Warschau  Polens Luftabwehr: Soll die NATO erlauben, russische Raketen frühzeitig abzufangen?

Jens Mattern
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Von Jens Mattern
| 21.11.2024 15:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Polens Luftabwehr ist wieder in erhöhter Alarmbereitschaft – doch soll sie notfalls auch über der Ukraine agieren? Foto: IMAGO/Björn Trotzki
Polens Luftabwehr ist wieder in erhöhter Alarmbereitschaft – doch soll sie notfalls auch über der Ukraine agieren? Foto: IMAGO/Björn Trotzki
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Polen sieht sich durch Raketen aus Russland gefährdet und will diese frühzeitig abschießen – notfalls über ukrainischem Staatsgebiet. Doch die Nato zögert noch mit der Freigabe. Darum geht es.

Erneut war Polens Luftabwehr am Donnerstag in „höchster Bereitschaft“, wie die Operative Führung der polnischen Streitkräfte mitteilte. Kampfflugzeuge stiegen auf und die entsprechenden Einrichtungen waren zu „sofortiger Reaktion“ bereit.

Russland hat die Ukraine gestern erstmals mit Interkontinentalraketen angegriffen, vermutlich als Reaktion auf den ukrainischen Einsatz der Marschflugkörper vom Typ „Storm Shadow“, welche Kiew aus Großbritannien geliefert bekam. Anfang dieser Woche erlaubte US-Präsident Joe Biden den Einsatz von Langstreckenraketen gegen Russland.

Doch wie sieht es mit Polens Sicherheit aus? Am Sonntag verantwortete die Russische Föderation den größten Luftangriff auf die Ukraine seit Monaten. Dabei schlugen rund zehn Kilometer von der polnischen Grenze Geschosse bei dem ukrainischen Ort Tscherwonohrad ein.

Ginge es nach der Führung in Warschau und Kiew wäre die russischen Raketen, Drohnen oder Marschflugkörper schon über ukrainischen Territorium mittels polnischer Flugabwehr, unter anderem US-Patriot-Batterien, vom Himmel geholt worden.

„Sollte sich herausstellen, dass ein Geschoss in Richtung Polen fliegt, so wird es abgeschossen.“ so der stellvertretende Verteidigungsminister Cezary Tomczyk am Sonntag. Doch so einfach ist dies nicht, denn Warschau will einen Alleingang vermeiden.

Bereits im Juli, auf dem NATO-Gipfel in Washington, forderten Polens Außenminister Radoslaw Sikorski und Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Komysz, das Nordatlantische Bündnis sollte grünes Licht für einen Abschuss einer russischen Rakete noch über ukrainischem Territorium geben.

Doch im Weißen Haus war man damals wenig begeistert von der Idee. Das Risiko eines handfesten Konflikts mit der Russischen Föderation schien zu groß. Sikorski, der bereits als Leiter einer konservativen US-Denkfabrik gewirkt hatte, ließ jedoch nicht locker und seine Kontakte in Washington wirken.

Demokraten und Republikaner der „Kommission für Sicherheit und Kooperation in Europa“ innerhalb des Kongresses appellierten schließlich Ende Oktober an Joe Biden, hier einzuwilligen.

Bereits vor dem NATO-Gipfel hatte Premierminister Donald Tusk mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ein Militärabkommen geschlossen, welches auch Absprachen umfasst, die das Abschießen russischer Raketen im ukrainischen Luftraum betreffen. Seitdem übt der Ukrainer zunehmend Druck auf Polen aus, bei Gelegenheit russische Geschosse in der westlichen Ukraine vom Himmel zu holen.

Doch auf NATO-Ebene ist hier noch nichts entschieden. Mit dem designierten US-Präsidenten Donald Trump, der die NATO sowie das Engagement für die Ukraine einschränken will, sehen die Chancen für eine Einwilligung für Polens Verteidigungsambitionen nicht gut aus.

Auf der anderen Seite mangelt es nicht an Drohungen von Seiten des Kremls: „Ein bevorzugtes Ziel für mögliche Neutralisierung“ sei die Raketenbasis im nordpolnischen Redzikowo, drohte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa am Dienstag.

Die US-Flugabwehr-Basis, in der 500 amerikanische Soldaten stationiert werden, wurde in der vergangenen Woche von Staatspräsident Andrzej Duda eröffnet. Russland sieht sich durch die Militäranlage bedroht, da diese offiziell zum Abschuss iranischer Langstreckenraketen geplant wurde.

Bezeichnenderweise hat Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kazimierz-Kamysz bei seiner Ankündigung dieser Woche, die Basis ausbauen zu wollen, Russland nicht erwähnt. Man will den Kreml nicht provozieren.

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