Osnabrück Ist Selenskyj gescheitert? Warum sein Ex-Berater die Ukraine neu gründen will
Früher war Oleksij Arestowytsch ein gefeierter Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er galt sogar als „Kriegs-Orakel“. Heute glaubt er nicht, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland noch gewinnen kann. Er fordert, sein Land müsse neu gegründet werden. Was er damit meint.
Auf eine Zeit nach Wladimir Putin mag man hoffen oder sie fürchten. Hinweise, dass jemand in den Kreml einzieht, der zugänglicher wäre, gibt es jedenfalls kaum. Auch in Kiew wird der Präsident nicht ewig regieren. Die Wahlen hat Wolodymyr Selenskyj zwar vorerst abgesagt, die Opposition weitgehend verboten und die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Aber irgendwann – das Land versteht sich schließlich als Demokratie – wird er sich als „Diener des Volkes” demselbigen wieder stellen müssen.
Einer, der dann gegen ihn antreten möchte, war einmal sehr bekannt und heißt Oleksij Arestowytsch. Ich schaue bei ihm immer wieder einmal interessiert bei „Telegram“ und „X” vorbei, und auch bei „Youtube” unterhält der Ukrainer einen ausgesprochen erfolgreichen Kanal.
Arestowytsch ist ein hochdekorierter früherer Geheimdienstoffizier. Er war Präsidentenberater in Kiew. In der Anfangszeit des Krieges war er zu einer Art Orakel-Star geworden, weil er russische Schritte früh vorausgesehen hatte. Westliche Medien zitierten den Strategen nahezu täglich. Später gehörte er der ukrainischen Delegation bei den gescheiterten Friedensverhandlungen in Istanbul an. Aber regelrecht berühmt wurde er, weil er fortlaufend in den sozialen Netzen den Kriegsverlauf deutete und prägnante patriotische Ratschläge gab.
Viele Landsleute feierten Arestowytsch dafür. Aber inzwischen ist der Ex-Militär in Ungnade gefallen. Er hält sich im Ausland versteckt, was nicht verwundert: Er will den Krieg nicht mehr. Kiew, so sagt er, solle sich von den USA emanzipieren und den Ausgleich mit Russland suchen. Es sei „unausweichlich”, dass Washington seine Unterstützung zu gegebener Zeit reduziere, sprich: wenn die Ukraine ihren Zweck erfüllt hätte. Es sei an der Zeit für Verhandlungen, findet der Exilant, der zu Beginn des Krieges in blumigen Worten den Widerstand beschwor.
Heute klingt das „Orakel“ anders. „Krieg ist ein Wettbewerb der Systeme”, schreibt Arestowytsch. Die Ukraine hätte den Angriff nur dann ruhmreich abwehren können, wenn die Kämpfe schnell geendet hätten. Den geeigneten Zeitpunkt verpasst zu haben, führe ins Verderben. Auf lange Sicht habe Kiew keine Chance. Russland verfüge über eine hierarchische Verwaltung, viel Geld und die höhere Einwohnerzahl, um sein Militär auszubauen.
In der Ukraine sei der Staat hingegen schwach, die Gesellschaft zersplittert und der Haushalt von wankelmütigen ausländischen Gönnern abhängig. Die jungen Männer würden sich dem Kampf in Massen entziehen. Wer wolle auf dieser Basis an einen Sieg glauben? Hunderttausende Menschen stürben vergebens.
An der Regierung in Kiew lässt der Dissident kein gutes Haar, wenn sie versucht, weitere 500.000 Männer zwangsweise einzuberufen – darunter Häftlinge. Arestowytsch schreibt: „Ich möchte daran erinnern, dass wir gelacht haben, als die Russische Föderation (...) dieselben Entscheidungen traf. Nachdem hier nun die gleichen Maßnahmen eingeführt werden, gibt es irgendwie weniger Gelächter.“
Aus dem Exil heraus kritisiert er das Selbstbild der Kiewer Machthaber aber auch ganz grundsätzlich. In einem seiner jüngsten „X“-Einträge notierte der Kriegs-Influencer erst vor wenigen Tagen, „das Konzept des Maidans endete in einer Katastrophe für die Ukraine. Mir ist bewusst, wie schmerzhaft das für viele Menschen klingt, auch für diejenigen, die mir nahe stehen.” Aber die Neutralitätspolitik aufzugeben sei ein „Kernfehler“ gewesen und habe wesentlichen Anteil an der weiteren Entwicklung in den Jahren ab 2015 gehabt.
Arestowytsch glaubt inzwischen, dass das Konzept einer postsowjetischen Ukraine als einheitlicher Staat gescheitert sei. Dies liege nur bedingt am Angriff durch Russland. Vielmehr passe die Vorstellung einer homogenen Nation schlicht nicht zur heterogenen Bevölkerung der Ukraine und lasse sich durch Fahnenkult, Sprachzwang und anderen nationalen Symbolismus auch nicht künstlich erzeugen.
Wer vorausdenke, müsse sich daher fragen, was auf die Maidan-Ära folge, die Arestowytsch für unausweichlich gescheitert hält. Er schlägt vor, eine Nachkriegs-Ukraine komplett anders zu denken: pluralistisch und nicht nationalistisch, offen nach innen und nach außen, als eine bunte Republik mit Respekt gegenüber ihren Volksgruppen und auch jenen, die russisch sprechen und russisch-orthodox glauben.
Das Land müsse sich vollständig neu gründen, ein weiteres Mal, sich als Versöhnungsprojekt verstehen und von dem Zwang befreien, den seine jetzige Spitze ausübe, ebenso von der unvermindert grassierenden Korruption. Kühne Thesen. Aber spannend. Weitergehend will ich Arestowytsch‘ Aussagen gar nicht bewerten. Bilden Sie sich bitte Ihre eigene Meinung! Vom Wandel des „Orakels von Kiew” zu wissen, wird dabei zumindest nicht schaden.