Analyse zur Kaufkraft Gleichen niedrige Preise in Ostfriesland die niedrigen Löhne aus?
Trotz niedriger Arbeitseinkommen kann die Kaufkraft in einer Region relativ hoch sein. Nämlich dann, wenn auch das Preisniveau niedrig ist. Geht diese Rechnung in Ostfriesland auf? Eine Analyse.
Ostfriesland/Köln - In Ostfriesland kann man richtig viel Geld verdienen – sogar reich werden. Thekla und Marie Wobben aus der Familie von Enercon-Gründer Aloys Wobben haben es in der Rangliste der „500 reichsten Deutschen“ des Manager-Magazins im Oktober 2024 auf Platz 149 geschafft. Nach den Recherchen des Wirtschaftsmediums soll sich ihr Vermögen auf 1,6 Milliarden Euro belaufen – im Vorjahr sollen es noch 800 Millionen Euro mehr gewesen sein.
Von so viel Geld können Arbeiter im Windenergieanlagen-Bau, die teilweise nicht einmal nach einem Flächentarifvertrag bezahlt werden, nur träumen.
Medianentgelte – ein Regionen-Vergleich der Bundesregierung
Das Niveau der Arbeitnehmereinkommen in Ostfriesland ist niedrig. Das geht aus Vergleichen der 400 Landkreise und Kreisfreien Städte hervor, wie sie die Bundesregierung in ihrem „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ angestellt hat.
Das „mittlere Einkommen“ (Medianentgelt) pro Monat lag demnach in Emden zwar über dem bundesweiten Mittelwert und Median (siehe Tabelle) – die ostfriesischen Landkreise Aurich, Leer und Wittmund aber darunter. Sie schafften es im diesbezüglichen Deutschland-Ranking nur auf die Plätze 317, 325 und 335 von 400. Emden, wo sich das VW-Werk lohnmäßig bemerkbar macht, kam auf Rang 68.
Arbeitnehmer-Löhne im Vergleich zum Preisniveau
Vergleicht man die mittleren Bruttojahreslöhne und -gehälter je Arbeitnehmer, wie sie in der „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ 2022 der Statistik-Ämter des Bundes und der Länder ausgewiesen sind, rangiert Emden mit 40.752 Euro sogar noch etwas weiter oben: auf Platz 61. Leer (30.213 Euro), Aurich (30.151 Euro) und Wittmund (30.036 Euro) liegen derweil auf den Plätzen 393, 394 und 397.
Klar ist umgekehrt, dass Wohnungen – egal, ob zum Kauf oder zur Miete – in Ostfriesland billiger sind als in Ballungsräumen. München ist der Inbegriff für teuren Wohnraum. Unterschiede im Preisniveau können also Unterschiede im Entgeltniveau egalisieren. Bereits beim Vergleich des Preisniveaus in Ostfriesland mit dem Bruttolohn-Niveau pro Arbeitnehmer zeigt sich allerdings in den ostfriesischen Landkreisen, dass sie beim Einkommen mehr als 20 Prozent unter dem Bundesschnitt liegen – beim Preisindex jedoch nur 4,7 bis 6,2 Prozent unter dem Schnitt.
Die Stadt Emden liegt jedoch entgeltmäßig leicht über dem Deutschland-Wert – und beim Preisniveau aber trotzdem fünf Prozent darunter. Hier treffen demnach in der Tendenz überdurchschnittliche Arbeitnehmerentgelte auf unterdurchschnittliche Preise.
Neue Studie zur Kaufkraft in den Landkreisen und Kreisfreien Städten
„Starnberger können sich doppelt so viel leisten wie Offenbacher“, berichtete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Sonntag. Seine neue Studie zeigt, „in welcher Region sich die Menschen am meisten von ihrem Geld leisten können – mit teils beträchtlichen Unterschieden“. Es geht um die Kaufkraft – die Einkommen wurden um Preisniveau-Unterschiede bereinigt.
