Osnabrück  Lindners Rolex, Baerbocks Casio: Experte entschlüsselt den Uhren-Stil der Mächtigen

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 25.11.2024 06:00 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ihre Uhr ist vielseitig, aber wenig nachhaltig: Außenministerin Annalena Baerbock trägt Casio Foto: dpa
Ihre Uhr ist vielseitig, aber wenig nachhaltig: Außenministerin Annalena Baerbock trägt Casio Foto: dpa
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Warum trägt CSU-Chef Markus Söder eine Uhr, die mal für Kampfschwimmer gedacht war? War die Uhr von Friedrich Merz sehr teuer? Und welche Botschaft sendet Annalena Baerbocks Mode-Modell? Wie ein Experte die Signale der Mächtigen deutet – eine Stilkritik.

Der niedersächsische Landwirt und Unternehmer Joachim Kellermann von Schele ist das, was man einen Kenner nennt: Armbanduhren und insbesondere die diffizile Mechanik dahinter sind sein Hobby – vielleicht auch, um seinen beruflichen Umgang mit eher groß dimensionierter Land- und Forsttechnik auszubalancieren.

Seine langjährige Beschäftigung mit dem Thema hat ihn für Uhrenliebhaber zu einem gefragten Gesprächspartner gemacht. Auf Bitten dieser Redaktion hat sich Kellermann von Schele bereit erklärt, die Uhren führender deutscher Politiker zu kommentieren. Im Folgenden protokollieren wir seine Urteile, die naturgemäß sehr unterschiedlich ausfallen.

Kellermann von Schele: „Friedrich Merz wird von seinen politischen Konkurrenten gerne dafür kritisiert, dass er in der Wirtschaft Millionen verdient hat. Ich würde sagen: Das ist eben Marktwirtschaft, und mir nötigt es eher Respekt ab, dass ein Mann, der wirtschaftlich alles erreicht hat, mit Ende 60 noch mal freiwillig durch den Scheuersack der Politik geht.

Zu Beginn seines politischen Comebacks, bei seiner ersten Bewerbung um den Parteivorsitz, setzte er dabei auf ein legeres Auftreten: keine Brille, sportliche Rolex.

Heute wirkt Merz staatsmännischer. Er trägt nach wie vor sehr gut geschnittene, qualitativ hervorragende Anzüge und Umschlagmanschetten, mittlerweile aber dazu eine schlichte Lederbanduhr aus Stahl, die vermutlich das Modell ,Noramis‘ der Marke Union ist. Man erkennt sie daran, dass sie für die Anzeige der Stunden abwechselnd einen Index in Form eines langgezogenen Dreiecks und eine arabische Ziffer besitzt. Eine sehr schlichte, flache Uhr, die zu allem passt und dabei durchaus nobel aussieht. 

Darüber hinaus ist es für Merz vielleicht auch von Bedeutung gewesen, dass sie ein Produkt eines traditionsreichen deutschen Uhrenherstellers aus Glashütte (Sachsen) ist, der zudem für den sehr guten Gegenwert seiner Uhren bekannt ist.  Merz hätte mit Sicherheit die Mittel, eine Uhr eines Schweizer Spitzenherstellers zu tragen, tut es aber nicht: Er trägt lieber eine preiswürdige deutsche Armbanduhr. So läuft er nicht Gefahr, dass er aufgrund eines teuren, aufwendigen Accessoires verteufelt wird, so wie es ihm wegen seines Privatflugzeugs passiert ist. Mit der Union ,Noramis‘ bleibt er gewissermaßen unter dem Radar.“

Kellermann von Schele: „Markus Söder ist ja ein Kleiderschrank von einem Mann, deshalb passen große Uhren sehr gut zu ihm. Er hat mal eine Zeit lang eine große Breitling mit hochglanzpoliertem Metallarmband getragen, das wirkte sehr glitzy. Seit Jahren sieht man ihn auf Fotos allerdings nur noch mit einer Panerai mit blauer Lünette und dunkelblauem, reißfestem Kautschukband. Die Assoziationen: Maskulinität, Sportlichkeit und Robustheit auch bei widrigen Bedingungen – die ersten Panerai-Uhren entstanden ja einst als wasserdichte Taucheruhren für die Kampfschwimmer der italienischen Marine.

Es ist eine große, auffällige Uhr mit unverkennbarem Design, das man schon von Weitem erkennt. Sowas zu tragen, muss man sich trauen. Grundsätzlich erfüllt Söder nicht in jeder Hinsicht meine Vorstellungen von einem charaktervollen Politiker. Aber dass er so unaufgeregt mit seiner Armbanduhr umgeht und sie zwanglos zur Schau stellt, finde ich sympathisch.“

Kellermann von Schele: „Gerhard Schröder ist sukzessive immer weiter höher geklettert in der Hierarchie der Uhrenwelt. Er hat mal mit einer Nomos angefangen, die ihm seine damalige Frau Doris geschenkt hat. Mittlerweile ist er bei einer Rolex „Day-Date“ angekommen, womöglich aus Platin. Eine High-End-Uhr, die nicht so leicht zu identifizieren ist, weil sie ein relativ schlichtes Äußeres hat. Nur der Kenner kann das „President“-Armband vom „Oyster“-Band oder dem „Jubilee“-Band unterscheiden und weiß, dass das hellblaue Zifferblatt nur bei der sehr teuren Platin-Version dieser Uhr verwendet wird.

