Einzelhandel Haben Innenstädte in Ostfriesland noch Zukunft?
Der Einzelhandel ist unter Druck, immer wieder müssen auch in Ostfriesland Läden schließen. Was wird aus den Innenstädten?
Berlin/Leer - Aus Deutschlands Innenstädten kamen in den vergangenen Jahren viele schlechte Nachrichten: Die Kauflaune der Menschen ist im Keller, die Umsätze dümpeln vor sich hin, bekannte Händler sind pleite und Leerstand prägt vielerorts das Bild – leider auch in Ostfriesland.
Seit 2015 ist die Anzahl der Einzelhandelsgeschäfte nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) von 372.000 auf 306.000 gesunken. Im laufenden Jahr rechnet der HDE mit rund 5000 Schließungen. „Wir befinden uns schon länger in einem Strukturwandel: Online-Händler, hohe Mieten und fehlende Nachfolger lassen den stationären Handel schrumpfen“, erklärt Jörg Thoma, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands (EHV) Ostfriesland. Städte und Kommunen hätten aber erkannt, dass florierende Geschäfte für eine belebte Innenstadt wichtig sind. „Es muss ein guter Mix sein: Handel, Gastronomie, Dienstleistung und kulturelle Angebote – zusammen steigern sie die Attraktivität der Innenstädte“, sagt Thoma. Das habe man in Ostfriesland auch bereits erkannt und in Teilen schon umgesetzt.
Die „Festivalisierung der Innenstadt“
Von einer „Festivalisierung der Innenstadt“, spricht Jan-Wilhelm Dörries. Der Vorsitzende der Leeraner Werbegemeinschaft möchte mit einer Mischung aus Aktionen und Veranstaltungen mehr Leben in die Fußgängerzone bringen. „Um die Frequenz zu erhöhen, muss man Aufenthaltsqualität schaffen“, ist er überzeugt. „Die Zeiten sind vorbei, in denen man in die Stadt fahren musste, um sich beispielsweise eine Jeans zu kaufen. Die kann man online bestellen. Wer heute in die Stadt geht, will dort seine Freizeit verbringen, bummeln und etwas erleben.“
Das belegt auch die Zentrenstudie für Niedersachsen und Bremen, die von der CIMA Beratung + Management GmbH im Auftrag der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern (IHKN) und des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen (HNB) angefertigt wurde. Demnach hält sich in Niedersachsen der Einzelhandel knapp als wichtigste Funktion der Innenstadt – mit nur geringem Vorsprung vor der Gastronomie. „Zukünftig wird die Symbiose zwischen einem guten Einzelhandelsangebot, Gastronomie und Aufenthaltsqualität, wozu auch Grünmaßnahmen und Events zählen, immer mehr an Bedeutung gewinnen“, schlussfolgern auch die beiden Auftraggeber.
Günstige Parkplätze sind für Besucher wichtig
Weiter heißt es: „Der PKW ist vor allem im ländlichen Raum Niedersachsens noch das meistgenutzte Verkehrsmittel. Kostenfreie oder günstige Parkplätze in fußläufiger Entfernung zum Zentrum sind für den Großteil der Niedersachsen ein unverzichtbares Kriterium.“ IHKN und HNB sind zudem überzeugt: „Ein eigenständiges Förderprogramm für Gewerbevereine könnte die Motivation und das Engagement für den eigenen Standort maßgeblich befördern.“
Um die Leerstände in den Innenstädten besser zu bekämpfen, setzt Dörries auf eine Plattform, die die Werbegemeinschaft gemeinsam mit der Stadt auf den Weg bringen möchte. „Dort sollen alle Anfragen und Angebote für Gewerbeflächen gebündelt werden“, sagt er. Netzwerke und Kontakte sollen helfen, Interessenten und Anbieter schneller zusammenzubringen. „Wir brauchen mutige Leute, die sich selbstständig machen wollen, die etwas wagen. Und die müssen wir dann auch gemeinsam unterstützen“, fordert Dörries. Er bedauert, dass neben inhabergeführten Läden auch Filialisten wie Depot oder Esprit in Leer schließen werden.
„Es geht um Aufenthaltsqualität“
Auch Thoma weiß: „Filialisten sind Frequenzbringen“, deshalb sei es immer gut, welche in der Innenstadt zu haben. Aber auch Atmosphäre und Sauberkeit in den Fußgängerzonen und an Plätzen sei wichtig. „Es geht um Aufenthaltsqualität. Da tun Ostfrieslands Städte wirklich einiges“, sagt Thoma, und zählt auf: „In Emden sind viele Sitzmöbel dazugekommen, das Wasserspiel am Neuen Markt schafft Atmosphäre, in Leer gibt es den Wasserlauf und Gastronomie am Denkmalsplatz und in Aurich wurde die Fußgängerzone neu gestaltet.“
Auch Udo Hippen, Vorsitzender der Auricher Werbegemeinschaft, findet: „Das äußere Erscheinungsbild der Auricher Innenstadt hat sich erheblich verbessert.“ Besonders viele Leerstände habe man in der Innenstadt auch nicht. „Es ist ein guter Mix aus inhabergeführten Läden und Filialisten wie Douglas oder H&M“, sagt er.
Auch die Stadt Wittmund ist „grundsätzlich zufrieden mit der aktuellen Gestaltung der Innenstadt“, sagte Bürgermeister Rolf Claußen gegenüber unserer Redaktion bereits vor einiger Zeit.
Mit Material von DPA