nahrung zugeführt werden.

Dementsprechend kann es hilfreich sei, diese Zufuhr zu kappen, indem man Speisen meidet, die durch längeres Lagern die problematischen Amine angereichert haben. Dazu zählen Nüsse, Käse, Wein, Fisch- und Gemüsekonserven sowie Salami, Schinken und andere gepökelte Wurst- und Fleischwaren.

Dermatologen um Petra Staubach vom Uni-Klinikum Mainz haben die Wirksamkeit einer histaminarmen Diät an 56 Patienten mit chronischer Urtikaria überprüft. Nach drei Wochen halbierten sich bei ihnen die Beschwerden, sie konnten die Dosis ihrer Medikamente um fast eine komplette Tablette herunterschrauben.

Ein Forscherteam der John Hopkins University ermittelte, dass Intervallfasten - mit 5 Tagen in der Woche, an denen man isst, und 2, an denen die Kaloriendosis auf ein Viertel reduziert wird - das Hirn jung hält und die kognitiven Fähigkeiten verbessert. Die 40 stark übergewichtigen Probanden wurden entweder auf eine Diät mit Obst, Gemüse, Vollkorn und fettarmen Milchprodukten gesetzt, oder eben auf das Fasten im Intervall.

Nach acht Wochen untersuchte man per MRT das Gehirnalter der Probanden. Dabei zeigten sich die „normalen“ Diät-Köstler 2,42 Jahre jünger, als es von ihrem Alter zu erwarten gewesen wäre. Das ist schon ein kräftiger Verjüngungseffekt. Doch bei den Intervall-Fastenden war der Effekt mit 2,63 Jahren noch einmal deutlich stärker ausgeprägt. Und das alles nach nur 8 Wochen.

Die Erklärung: Das Intervallfasten aktiviert die so genannte Autophagie, also die Müll- und Trümmerentsorgung in den Hirnzellen.

In einer chinesischen Studie zeigte sich das Intervallfasten - mit 16 Stunden Verzicht pro Tag und 8 Stunden, in denen man essen darf - als wirksamer Blutdrucksenker. Vorausgesetzt, dass man, um die 16 Stunden Fasten zu erreichen, nicht morgens, sondern abends die Mahlzeit ausließ. In diesem Falle senkte sich der untere, diastolische Blutdruckwert um fast 3 mmHg. Der Grund: Unsere biologische Uhr sorgt dafür, dass wir das Frühstück besser und stressärmer verarbeiten können als das Abendbrot.

Newcomer-Star unter den Diäten ist die Nordic Diet, auch Wikinger-Diät genannt. „Ihr Konzept ist simpel: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“, erläutert Kati Voss vom Landeszentrum für Ernährung in Baden-Württemberg. „Anders als in der mediterranen Ernährung wird bei der nordischen Diät auf Regionales, Altbekanntes und von Kind an Vertrautes zurückgegriffen.“

Das bedeute einen „klaren Zugewinn an Geschmack, Frische, Verfügbarkeit und nicht zuletzt an Nachhaltigkeit“. So basiert die Wikinger-Kost auf den traditionellen Nahrungsmitteln in Nordeuropa. Zu ihnen gehören Vollkornprodukte aus Roggen, Gerste und Hafer sowie Sauerteigbrot statt dem mittlerweile weltweit üblichen Hefebrot.

Beim Obst stehen einheimische Beeren und beim Gemüse einheimisches Wurzelgemüse wie Rote Bete, Karotten und Rüben im Vordergrund, und statt Bratenfett oder Olivenöl gibt es Rapsöl. Abgerundet wird die nordische Kost durch Pilze, Nüsse, Muscheln und Algen sowie drei Mal wöchentlich fettreichen Fisch, wie Makrele und Lachs.

„Zudem setzt die New Nordic Diet auf althergebrachte und schonende Zubereitungsmethoden wie Niedrigtemperaturgaren im Schmortopf oder Ofen sowie das Fermentieren von Fisch und Gemüse“, betont Ernährungswissenschaftlerin Voss. Ein großer gesundheitlicher Vorteil der nordischen Diät besteht darin, dass sie uns entwicklungsgeschichtlich nahesteht. Wir haben früher immer so gegessen, unsere Verdauung und unser Stoffwechsel sind also körperlich bestens darauf eingestellt.

Das DIfE berichtet in einer Studie von Beobachtungen, wonach von der mediterranen Kost vor allem die Bewohner der Mittelmeerregion und von der nordischen Variante insbesondere die Bewohner der Nordseeregion profitieren. Wie dieser Profit aussehen kann, belegt eine aktuelle Studie des University Colleges in London.

Demnach schützt der nordische Speiseplan einen Senior vor typischen Alterserscheinungen, wie etwa Muskelschwäche, Gangunsicherheit, Sturzanfälligkeit und Problemen beim Bewältigen der Alltagsaktivitäten. Was unter anderem wohl an den hohen Protein- und Vitamin- D-Werten sowie den mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Wikinger-Diät liegt.

Ein Forscherteam um Lars Ove Dragsted von der Universität Kopenhagen setzte seine Probanden - allesamt übergewichtig und diabetesgefährdet - sechs Monate lang auf eine Nordic Diet. In der Folge verbesserten sich nicht nur ihre Cholesterin- und Blutfettwerte, sondern auch der Blutzuckerspiegel. „Und all das geschah ohne eine signifikante Gewichtsreduktion“, betont Dragsted. „Denn wir hatten die Nordic-Diät-Gruppe aufgefordert, das Gewicht stabil zu halten und mehr zu essen, sobald sie einen Gewichtsverlust bemerken.“

Ihr Stoffwechsel hatte sich also verbessert, ohne dass sie darben mussten. Im Gegenteil: Sofern die Kilos purzelten, durften die Probanden sogar mehr essen als sonst. Solche Anweisungen hört man natürlich gerne von einer Diät.

Ähnliche Artikel