Selbst wenn Sie schon eine Day-Date aus Gold oder Stahl haben und ein hellblaues Zifferblatt nachrüsten wollen, bekommen sie es nicht: Rolex macht das nicht.

Man hat Schröder seinen Hang zum Luxus immer wieder vorgehalten, Stichwort: Brioni-Kanzler. Er hat darauf aber nie viel Rücksicht genommen, das hat mir immer gefallen. Zumal er in seinem persönlichen Aufstieg nie die Belange der Gesellschaftsschicht aus den Augen verloren hat, der er selbst entstammt. Von mir aus hätte er ruhig schon früher mit so guten Uhren anfangen können.“

Kellermann von Schele: „Die Außenministerin trägt eine Modeuhr, die bei jungen Leuten gerade sehr nachgefragt ist. Meine Neffen haben auch ähnliche Modelle. Rein optisch hat Baerbock eine Wahl getroffen, die perfekt ihren mit hohem Aufwand durchkomponierten Auftritten entspricht. Würde sie eine Swatch tragen, wäre das zwar auch jung und frisch, aber weniger schmuckartig und elegant. Diesen Goldton kann sie praktisch zu allem anziehen, was sie trägt.

Insgesamt lässt sich die Casio als eine Hommage an das Publikum der Grünen lesen, als Anlehnung an den jungen Zeitgeschmack. Auch wenn solch eine Uhr natürlich im Widerspruch zu den Nachhaltigkeitsbekundungen der Grünen steht: Bei ihr muss man alle paar Jahre die Batterie wechseln.“

Kellermann von Schele: „Mit einer so dezenten Uhr wie dieser Nomos macht man nichts falsch. Und es ist schon stimmig, wenn das deutsche Staatsoberhaupt einen Zeitmesser made in Germany trägt.

Trotzdem muss ich gestehen, dass ich das Modell spießig finde. Es passt zu dieser Berliner Republik, wo die oberste Maxime lautet: Bloß nicht auffallen. Diese Art der Stromlinienförmigkeit hat in meinen Augen etwas Unauthentisches, Unpersönliches. Von einem Bundespräsidenten hätte ich mir ein bisschen mehr Ambitionen und mehr Selbstbewusstsein gewünscht.“

Kellermann von Schele: „Ein Vintage-Modell, TV-Screen-Gehäuse, sehr wahrscheinlich von Omega, 70er-Jahre: eine ausgefallene, sehr schöne Uhr: Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, die hat Marco Buschmann entweder gezielt gekauft, oder es war ein Geschenk, das ihm bis heute am Herzen liegt, vielleicht sogar aus der Zeit vor seinem Erwachsenen-Dasein.

Der Design-Clou besteht in dem integrierten Stahlband: Viele Hersteller boten damals Modelle an, bei denen das Band direkt mit dem Gehäuse verbunden ist. Zur Zeit ihrer Entstehung war diese Uhr möglicherweise ein Massenprodukt. Heute ist sie ein Geheimtipp. Das ist wirklich die gehobene Form des guten Geschmacks: eine sehr gute, alte Uhr, die kaum einer erkennt.“

Kellermann von Schele: „Von Christian Lindner gibt es die berühmte Geschichte, wie er für eine Talkshow mal seine Uhr abnahm und unter dem Tisch verbarg. Nach der Sendung holte er sie wieder hervor und zog sie an, ohne zu merken, dass die Kamera noch lief. Ich habe das nicht verstanden – soll er doch dazu stehen, was er trägt!

Zumal er eine ganze Reihe sehr schöner Uhren besitzt. Man sieht ihn oft mit der IWC Portugieser „Sieben Tage“, die relativ selten ist, gewiss eine gezielte Wahl. Dasselbe gilt für seine Uhr mit Terminkalender von Glashütte Original – eine uhrmacherische Delikatesse und ein Zeichen seines selektiven Geschmacks. Am häufigsten trägt er aber seine „Milgauss“ von Rolex, eine mechanische Uhr mit antimagnetischem Gehäuse.

Sie hat orangefarbene Stundenindizes, einen orangefarbenen, gezackten Sekundenzeiger und seit dem Remake 2007 auch noch ein grün getöntes Glas. Ich finde ihr Design diskussionswürdig. Aber es gab zwischenzeitlich mal einen richtigen Hype um dieses Modell, und da Rolex die Uhr mittlerweile nicht mehr baut, wird sie heute deutlich über dem damaligen Neupreis gehandelt.“

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