Osnabrück  Nicht nur wegen ChatGPT: Kommt das Abkupfern wieder groß in Mode?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 28.11.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
chamlos abgekupfert? Die bloße Nachhamung spielt bei Industrieprodukten eine unrühmliche Rolle. Im Bild: Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 2017 in Frankfurt fotografiert ein Messegast das Detail in einem präsentierten Auto. Foto: imago/Arnulf Hettrich
chamlos abgekupfert? Die bloße Nachhamung spielt bei Industrieprodukten eine unrühmliche Rolle. Im Bild: Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 2017 in Frankfurt fotografiert ein Messegast das Detail in einem präsentierten Auto. Foto: imago/Arnulf Hettrich
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Schamlos abgekupfert: Wer das tat, war als talentloser Nachahmer abgestempelt. Aber ist das in Zeiten der Künstlichen Intelligenz noch ein Manko? Und woher kommt eigentlich der Begriff?

Manchmal kann man dabei zusehen, wie ein Wort, das eben noch selbstverständlich verwendet wurde, langsam aus dem Sprachgebrauch verschwindet. Abkupfern: Das ist so ein Wort. Viele Menschen verstehen noch, was mit diesem Verb gemeint ist. Aber verliert es nicht so langsam seine Dringlichkeit, weil sich kaum noch jemand daran stört, wenn jemand abkupfert?

Abkupfern, das bedeutet so viel wie abschreiben oder kopieren, nachahmen oder imitieren. Wie der Sinn auch gelagert sein mag, immer geht es darum, das Duplikat eines Originals zu erstellen. Bei aller Geschicklichkeit – eine kreative Leistung ist das nicht.

Einfach abkupfern, das stand nie hoch im Kurs. Wer abschrieb, hatte nicht einfach abgekupfert, sondern schamlos abgekupfert. Das Werturteil stand immer fest. Warum sage ich das in der Form der Vergangenheit? Weil Künstliche Intelligenz gerade den Unterschied von Original und Kopie, von kreativer Eigenleistung und bloßem Abschreiben endgültig auszuhebeln scheint.

Dabei haben die Mediendebatten um Plagiate in Doktorarbeiten prominenter Politiker von Karl-Theodor zu Guttenberg bis Franziska Giffey ebenso wie Kontroversen um Produktpiraterie gezeigt, dass der Respekt vor dem neuen und eigenständigen Gedanken weiter hoch ist. Aber wie lange hält das noch? Schon jetzt ist es groß in Mode, ChatGPT eine Frage zu stellen und sich wie ein Kind darüber zu freuen, dass der gewünschte Text umgehend bereitgestellt wird.

ChatGPT gäbe es nicht ohne das Abkupfern in großem Stil. Die Künstliche Intelligenz schreibt erst einmal kräftig ab, um überhaupt arbeiten zu können. Ganze Bibliotheken werden dafür gescannt. Wer nennt das noch abkupfern?

Das Wort verdankt sich übrigens einer Medienrevolution früherer Zeiten. Seit dem 17. Jahrhundert fertigten Handwerker auf Kupferplatten Kopien von Gemälden, um sie leicht und in hoher Stückzahl kopieren zu können. Der Kupferstecher war der Mediengestalter seiner Epoche. Ein Erfinder war er meistens nicht.

Im Gegenteil. Als jemand, der nur nachahmt, spielte der Kupferstecher immer nur die zweite Geige hinter dem Genie. Einzigartigkeit schlägt Nachahmung: So lautete die Grundregel. Aber was kommt da jetzt mit Künstlicher Intelligenz auf uns zu? Mein lieber Freund und Kupferstecher!

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