Den Haag  Spionageverdacht: Russische Schiffe vor niederländischer Küste alarmieren Experten

Helmut Hetzel
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Von Helmut Hetzel
| 24.11.2024 14:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vorsichtsmaßnahme der Niederlande: Die Königliche Marine begleitet Schiffe, die die Küste des Landes passieren. Foto: dpa/PA Media/Rn Aircrew/Mod/Crown Copyright
Vorsichtsmaßnahme der Niederlande: Die Königliche Marine begleitet Schiffe, die die Küste des Landes passieren. Foto: dpa/PA Media/Rn Aircrew/Mod/Crown Copyright
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Russische Schiffe fahren immer häufiger vor der niederländischen Küste her. Experten fürchten Spionage. Die Königliche Marine beobachtet die Schiffe. Was das mit den durchtrennten Kabeln in der Ostsee zu tun haben könnte.

Immer mehr russische Schiffe tauchen vor der Küste der Niederlande auf. Allein in den vergangenen zwei Monaten sind neun russische Schiffe entlang der niederländischen Küste gefahren. In diesem Jahr waren es insgesamt bereits 16 russische Schiffe, die die niederländische Küste passierten und die von niederländischen Kriegsschiffen und Flugzeugen dabei begleitet, sprich: beobachtet wurden.

Die russische Flotte, die die holländische Küste im September und Oktober passierte, bestand aus: Drei Kriegsschiffen, drei Forschungsschiffen, zwei Öltankern und einem Fischereischiff, was auch das niederländische Verteidigungsministerium bestätigte.

„Die russischen Schiffe sind nicht ohne Grund dort unterwegs“, sagt der Verteidigungsexperte Frans Osinga in einem Interview mit dem Newsportal NU.nl. Er vermutet: „Sie betreiben Spionage.“ Osinga ist Professor für Kriegs- und Verteidigungsstudien an der Universität Leiden.

„Es ist bemerkenswert, dass in nur zwei Monaten bereits neun russische Schiffe unsere Küste passierten. In den ersten neun Monaten begleitete die Königliche Marine lediglich sieben russische Schiffe“, so Osinga weiter.

Außerdem habe die Königliche Marine der Niederlande auch zwei chinesische Schiffe vor der Küste gesichtet und begleitet.

Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr passierten elf russische Schiffe die niederländische Küste. Und im Jahr 2022, dem ersten Jahr des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, waren es neun. Nun sind es neun russische Schiffe in zwei Monaten.

„Wenn es russische Marineschiffe oder russische Forschungsschiffe sind, dann sind sie nicht ohne Grund dort unterwegs,“ meint Osinga. Es liegt auf der Hand, dass sie uns beobachten und versuchen, unsere Schiffe abzuhören.“

Russland sei vor allem an der Infrastruktur auf dem Boden der Nordsee interessiert, einschließlich der niederländischen Wirtschaftszone, die rund 200 Meilen (ca. 322 km) in die Nordsee reicht. Dort liegen Strom- und Internetkabel, sowie Öl- und Gasleitungen. Auf dem niederländischen Teil der Nordsee befinden sich ferner riesige Windturbinen-Parks.

In dieser 200 Meilenzone der Nordsee haben die Niederlande wirtschaftliche Rechte und Verantwortlichkeiten. Aber das internationale Recht der freien Schiffsdurchfahrt gilt auch hier. Es ist daher nicht möglich, den russischen Schiffen die Durchfahrt zu verbieten.

„Nur in den eigenen Hoheitsgewässern, bis zu 12 Seemeilen (22 Kilometer) von der Küste, kann man direkt eingreifen, wenn etwas Verdächtiges bemerkt wird“, sagt Frank Bekkers, Experte für maritime Sicherheit am Haager Zentrum für Strategische Studien. „Aber darüber hinaus darf man als Staat die Schifffahrt nicht behindern. Man kann nur eingreifen, wenn man Schiffe und deren Besatzung tatsächlich auf frischer Tat dabei ertappt, dass sie etwas Illegales tun.“

Deshalb begleitet und beobachtet die Königliche Marine der Niederlande alle Schiffe vor der niederländischen Küste, die nicht aus Ländern kommen, mit denen die Niederlande etwa in der Nato oder der EU verbündet ist. Oft erfolgt diese Begleitung durch Marineschiffe, manchmal aber auch per Flugzeug oder per Hubschrauber.

Dass in den letzten Monaten immer mehr russische Schiffe über die Nordsee fahren, passt nach Meinung von Bekkers in ein bestimmtes Muster. „Wenn der Westen in der Ukraine nach Meinung der Russen eine rote Linie überschreitet, reagiert Russland mit sogenannter hybrider Kriegsführung. Spionage auf See ist Teil dieser hybriden Kriegsführung.“

„Nach Ansicht Russlands wurde eine solche rote Linie überschritten, als die USA und andere westliche Länder der Ukraine erlaubten, Mittelstreckenraketen auch auf russisches Territorium abzufeuern, damit sich die Ukraine besser gegen die Raketenangriffe aus Russland verteidigen kann,“ so Bekkers.

Die Erforschung der Infrastruktur in der Nordsee und in der Ostsee sei Teil der hybriden Kriegsführung Russlands. Der jüngste Vorfall – ein Datenkabel, das zwischen Deutschland und Finnland durchtrennt wurde – gebe zu denken.

Wie das passiert ist, ist zwar noch unklar. Ebenso wenig, wer es getan hat. Nach Angaben von finnischen Datennetzbetreibern kommen solche Unterbrechungen von Kabelverbindungen im Meer jedoch „nicht ohne äußere Einflüsse“ zustande.

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind die Sorgen über die Sicherheit der Infrastruktur in der Nord- und Ostsee gewachsen.

Im September zeigte eine Untersuchung von „The Pointer News Online“, dass russische Schiffe systematisch die Infrastruktur von Nord- und Ostsee ausspionieren. Und im Februar 2023 warnte der niederländische Militärische Abschirmdienst (MIVD), dass Russland versucht, die niederländische Energieversorgung, einschließlich der Windparks in der Nordsee auszuspionieren und auf Seekarten zu kartieren.

Daher will die niederländische Regierung mehr Geld in die Sicherheit der Nordsee investieren. Die neue rechts-konservative Haager Regierung gab bekannt, sie wolle zusätzlich 41 Mio. Euro bereitstellen, um die Infrastruktur in der Nordsee besser zu schützen. Die niederländische Marine bekommt zwei neue Fregatten, die ab 2026 die Patrouillen im niederländischen Teil der Nordsee verstärken sollen.

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