Das Institut hat hierfür offenbar auf das „Verfügbare Einkommen je Einwohner“ aus der „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ der Statistik-Ämter zugegriffen. Stand: 2022. Dieses hat das IW mit dem (Regionalen) Preisindex für das Jahr 2023 ins Verhältnis gesetzt. Unsere Redaktion hat für die Rechnung hingegen – passend zum Einkommen 2022 – den Preisindex 2022 herangezogen, den das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zusammen mit dem IW recherchiert und berechnet hat.
So wird aus dem „Verfügbaren Einkommen“ ein „Realeinkommen“
Durch die Preisbereinigung wird aus dem „Verfügbaren Einkommen“, auch Nominaleinkommen genannt, das „Realeinkommen“ (siehe Tabelle). Auf Platz 1 des daraus resultierenden Einkommens-Rankings ist der bayerische Landkreis Starnberg, obwohl dort das Leben rund 14 Prozent teurer ist als im Bundesschnitt – aber das nominale Einkommen liegt sogar 55 Prozent über dem Bundesschnitt.
Berechnet man den Unterschied zwischen nominalem und realem Einkommen, so stellt man fest, dass die Preisbereinigung dem ebenfalls bayerischen Landkreis Wunsiedel das größte Plus beschert hat – einen rechnerischen Jahreseinkommens-Zuwachs von 2869 Euro. München hat bei der Preisbereinigung hingegen den größten Einkommensverlust zu verzeichnen: 7114 Euro.
Wie steht Ostfriesland nach der Preisbereinigung lohnmäßig da?
Das in München verbliebene Realeinkommen von 28.353 Euro im Jahr 2022 liegt aber immer noch höher als die ostfriesischen Einkommen, obwohl jene durch die Preisbereinigung alle gestiegen sind (siehe Tabelle oben).
Fazit: Das niedrigere Preisniveau in Ostfriesland (4,7 bis 6,2 Prozent unter dem Bundesschnitt) vermag das niedrigere Einkommensniveau (4,5 bis 19,3 Prozent je Einwohner unter dem Bundesschnitt) nicht auszugleichen. Beim preisbereinigten Einkommen je Einwohner belegt der Kreis Wittmund Platz 204, der Kreis Aurich Platz 285, der Kreis Leer Platz 330 und Emden Platz 390 – von 400. Resultieren die niedrigen Einkommensverhältnisse in Ostfriesland aus einer geringen Produktivität oder aus Lohn-Dumping?
Wertschöpfung und Bruttolöhne in Ostfriesland – pro Stunde
Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) je erwerbstätiger Person haben die ostfriesischen Landkreise im Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung ebenfalls niederrangig abgeschnitten.
Betrachtete man das BIP 2022 als Maßstab für die Wertschöpfung, so liegen die ostfriesischen Gebietskörperschaften auch je Arbeitsstunde der Erwerbstätigen unter dem Bundesschnitt: 14,29 Prozent im Kreis Wittmund, 16,98 Prozent im Kreis Aurich und 3,09 Prozent im Kreis Leer. Bei den Bruttolöhnen und -gehältern je Arbeitsstunde der Arbeitnehmer sind sie 22,4 Prozent (Wittmund, 21,2 Prozent (Aurich) und 20,8 Prozent (Leer) unter dem Bundesschnitt. Emden liegt beim BIP 2,2 Prozent über und beim Lohn 1,51 Prozent unter dem Schnitt.
Aber: „Die Differenz aus dem nominalen BIP und den Arbeitnehmerentgelten [...] erlaubt keine direkten Rückschlüsse auf Gerechtigkeits- oder Effizienzaspekte“, so das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage. Es sei „zu beachten, dass eine eigenständige, komplette Berechnung des BIP über die Verteilungsseite – das heißt ausgehend von den verschiedenen Einkommensarten – für Gesamtdeutschland seitens der amtlichen Statistik nicht durchgeführt wird, weil über den Betriebsüberschuss beziehungsweise die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nur lückenhafte statistische Basisdaten vorliegen“.